Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1922)
- Date
- 1922-02-17
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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deutschen Behörde Tpiormge getrieben zil haben. Wenige Ttunden später erfolgte die Anlieferung des Beschuldigten in das Miütärgesängitts zu Posen. al<nds wurde der Nichtsahnende zum Tode verurteilt und ans Grund de-) noch nachts von einem (General bestätigten Urteils am nächsten Morgen mn n Uhr erschossen. Tie polnische Behörde kann aber auch (Gefühle des Mitleids walten lassen, wie aus folgender Tatsache erhellt. Ein polnisckzer Soldat, der mit Hilfe zweier Dienstmädchen die sechzehnjährige einzige Tochter eines deutschen Kaufmannes bestialisch im Lchlafe erdrosselt und alsdann die Wohnung geplündert hatte, wurde vom Militärgericht zwar zmn Tode verurteilt, aber höhere?! Lrtes zu I."» Jahren Luchthaus begnadigt Ein zweiter Soldat, der den verbrecherischen Plan entworfen und als Anstifter seine ruchlose (Besinnung gleichfalls mit dem Tode büßen sollte, erlangte gleich mehreren _lUkLÄLrt ^anderen Verbrechern anläßlich eines ^kraßenaufruhrs in Polen die Freiheit und verschwand, nachdem ihm von einem Handwerker die eisernen Asseln gelöst worden waren- «ruf Nimmerwiedersehen. Ter erwähnte Aufstand, an dem sich zirka 1'>U"U Personen beteiligten, war die Holge übergroßer Nervosität der wenig geschulten Polizeibeamten. die in Verkennung der Sachlage in die Mafien streikender Eisenbahnarbeiter hineinfeuerten, io das; dem verhängnisvollen Irrtum mehrere Familienväter zum Hpwr fielen. Ter polnische Geistliche am Grat'e der beklagenswerten llpfcr polizeilichen Uebereners wußte es ireilich besser: nach seinen Ausführungen waren die betrübenden Erscheinungen und Ausschreitungen am April lediglich auf die wüste Agitation von Teutühen und Inden zurückzmnhren. und diei'o authentische Erklärung des ursächlichen -Zusammenhanges der Truge blieb nicht erfolglos, denn unter der Beschuldigung, die denNchen Teilnehmer an der Bewegung befehligt zu haben, wurde rin Ermitttunnasverfahren gegen einen Inden eürgeleiter. Tie Tanachen bewiesen zur Evidenz, daß die polnische Justiz die Gleichheit vor dem Gesttz mit äußerster Koasegnenz dnrchnchrw. und zwar sowohl gegen Juden als auch gegen andersgläubige Deutsche. was aus wenigen Vorfällen zur Genüge erhellen dürfte. Eine Majorsfrau, die eine Jagdwane ihres satten nicht gemeldet hatte, erhielt eine Gefängnisstrafe von nrns Jahren, die Ehefrau eines höheren Negiernngsbeamten ans alei'hem Grunde drei Jahre Gcfängnis. ein Grenzschutzwldat, der unter DrohungeneNvas Nahrung verlangte, drei Jahre Zuchthaus. In ähnlicher Werse genügte der ertreme Ehauviaismus der echt demokratischen Förderung völliger Gleichberechtigung aller Staatsbürger in inuerpolitischen Fragen: in endloser Reihenfolge mußten jüdische und christliche Deutsche ohne Unterschied des Ranges und Standes die unfreiwillige Reise ia die Vertmnnung nach ^wzypiorno antreten, mrd rohes Lachen der Tchadnnreude sowie spöttische Bemerkllngen ihrer bisherigen Mitbürger waren die letzten Eindrücke, die sich ihrer Erinnerung unauslöschlich einprägten. In einer Beziehung genossen die Inden eine gewisse Vorzugsstellung: sie bildeten insbesondere die Zielscheibe der geüäst'igsten. wüstesten, phantastischsten Beschimpfungen und Beschuldigungen, die für die -Folgen der eigenen politischen Unsahigk.'ir, verderblicher Maßnahmen der «eigenen Ver- Wallung eine ungefährliche Minorität verantwortlich zu machen suchtevetz- und ^chruähplakate. Detrimente polnischer Ne Herr, Gemeinheit und Verlelundnngssucht prangten in allen Tradrteilen und versuchten die Animosität gegen die Inden möglichst bis zur Siedehitze zu steigern. Wochenschau. Berlin. IN. Februar. Ernennung