Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1922)
- Date
- 1922-02-17
- Page
- Seite 42 (sequence 10)
- Language
- German
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41 3TTT7 heute, unter beiu bindrucke des modernen Zionismus, ist Zion nicht herzinniger besungen worden, nicht so unmittelbar und herrlich, wie beispielsweise in den folgenden Versen aus Lebensohns „Salomo": Wo einst die Musen sich den Sitz erwählter^ Im Balsamdust erscholl der Lr*der Klang, Wo BlunL und Lied sich feierlich vermählten. Wo jede Blut' und Zeder — ein Gesang; Im Land, wo sich Musik und Schönheit gatten. Im Land — der Kronenperle -er Natur, Wo Flur und Fels nur Bilder größter Taten, Wo rings geprägt der größten Männer Spur. Es sind Töne, die verständnisvoll und unmittelbar aus den weihevollen und kunstreichen (Gedichten der Bibel geschöpft sind. Tie hebräischen Schriftsteller von damals bedurften eben nicht des äußeren Stoßes — der späteren Pogrome —, um ihre Sehnsucht nach Zion zu bekunden. In der Verherrlichung der hebräischen Sprache selbst lag schon die alte Liebe für Zion. Micha-Zosefs Gedichtsammlung „Gelänge Zions", die uns sechs Lriginaldichrungen echt jüdischen Sotffes bietet, ist in erster Auflage Id.'-l erschienen. Ter damalige Zensor und Ehrenbürger von Wilna W. Tugendhold hat diese erste Auflage des Werkchens mit folgenden Worten eingeleitet: ,.Ter Salomo des Hohenliedes, mit dem Paradies der ersten Liebe im Herzen, den Spuren seiner Schäferin folgend, und der Salomo imPrediger, der ein Laokoon, von -der Schlange einer falschen Weisheit umichnürt, stets krampfhaft das skeptische ..Wer weiß?" ausstößt, bilden die Vorhalle seiner Lieder: dann erscheinen S i m s o n, I a e l u n d S i i r a und M ose. irie er im Vollgenuß der Anschauung des gelobren Landes hiustirbt, und das Ganze beschließt der Jeremias des 12. Jahrhunderts, der unvergleichliche blegieneidncr Z e h tt d a Halevi. der aus seiner Wallfahr: nach Jerusalem von einem Sarazenen ermordet sein soll. Ter noch ganz jugendliche Schöpfer dieser Produktionen tarn vor einiger Zeit von einer Erholungsreise zurück, deren lehre Monate -so wenig den vorgefaßten Erwartungen entsprachen. daß er vielmehr wie jener Dichter der Lusiade mit diesen seinen Blättern kaum die Heimat erreichte." So weit die Vorbemerkung eines zeitgenössischen Gönners zu der Gedichtsammlung. Tie jugendliche Tichterieole - von einer unheilbaren Schwindsucht gezehrt und in Todesahnung gequält — malte sich in erhaben schwärmerischen Traumbildern das Ableben ihrer Bibelhelden, der Heroen des jüdischen Geistes und der Geschichte. Zn seinem Gedicht ..Moses am Berge Abarim" feiert der Züngling ehrfürchtig den ersten größten Meister reinster Glaubenskunde: Ter Zeiten Bücher möget ihr ergründen. Was sich ereignet je im Menschenreich: Nein! Ninnner könnt ihr seinesgleichen finden. Nie einen Geist w hoch, dem feinen gleich! Doch der göttliche Gesetzgeber, der Befreier und Führer 'eines Volkes ins heilige Land der Verheißung -- ihm selbst war es versagt. Das Heilige Land um schauen seine Blicke. Nach dem er lange, lange sich gesehnt. Ult» das er litt w viele Mißgeschicke - Ta licgr's vor ihm mm lieblich ausgedehnt. Sein Leben schwand in sehnsuchtsvollem Bangen Gar vieles ward geleistet, ward gewagt. Um ans verheißene Ziel noch zu gelangen. Das nun io nah* doch ach. ihm ist's versagt. „Nur jenen Berg