Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1922)
- Date
- 1922-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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86. Jahrgang. Nr. 4 Berlin, 17. Februar 1922 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Vertag: Rudolf Moose, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-40 Diese Aeinrng m'cfcrint oierzehntäglich. Adonnemenl» preir: durch den Buch, bundd oder die poft (in Berlin und Vor. orten durch unser» veUtriebrftellen) bezogen pierreljatzrlich 6 Hl — Postscheckkonto 324. 2Me A»»endnngen für Redaktion und Erpedinon nnd an Sie Adreff»- Verlag der ..Allgecn. Zerrung de» JuLenmm»". Berlin SW, Jerrualemer Strotze <**-49, ja richttn. 9trU»9 90H Sudelf Mosse, Berlin. flttftftlt* ^-c ^uden in Grvtzpolen. II. Von I. Vafckr <$cdin\ — VIÄ M 4L* o d» c n f d> a u. — Lkcmvwirtschafttitbe Liolonnation in Palästina. — Henriette Goldschmidt. Von Regina Neitzer <Brr4lau,. -- Micha-Ivics < Michael) ^benwdn. 0in (i*edenkbiatt Win 71». Zabrcstaa seines Ablebens am 27. Sdiba-t 5162 (1^52). Von Leon Ecdeindau4 «VtLincO. — Tie Lcbensanfchauunaen der großen jüdischen Tenker. VI. Von Rabbiner Tr. L ö w e n st a m m «Lpandau). — Henilleton: Im Bannkreis der Gäsaren. sl. ^ortf.I Historische Griäbluna von (sarola Buchheim. — literarische Mitte ilunaen — Bücher e inlauf. Der «emeinvebote iBeila^ iur ..Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg. KönigSlvrg i. Vr.. Nöniasbürte. Breslau. Hanrbura. BlagdeLiurg. Frankfurt a. 2)i.. Amsterdam. Budapest. — Vrn 2t a l> und Fern. Sie Juden in Grvhpolen. Von I. Basch (Berlin). II. dfj* gibt keinen höflicheren, formgewandteren, liebeuswürdigeren Europäer als den intelligenten Polen, aber auch kein diplomatisches Talent, das mit Hilfe aalglatten, konzstianten Wesens Untreue. Täuschung, Rachsucht, Haß meisterhafter zu maskieren versteht. „Biicznosc- (Vorsicht) ertönte am 27. Dezember 1018 in Posen als erster polni'cher Ruf die Stimme eines biederen RosietenterS, und kein Philosoph könnte treffender das Land und feine Bewohner charakterisieren. Nachdem die straff organisierten polnischen Insurgenten sich in den Besitz der Stadt Posen gesetzt hatten, konnten ne unmittelbar nach dem Abzug der in Forts und Kasernen untergebrachten deutschen Truppen, denen es mangels einheitlicher Führung an schnellem, entschlossenem Handeln gebrach, ihre Machtsphäre schnell errveitern, und erst die später sorgfältig geführte Demarkationslinie brachte die erbitterten Kämpfe zwischen deutschen Grenzschutztruppen und polnischen Ausrührern zum Stillstand. Tie neue Zentralverwaltung, die sich in Posen konstituiert hatte, der Lberste polnische Dolksrat. dessen Urteil in innerpolitischen Fragen durch Sachkenntnis nicht allzusehr getrübt war. liest völlig außer acht, daß ein organisch nicht konsolidiertes Polen mit einer Tesperadopolitik. die deutschnationalen Maximen entspricht, rettungslos dem Strudel wirtschaftlichen Niederganges verfallen war. Leitmotive einzelner Derwaltungsmastnahmen bildeten fanatischer Hast, rücksichrslofer Herrenstandpunkt, maskierter Egoismus, blinder Bernichtungswitle, die notgedrungen eine Zentralisation der wirtschaftlichen Kräfte verhindern und eine Abwanderung aus der ungastlich gewordenen Staue bewirken mustten. Die Geschichte ist eben nicht für alle die Lohrmeisterin der Menschheit, und spurlos scheint die an tragischen Momenten überreiche historische Epoche von 1772 bis 1705 an den führenden (Geistern vorübergegangen zu sein. Alle scharf verurteilten deutschen kolonisatorischen Mastnahmen kamen auf der zur Mach: gelangten Gegenseite in erhöhtem und verschärftem Maste zur An.rendung. obgleich schon der weise Seneea leinen politischen Warnruf ertönen liest: Iiiiqiia niiaquiun regna p4*rpHin» manpiit! 1 Unbillige Herrschaft hat niemals Bestand). Tie Rechtspflege, die noch in den Händen deutscher Richter lag. wurde allmählich durch Gründung von Standgerichten in polnisches Fahrwasser geleitet. Der Unterschied in der Handhabung des Strafrechts wurde am besten durch die stetig wiederkehrende an dou Angeklagten gerichtete Kardinalfrage gekennzeichnet, die ein aus Bosnien stammender Richter in die klassische Form kleidete: „Haben Sie welches Vermögen?" Die Verneinung dieser Frage zeitigte häufig für Angeklagte ungeahnte Folgen, die das Wort von der nichtschandenden Armut gründlich widerlegten, ivie eine arme jüdische Frau aus Kalnch zu ihrem unbeschreiblichen Jammer erfahren sollte. Tie Angeklagte, der zur Last gelegt wurde. Schilderungen polnischer Pogrome an Verwandte in der Schweiz übersandt zu haben, entwarf in Unkenntnis des neuen Systems auf die verhängnisvolle Frage des Vorsitzenden ein trübes Bild ihrer bedrängten wirtschaftlichen Lage. „Dann sitzen Sie. bis Sie schwarz werden!" donnerte der ob dieses Geldmangels tief entrüstete Richter dem schwächlichen Weiblein zu. (^gen den aus sechs Monate ('Gefängnis lautenden Wcisheirsspruch gab cs kein'Rechtsmittel der Berufung oder Revision, da/ Urteil erlangte mit der Verkündung Rechtskraft. Der jüdische Inhaber einer Schuhwarensirma hatte sich wegen übermästiger Preissorderung für Daren zu verantworten. erbrachte aber einwandfrei den Nachweis, daß zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis eine Spannung von lediglich 25 Mark — 10 v. H. bestand, der Nutzen mithin nicht annähernd die erlaubte Höchstgrenze erreichte. Wo aber ein Wille ist. findet sich auch ein Weg zur Verurteilung. Ern Sachverständiger begutachtete, dah der von einer Lodzer Großfirma bezogene Schuh in P'ose.n erheblich billiger hergestellt werden könnte, und die Unkenntnis dieser Möglichkeit mußte der Angeklagte schwer büßen, denn das Urteil der 4. Strafkammer lautete auf 4 Wochen Gefängnis und 5000 Mark Geldstrafe. Bald darauf mußte sich die polnische Inhaberin eines Schuhgeschäftes vor derselben Kammer wegen des gleichen Delikts verantworten. Tie Nachprüfung der Kalkulation ergab in einzelnen Fällen einen Gewinn von über v. H. dessenungeachtet kam das Gericht in diesem Falle zu. einen» Freispruch. Ein jüdischer Gastwirt in der Provinz wurde von einem angeklagtrn polnischen Soldaten beschuldigt.'zugunsten der