Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-02-17 · Heft 4 (17.2.1922) · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 4 (17.2.1922)
Date
1922-02-17
Page
Seite 43 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229509-3229513--76596-3289216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

klärung ab^zelöft, sondern diese selbst zur Auflösung gebracht und bis in unsere Zeit das FeLS philosophnck-er Erkenntnis behauptet. Jeder nach einheitlicher Weltansicht strebende i$cift; mutz zu ihnen eine grundlegende Stellung nehmen. Wahrend « Tpinoza mehr den ästhetisch gestimmten Persönlichkeiten das Fundament chrer Lebensanschauung darbietet, bildet Haut den Anziehungspunkt für das reine, von der Erfahrung abstrahierende Denken, das schließlich zur völligen Vernachlässigung jeder Empirie im deutschen Idealismus geführt hat. Ta "trab mii fnnerer Notwendigkeit die Reaktion gegen alle Philosophie ein, die Naturwissenschaft begann ihren Siegeslauf und erzeugte den Materialismus, der den ertreruen (Hegensatz zur absoluten LHeisresipekulation der nachkantischen Denker, besonders Hegels, bildete. Aber das tiefste sehnen des Menschen wird durch die mechanistische Weltauffassung nicht gestillt, so war die Zeit des Materialismus bald erfüllt, die Unbefriedigung über die auf das rein stoffliche ausgehende stulturrichtung wuchs, und die Parole wirkte als Erlösung: „Es mutz auf älant zurückgegangen werden/ Der Neukantianismus fand feinsinnige Anhänger, und zu seinen Begründern, nicht nur im sinne des Anfangs, sondern vornehmlich in dem des Neugestaltens und Umschaffens gehört Hermann Eohcn. Eohens geistige Art und philosophisches Denken bedeuten den direkten Gegenpol zum Materialismus. Der ckrirische! Idealismus und das streben nach einheitlicher Begründung! aller älnlturfunktionen bilden die Ciuiliuinftc |c:n;r Leb.'nsan sicht. Die Ursprünglichkeit und Souveränität des.. Geistes und der ttc'c Zusammenhang aller idealen Mächte: Wissenschaft undAtunft, Ethik und Religion und für ihn die Grund- > Voraussetzung alles Erkennens. Ihre Einheit stellt die , Philosophie bar. deren Höchte Ausgabe Wcltantzhamlng in. i Denken ist überhaupt Denken der Einheit- Diese gestaltet ssch! ^n der Wissenschaft zum Begriss. dem die Idee übergeordnet! ist. Tie Ideen ii?*v die Grundlagen des Denkens, die Gesetze ' der Vernunft, sie schassen die Wirklichkeit und erzengen die j Wahrheit. Wie für Kant der Verstand. ist snr'Eohen die Vernunft die Gesetzgeberin der Natur und alles seins. Die Philosophie aber hat sich nicht mir dem materiellen Gehatt der Wissenschaften zu be'assen. sondern sie ist Methvdenlehre und die einheitliche Grundlegung »fit alle Gebiete des Denkens. In diesen erkenntnisthcorcti'.k)cn Hauptgedanken Evhcns wirkt der Geist Platos und Kan:», der in seinem ganzen System zum originalen Ausdruck gelangt. Dieses imposante Lehrgebäude charakterisiert sich durch die schroffste Ablehnung jedes Tuatismus und jeder romantischen Mystik; im Grossen und im kleinen offenbarr sich die klare Bestimmtheit und universale Allgemeingültiakert der gesetzgebenden Verannft alles ist von der Idee beherrscht lind getragen. Die höchste Idee aber ist das Gute. In der autonomen Ethik kl»lminicrt die Weltanschauung Eohens. Hier steht der Mensch mit seinem tiefsten Grund und sein in Frage. Ethik ist die ganze Aufgabe des Menschentums und der einzige sinn aller Kultur. Jedoch ist sie ausschließlich in der Gemeinschaftzu realisieren. Das Individuum kann sich nur in der Menschheit in der vollen sittlichen Würde bewähren und in ihr allein sich begreifen. Lehrt die Wissenschaft was ist. so verkündet die Ethik, was der Mensch ftr! In der Sittlichkeit vollendet sich der Gedanke der stul.ur. deren Kennzeichen Einheit und Universalismus sind. Es gib: nur eine allgemeingültige Sittlichkeit, entsprechend der einen umfassenden Men'chheitsidce. Tie Ethik mutz soziale Ethik 