Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 5 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- Seite 53 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hände Werk verkündet die Festes Gott. der Höchste, der Allmächtige, der Ewige» läßt den Menschen, wohnen in feinem Geheimnis", „ruhen in seinem Schatten", „eine Stätte finden für und für". In unüberbietbarer Bestimmtheit hat es schon Jesaja ausgesprochen: „Also spricht der Hohe und Erhabene, der ewig thront und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und als Heiliger throne ich und bei dem, der bedrückt und gebeugten Gemütes ist. bin ich/ Und der Talmud sagt sinnvoll und beziehungsreich. in Anlehung an den Satz auS Deuteronomium, der den großen, allmächtigen, ehrfurchtgebietenden Gott der Waise und Witwe Recht schaffen und den Fremdling lieben läßt: „Ueberall, wo du in der Schrift die Größe und Machtfülle Gottes ausgesprochen findest, findest du seine Demut dicht daneben." Es ist eine der feinsten Bemerkungen des Buches, daß diesem religiösen Empfinden, da es beides, das Nahe wie das Ferne, in gleicher Weise lebendig erfaßt, „ein verziehendes und Hinziehendes^ innewohnt, eine S Pa n n u n g. in der es sich dehnt und sehnt: ein Dorthin und Hierher, ein Zagen und Verlangen, ein Suchen und Haben ist so darin: in dicser Spannung hat das religiöse Erleben, wie es in der israelitischen Seele geworden ist. ein Eigenes und Besonderes". Man kann von hier aus. gerade am Schöpfungsproblem, den ganzen unüberbrückbaren Gegensatz n urschen Glauben und Wissen. Religion und Philosophie ermessen, indem man etwa an Aristoteles denkt: dem Philosophen, dem es um das Gegenteil von „Spannung", um klare Lösung und Trennung des Unvereinbaren zu tun ist. wird der philosophisch begriffene Gott, das bewegende Unbewegte, zugleich ein unschöpferischer und die Ervigkeit der Welt zur wissenschaftlichen Notwendigkeit. Am Menschen, der sich als geschaffen erfaßt hat. vollzieht sich das zweite Paradorvn der Religion: der Wille und sein Gebot, Dder. parador eben allsgedrückt: Geschöpf und Schöpfer tu einem zu fein, Gebilde und dc»ch ein Bildner Gewordener lmd atlch ein Verwirklichender. Der Men'ch erlebt die Wirklichkeit des Guten, erfährt, wie er dadurch, daß er das Gute übt. etlvas zri gestalten vermag: ihn überkommt das Fordernde und Gebietende, das Mahnende und Drängende feines Daseins, er vernimmt nicht nur, was er ist. sondern auch, was er sein kann und sein sott. „Er ist aus dem Dunkel des Rätsels und doch im Lichte des Gebots." Er ist geschaffen und doch frei. Sein Leben ward und wird ihm in jedem Augenblick von einer höheren Macht bereitet. und dasselbe Leben treibt ihn unaufhörlich daß er selber es bereite. In unverhüllter, grandioser Gegensätzlichkeit hat es der große Akiba (des 2. nachchristlichen Jahrhunderts) in der Mischnah nebeneinandergestellt: ..Alles ist vorausgeschaut. und die Freiheit ist doch gegeben." Da ist aber auch ein schlichtes Moies-Wort: „Das Verborgene ist des Ewigen, unseres Gottes, und das Lffenbare ist unser und unserer Kinder ewiglich, daß wir tun alte Worte dieser Lehre." Das spricht ja auch schon vom „Dunkel des Rätsels" und vom „Lichte des Gebots", schließt beide Zllsammcn und offenbart in ihrer Einheit die ganze Bedeutung unseres Lebens. ' Du Mensch. ..trotz deiner gebildet, trotz deiner geboren. trotz deiner im Leben" iMnchna). du sollst und du kannst. ward dir kund. «int iß und was Gott von dir verlangt (Micha). Stammt der Geschaffene a u s Gott, so steht der Sittlich-Freie seinem Gotte g egen ü b e r. Tenn „altes ist ja in Gottes Hand. nur nicht des Menschen Gottesfurcht": und „nichts empfangt Gott ans feiner Welt als nur des Merlschon Gottesfurcht". Irr diesen kühnen Talmudsätzen ist zum Ausdruck gebracht, daß der harrdelnde Mensch in der gottgeschaffenen und ihn selbst mitumfasseaden Wett aus dem bloßen Ureis der Lbjekte als Subjekt herarrstritt. Er wählt feine Welt, in der er leben will. Nicht nur Gott offenbart sich dem Menschen: auch der Mensch offenbart sich seinem Gotte, denn er kann sich ihm zuwenden oder von ihm sich abkehren. Tie Spannung von Endlichkeit zur Ervigkeit rvird in ihm zur Einheit in aller Endlichkeit tut sich die Ewigkeit kund, und der Mensch kann feine Endlichkeit zur Ewigkeit erheben. Tiefe Einheit ist das Besondere und Unterscheidende der jüdffck-en Religion geblieben. Baeck verweist auf „Schteiermachers vielgenannten Begriff der Religion, der ihr Welen nur in dem tiefen Gefühl unendlicher Abhängigkeit findet und baZ Fordernde in ihr, das Freiheitsgebot, außer acht laßt". Dieser freie Mensch nun. der seine Aufgabe zum sittlichen Tun erfaßt hat, erlebt die letzte, die vollendende Paradorie der Religion: Unendliche Aufgabe bei endlichem Rönnen. Der Kontrast zwilchen unserer Bedeutung ttn> unserer Begrenztheit offenbart sich, zwischen dem Idealen un7 Tatsächlichen unseres Daseins. Wir sollen heilig wiri. aber es gibt keinen Heiligen auf Erden. ..Es ist dir nicht gegeben, die Arbeit zu vollenden, und Du bist nicht befugt, dich ihr zu entziehen" iMischna). Es hat eben das Leben, als von Gott geschaffen, sein Göttliches, und, als vom Menschen zu schaffend, venvirklicht es crjt sein Göttliches: es iß eine Gottesschöpsung und bedarf doch des Menschen, um zum. Gottesreiche zu werden. So entsteht auch hier dieß Svannu::-? zwischen Nähe und Ferne, zwischen dem. Besitz und den- Abstand. Reinheit und Freiheit der Seele. Wirklichkeit und Verwirklichung des Lebens ringen miteinander. In ihrer Reinheit ist die Seele frei, venvirklicht ne ihr Göttliches: aber n::r soweit sie es verwirklicht, besitzt sie ihre Reinbeir. Tr: Paradorie der göttlichen Nähe und Ferne wird b-er -. r 'paradorie der sittlichen Nahe und Ferne. Schm.il'.r Einheit ineinander, zur „Geheimnisklarbeit" des m:ma lichen Lebens, darin das Geheimnis des Ur'prungs und d.e Rlarheit des Gebotes zusammenklingen und die aemmene Gewißheit, die verbnndenste Verbundenheit" :rebn7. r: kein Glaube mehr und keine bloße „Forderung", wndcrn d:e religiöse Wirklichkeit schlechthin, der PMs'ch-M.a. an dnn unsere sittliche Natur fort und fort ihr Darein bekunde: Es ist geradlinige Folge dieser Auffassung des Men-äxnwertes, der unbedingten Bejahung einer von Gar: ae fchaffenen, reinen, aber in Freiheit nach Reinheit immerdar ringenden Seele, was das JuL-errtnm als ^ebre über Sünde und Sühne herausgebildet und in den Mittelpunkt feines praktischen Religionsbekennens gestellt bat. Der Dersöhnungstag. an dem die 'bekennende und bereuende Seele entsühnt wird, kraft allein ihre s Bekennen? und ihres Bereuen», ist ein unbezweifelbares, in das relichöß Empfinden tiefsteingeschriebenes Symbol für das Bewußt'ein einer im Ursprung reinen und auch im Irrtum mr Reinheit fortschreitenden Menschenseele. - Gott, Freiheit. Seele. -- Alls der Enge und Rühle des Postulats erscheinen sie hier eulporgehoben in die Weite und Wärme der Paradorie-, nicht errechnet, sondern erlebt, nicht vorallsgeßtzt. sondern auf* neue immer wieder gefunden. erworben, erkämpft. Vielleicht ist hier eurer der Wege bezeichnet, der richtunggebend werden kann für das Ziel der Ermmmg und Sicherung des Religiösen überhaupt, das nicht den Schlechtesten nuferer Zeit, zumal attch in der erwachenden Jugend, wiederum vorfchwebt.