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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-02-17 · Heft 4 (17.2.1922) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 4 (17.2.1922)
Date
1922-02-17
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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Aon der stunde, da England gegen Deutschland in den Weltkrieg eintrat, sah sie klar, daß das geliebte Vaterland unterliegen würde. Am 1. Lktober W2l ging die Stiftung „Hochschule für Frauen" mit ihren gesamten Anstalten in den Besitz der Stadt Leipzig über und wurde zu einem „Sozial-pädagogischen Franenseminar umgestaltet. Was Henriette Goldschmidt erkannt und erstrebt, das will — getreu seiner Tradition - - dieses der Stadt Leipzig nur iu zeitgemäßerer Gestalt verwirklichen. Das Erbe Henriette Goldsctynldts lebt und wirkt fort. zum Segen für kommende Geschlechter! Mit warmer Dankbarkeit legen wir das altsgezeichnete Buch, das ein Tcnkmal Oer Liebe und Verehrung bedeutet, aus der Hand. Möge es Gemeingut unserer Frauen und Töchter werden! In harmonischer Verschmelzung von Deutschtum und Judentum hat Henriette Goldschmidt vermöge ihrer reichen Schätze von Geist und Gemüt weise und gütig,'aneifernd und anfeuernd auf Tausende und aber Tausende ihrer zeitgenössischen jüngeren Mitschwestern den veredelnsten Einfluß ausgeübt und über das Grab hinaus wird sie vorbildlich fortwirken auf eine neue Generation, die göttliche Verheißung erfüllend: „Ich will dich segnen. Und du sollst ein Segen sein!" Bresla u. Regina Neißer. Michs-Iolkf (Michael) Lrbrnsohn. Ein Gedenkblatt zum 70. Jahrestag seines Ablebens am 27. Schbat 5612 Bon Leon S che i ul) aus rWeme1). m 27. des Monats Schbat (in diesem Jahre ist es der 2."». Februar) sind es 70 Jahre, seitdem der viel begabt? Tichterjüngling iu der Blüte seines Lebens, 24 Jahre alr, igeb. 7. Adar 7.7»>^ 1^2^) zu Wilna gestorben ist. Er war der berühmte Sohn eines bedeutenden Vaters, des ersten hebräischen Poeten in Rußland, er war der Jugendfreund des später zn Ruhm gelangten Dichters Leon Gordon. und in gewissem Sinne war er auch das Vorbild des viel späteren, ebenso vorzeitig verstorbenen Dichter- und Künstlerjünglings M. Mane. Aber nichtdurch den Ruhm seines Vaters, feines Freundes und seines späteren Ebenbildes, sondern durch sich selbst, durch sein eigenes dichterisches Schassen in den wenigen Jahren seines Daseins, die auch ferne Leidensjahre waren, errang sich Micha-Jmes den schönsten Ruf m der Ruhmeshalle hebräischer Musensöhne. Während alle hebräischen Schriftsteller der Hastalaepoche sich durch äußere und seelische Kämpfe, durch mancherlei Widerwärtigkeiten zu ihrem Wißen und Können burchringcn mußten, während selbst der alte Lebensohn in seiner ersten Lebenshälste tagsüber einer profanen Beschäftigung nachzugehen l>atte und erst die Mußestunden und Nächte der Dichtung, der exegetischen Vibelforschung und der Grammatik geweiht waren, waren dem Sohne all die Hindernisse und Hemmungen erspart geblieben. Bloß die zehrende Krankheit war es, die den zarten und schönen Jüngling dahinraffte. Zu seiner angeborenen, hohen poetischen Begabung gesellte sich die von seinem geistreichen Vater geleitete Erziehung in allen Fächern menschlichen Wissens: schon' in früher Jugend erlernte Oer Knabe Deutsch, Russisch. Polnisch und Französisch, sogar Italienisch, und studierte die besten Erzeugnisse der Weltliteratur. am meisten die d e u t s ch e n Klassiker. Insbesondere aber und vor altem machte er mch die alte Sprache der Bibel zu eigen, „die schönste Sprache in Gesiingeri und in Klagen, die einzig uns geblieben aus den allen Tagen!" Schon in seinem Erstlingsgedicht „H aeliawa" (Die Brüderschaft), das er. 16 Jahre alt, verfaßte, offenbart