'ein. Woher aber kommt uns die Gewitzheit. dass die Forderungen der Sittlichkeit nicht leere Abstraktionen und die uns gestellten Aufgaben nicht bloss wertvolle Gedanken, sonderrl reale Wahrheiten sind? Wer bürgt dem Menschen dafür, dass die Ethik verwirklicht rverden soll und kann? An diesem Punkte setzt Eohen die Religion in -das System seiner Weltanschauung ein. Hier vereinigt sich die Wisfensclraft vom sittlichen mit der religiösen Triebkraft. Tenn es fehlt ihr die höchste vollendete Idee, wenn nicht der Gottesgednnke als Gipfel aufgerickstet wird- Die Gottesidee ist die einzige Sicherheit für die Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden. Gott bedeutet die Bürgschaft für die Realisierung des Gute:'. Damit ist der Kulturwert der Religion zur Evidenz gebracht und rhr Eigenrecht anerkannt. Religion ist mit Ethik nicht gleichzusetzen, sondern deren notwendiger Abschluss. Aber Religion allein kann keine.Weltanschauung bieten, da diese nur die Philosophie geben, weil begründen kann. Allerdings ist ohne Gott positive Weltanschauung kaum möglich, so find beide Mächte im letzten sinne aufeinander angewiesen, indem die Philosophie den Gottesgedanken der Religion sicherstellt und diese der wissenschaftlichen Erkenntnis die krönende Vollendung verleiht. Tie Kultur muss in der Religion sichtbar und durchsichtig werden, und alle sittlichen Motive der Geschichte muss der Glaube in seiner eigenen ethischen Auffassung wiedererkennen. Nur dann spricht man mit Recht von einer Kulturreligion. Freilich muss die Gottesidee in ihrer Reinheit begriffen werden, die durch die absolute Einzigkeit und Geistigkeit des höchsten Wesens bedingt ist. Einheit ist hier nicht zureichend: wir müssen vielmehr Gott als das einzige wahre sein erkennen, dem gegenüber die Materie und alles andere geistige sein nur Abarten sind. Alles Natürliche und sinnliche muss von dem Gottesbegriff.ferngehalten werden. Damit ist nicht nur die Ablehnung des mythischen Polytheismus, sondern auch des Pantheismus gegeben, der durch die irgendwie geartete Gleichietzung von Gott und Welt eine Verbindung des Göttlichen mit dem Materiellen herstellt. Aber ebensowenig erfüllt die Gottesidee des Ehristentums die Bedingungen der Einzigkeit und reinen Geistigkeit nicht bloss infolge der Trinitätslehre, sondern vor allem durch die unmittelbare Verbindung Gottes mit dem Menschlichen in den: Dogma vom Gottmenschen. Gott mutz der Natur transzendent gedacht werden, immanent, einzig für den Menschen, insofern wir in ihm die Verkörperung des Guten erkennen, der die Menschheit und in ihr der einzelne sich anzunähern haben. Gott verkündet nicht, was er selbst, sondern was der Mensch sei. Dieser rst in seinem wahren sein ein sittliches Wesen, und seine Existenz muß in weitestem Ausmatz aus dem Gottesbegriff erklärt werden. Diese Auffassung von Gott und dem Menschen hat in der jüdischen Religion ihren reinsten Ausdruck gefunden. "Nur der absolute, ethische Monotheismus stellt die ideale religiöse .Kulturform dar. Er ist die Lebensfrage nicht nur des Judentums, sondern der Menschheit, seine erhabenen Verkünder sind Israels Propheten, in derer: Lebensansicht Universalismus und Sozialismus, Einheit von Religion und Sittlichkeit, der Glaube an die sittliche Wettordnung und der ethische Optimismus in der Lehre von der Aufwärts- und Fortentwicklung des Menschengeschlechts zu einer höchsten sittlichen Aufgabe des Menschen und aller Völker sich harmonisiert haben. Deuterojesajas Verkündigung des einzigen Gottes und der einen Menschheit. Jeremias Verinnerlichung des Glaubens zu einer Religion des Herzens, Ezechiels liebertragung der ethischen Gedanken nuf das Individuum in feiner großartigen Verwhmmgslehre. Michas Wort, datz das Wesen Gottes sich darin erschöpft zu sagen, was für den Menschen gut ist, die Religion der Psalmen, die sich in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.