besteig!" ...Nun steht er droben. Er schaut und schaut... wie wallt sein fühlend Herz Das Land, zu dem er stets fein Aug' erhoben - - Und stumm und starr sein Mund von tiefem Schmerz. Erglüht sein Herz, sein Antlitz lichtumflosfen. Hoch wallt die Brust, dem Auge sich entwand Tie erste Tränensbut, die es vergoffen . „ . Sie rinnt nun frei — doch ach. fein Leben schwand!... In seinem größten Heldengedicht „Salomo und Kohelet oder Vernunft und Glaube" entwickelt der zart und so tief denkende Dichter in schöner Tiktion und prachtvoller Lyrik die weltbewegenden Fragen der Menschheit und das religionsphilosophische Problem des königlichen Weltweisen. Tie Tichtung vergegenwärtigt den Kontrast zwischen dem „Hohenlied", dieser „Hymne der Liebe und Schönheit", die die höchste Stufe der Leidenschaft und Wonne in dem schönen Ausruf „Wie lieblich" ersteigt, und zwischen ,^ohelet" voll öder und hoffnungsloser Verzweiflung und fruchtloser Skeptik, die ihren Höhepunkt in dem schrecklichen Ausruf „alles ist eitel" erreicht, und in dem ewig wiederkehrenden trüben Fragezeichen „Wer weiß?" Tiefer vollkommen scharfe und schneidende Gegensatz als Zwiespalt der Natur feffelte ungemein unseren jugendlichen denkenden Dichter. Ter Weisheit letzten Schluß löst aus das Rätselbuch der Menschheit: Noch einmal zuckten seine Augenlider: „L hört" — das war sein letztes Sterbelied —. „Ten Herrn stets.fürchtet. Ihm nur traut, ihr Brüder! Ties ist der Menschheit Würde!" — und verschied... Ter bereits erwähnte Tugendhold würdigt ferner den Schluß dieses herrlichen Ge'anges: „Nur darauf wage ich aufmerksam zu machen, wie meisterhaft und überraschend, ganz im Gerste des frommen Verfassers des Buche- Hiob — das mit dem Buche Kohetet einerlei philosophische Färbung hat —, der noch so sehr junge dich:eri'äo R^raphrm't des letzten am Ende vermittelnd die Gottbeir selbst dem. in Zweifelsmarter hinfterbenden Talomo erscheinen läßt. der. naclzdcm ihm ein ungetrübter Blick ins Reich des.(Geistes und der stillwaltenden Vorsehung gegönnt ward, mi: allen Schauern einer reueenrflauunten Seele. gleichsam von jem'eits des Grabes her. seinen Zeitgenossen feierlich zürnst: Hört! Ties ist das Ergebnis aller meiner sonst irregeleiteten Forschungen: Ehrsürchtct Gott, befolget acht'am seine Gebote'. Das ist aus Erden des Menschen ganze Bestimmung: denn über alles Tun richtet die Gottheit, mag es noch so geheim geschehen sein, über das Gute wie das Döst. Amen!" (Schluß folgt.) Sie Lebenssnlchammgrn der großen jüdischen Lender. Von Rabbiner Tr. L ö w e n ft a m m < Spandau). VI. Hermann Cohen (1842—1918). oses Mendelssohns letzte Schrift „An die Freunde Lessings" galt der Verteidigung des großen Aufklärers gegen den von Friedrich Jacobi erhobenen Vorwurf, daß Lesiing im Grunde seiner Seele der Weltanschauung Spinozas gehuldigt habe. Turch diesen Streit war die Persönlichkeit in den Vordergrund gerückt die von nun an zu den führenden Geistern im deutschen Kulturleben gehörte- An dem konsequenten Zu-Ende-Tenker des Pantheismus übte die späte Nachwelt die ausgleichende Gerechtigkeit, die ihm die Mitwelt versagt hatte. Nur mit dem Philosophen, der im Todesjahre Leksings seine das wissenschaftliche Erkennen umstürzende „Kritik der reinen Vernunft" veröffentlicht hatte, trat er an weitreichender Geltung in Wettbewerb. Spinoza und Kant haben nicht mir die Periode der dogmatischen Aus-