sich uns der vollendete Meister der Lyrik und der hebräischen Sprache. Aber eine böse unheilbare Krankheit, die Auszehrung. war ebenso wie sein erhabenes Talent, wie feine edlen Eigenschaften, dem jungen Dichter angeboren. Ans seinen vielen Lnsclzriften an Ettern und Freunde ist ein tiefrührender Brief an seinen Jugendfreund Kalman Schnlman erhalten geblieben, in einer schlaflosen Nacht int Frühling 1S47 in mustergültigem Hebräisch geschrieben. Unter Vorausschickung eines Epigraph nach Heine: Ist doch süß die Lebensgabe, Aber unten ist es grausig. In dem dunklen, kalten Grabe! schreibt der jugendlicl)e Märtyrer: 1 „Meine Krankheit läßt mich nicht Atem holen und nachts führt sie mich in raschen schritten dem Schattenreich entgegen; vergeblich ist die Kunst der Aerzte. machtlos ihre Gelehrsamkeit -- sie verlängern MolT unnütz meine Qualen . . . Die Turmuhr schlägt Mitternacht und ich bin noch wach, wach in mir ist auch mein Leiden: cs nagt an mir. löscht den Lebensstmken. wie das Flännnchen des Lich:s auf meinem Tische . . . Fch sehe mich schon ans dem Totenlager, höre ringsum die klagende Gedächtnisfeier und das Gestöhne der Berroand'en und Freunde, ich sehe, wie man mich ins Grab hinuntersen^. höre über mich die Schritte der Totengrälvr es dringt von oben her an mein Qhr da-5 Schluchzen und das deinen: ich greife den lehren Abschledäbkick meiner Eltern auf. die mich den Armen der furchtbaren Ewigkeit überließen. Fch stchle. wie die Würmer die Hand benagen, die diesen Brief '"chreibt . . . Wie entsetzlich der Tod und wie ''chön ist das Lethen! Oid) dach re immer, ich wäre zum Sterben berei? aoer sterben in der Morgenröte der Fugend, ln Fahre alt7! Meine Seele ist voll Verlangen nach Leben, mir ist das Lill.t der Sonne w teuer, mein Geist begehrt noch die Pracht öe-:- Welrgedändes zn genießen, ich dürste nach Lrben." Das Vorgefühl des Todes trog diesmal den Jüngling, aber nicht lange. noch 7» Jahre Lcbensqual waren ihm befchieden. tlnd in dieser kurzen Zeitspanne schuf er sein Lebenswerk - seine Dichtungen, als wäre dieses Lnftrnm gerade zu dielem höheren Zweck bestimm:. Sein.größeres Erstlingswerk war die überaus meisterhaste hebräische Nachbildung nach Schillers freier Ueberfetzung des dritten und vierten Buches der Aeneide 1 Birgit): „Die Zerstörung von Troja" < l. Auslage Wilna IS40), ein herrliches Meisterwerk, an das der Jüngling sich heranwagte und das er mit seltener Virtuosität vollendete. Schon damals konnten die Kenner und Gönner der klassischen hebräischen Sprache in dem holden Knaben ein hohes schwungvolles Dichtertalent bewundern, und auch die jüdischen Gelehrten lenkten auf ihn ihre Blicke. Als er der Krankheit wegen in Berlin weilte, folgte er dem Rate Z u n z e n s, des Altmeisters der Wissenschaft des Judentums, ^statt der Gedichte fremdsprachlichen Inhalts lieber die Zionsharfe zur Hand zu nehmen, die noch immer des Meisters harre". Und während der jugendliche Dichter in Spreeathen und in seiner Vaterstadt Wilna dahinsiechte, entstanden seine herrlichen Lieder, wahrhafte Zionsgesänge, die vom Balsamhanch Palästinas durchweht waren und die hehren Gestalten der Bibel feierlich vorführten. Es war vor er ra h» bis '.*0 Jahren, in der ersten Aera der Renaissance der nenhebräiichen Sprache und Poesie, als Abraham Mapn. ein Meister der biblischen Belletristik, in seinem Roman ...Ahawath Zion" ein vorzügliches Bild des altjüdischen Lebens ans der Zeit seiner höchsten Blüte entrollte. Vom Geist der altehrwürdigen nenerstandenen Sprache beseelt, fühlte sich auch unser Micha - Josef Lebensohn in die ferne heroische Zeit der Könige und Propheten im Geiste verseht und zu dichterischen Schöpstmgeu begeistert. Selbst

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