Walter Rathenaus zum Minister des Aeußern wurde von der demokratischen Presse und von den Blättern aller Negierungsparteien sympathisch begrüßt. Tie „Teutsche Allgemeine Zeitung" nennt es „eine selbstverständliche Lösung, daß der Mann, der die wichtigsten Besprechungen geführt hat. jetzt auch die volle Verantwortung für seine Wirksamkeit vor dem Volke und dem Parlament übernimmt". Auch einige deutschnatiouale Blätter sprechen über die Ernennung zum mindesten ohne verletzende Persönliche Schärfe. Tie „Tägliche Rundschau" bemerkt, der Reichskanzler habe einen „Genua-Minister" gebraucht und ihn m Rathenau gefunden, „der internationalen Lchmiß hat. der Kinderstube hat und sicherlich mehr von WeLtwirtsctMt weiß als Wirth. Bauer v tntti guunti". Tie „Deutsche Zeitung" erklärt: „Unter den in Deutschland geborenen Inden zählt er ftr uns fraglos zu den wertvolleren." Aber die Ernennung sei trotzdem „eine unerhörte Herausforderung", denn sie bezeichne „den Beginn einer unumschränkten Herrschaft der Krei s e, die wir für die Todfeinde bewußten und aufrechten Deutschtums ansehen müssen". Tie „Kreuz-Zeitung" leugnet, daß Rathenau irgendwelche Verdienste hat. und erklärt, sie könne ihm kein Vertrauen ent-- gegenbringen. Tie „Teutsche Tageszeitung" versteigt sich zu der hübschen Bemerkung, Rathenau habe in Eannes „so segensreich gewirkt, daß gleichsam unmittelbar während seiner Rede Briand gestürzt wurde und an seine stelle der grösste Kriegshetzer und Deutschenhasser Frankreichs, Poincarö. trat". Dagegen sagt der gleichfalls deutschnatiouale „Berliner Lokalanzeiger", daß Rathenau „für seine Tätigkeit an der Spitze des Auswärtigen Amtes wesentliche Voraussetzungen mirbringt". und erklärt: ..Es laßt netz. zumal nach den Erfahrungen der lernen ,'»eii. nicht bestreiken, dm; Rathenau einen der wesentlichsten Aktivposten der jetzigen re puritanischen Negierung darstellr. zumal er auch im :'lus Land nch Vertrauen zu erwerben verstanden hat." ' Ganz anders Lauten die stimmen, mit denen die Auslands- E presse die Ernennung Rathenans begleitet. Das ..Echo; de Paris" sagt: „Tie Ernennung bedeute eine Vertiefung und eine Verstärkung der Politik, die das Ministerium Wirth seit dein Monat Mai W-'l verfolgt habe, dadurch, daß es den Frledcusvertrag in die Tat um ' zersetzen versuche. Tiefe Politik habe na ch u n d n a ch die Alliierten dazu geführt, ihre .. Ttren g e" gegenüber Deutschland zu vermindern und eine Politik einzuschLagen. die keine Sanktionen mehr nach sich ziehe." Tas „Petit Journal" erklärt. Tr. Rathenau habe im Verlauf der Verhandlungen in Wiesbaden guten Willen bewiesen. Gerade deshalb hätten die Alldeutschen gegen ihn eine heftige Kampagne eingeleitet. Tie Ernennung Rathenaus sei bedeutsam. Ter Reichspräsident habe in einer schwierigen Lage auf einen ersten Posten einen Mann mit geschäftlichen Erfahrungen und mit einem Tinn für Realitäten berufen, um sich den wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Augenblick* unter- .zuordnen. Ter Pariser ..Temps" begrüßt den neuen deutschen Außenminister mit einem Lobesartikel, wie ihn noch kein deutscher Ltaatsmanu in der französischen Presse fand. Her bette zitiert Rathenaus Schriften während des Kriegs, die von seltener Unabhängigkeit und Voraussicht Gilgen, erinnert an seine Tätigkeit als ' Organisator der Rohstosfbestl^ssuug und schreibt, das; Europa von j chm Großes erhoffen tvuue.! Besonders lwmerkeuswert ist. eine Auslastung des „Daily! releurapl,": z .L-iilirciid scii'.or Tcniclw iir Vvudv» »>ik> Tr. '>>>>Nir nan an^ die Llaatsmänner der Alliierten eilum lehr guten - Eindruck gemacht. Rachenaus Rede in Eanues sei ein Meister stück genauer Beweisführung und klarer Anordnung gervesen. Mit dem Einzug Rathenaus in die Wilhelmstraße werde die deutsche