Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- Seite 32 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir Lrdrnsankchsuungrn der großen jüdischen Denker. Bon Rabbiner Tr. Löwen stamm (Spandau). V. Moses M-endelssohn (1729— on -beut kühnen Geistessülg des „großen Adlers", wie Maimonides in der jüdischen Welt genannt wuröe. stürzte die Judcnhcvt bald herab. Der Zenit war erreicht, und der Niedergang bejzann, in dem bedeutende Epigonen eine Qrrentierung an -dem NKister suchten, der immer mehr als die Verkörperung des jüdischen Lebensideals erschien. Ueberdres nurchte die Ungunst der Zeiten ein längeres Derbleiben auf der erkonnnenicn Höhe unmöglich. Noch wahrte Spanien die vorurteil-lose Hältrnnz gegenüber seiner kulturell höchstentwickelten jüdiscl^n Bevölkerung, bis es kurz darauf dem ungestürn drängenden, unduldsamen Klerikalism»rs fernen Tribut zahlte und sic schließlich aus seinen (Grenzen wies. Aber in allen anderen Ländern hatte das grausige Mittelalter mit seiner Ausschließung und Abschließung, mit seiner leiblichen und seelischen Linal schon begonnen und feierte nun seine wüsten Lrgien. Ta gab es für die Iudenheit nur die eine Aufgabe, mitten in dem moralischen Sumpf des Menschenhasses und der Bekehrungssucht den sittlichen Halt nicht zu verlieren und durch eine beispiellose Hingabe an ihr religiöses Schrifttum den Geist klar und das Ctoiuit lebenswarm \\i machen. Allein Weite des Wisiens. Allseitigkeit und Unabhängigteir des Denkens. Sehnsucht nach seelischer Verknüpfung mit der Umwelt sucht man naturgemäß vergebens. Besonders in Polen und Deutschland war zuletzt das Judentum der maimonidischen Weltanschauung völlig untren geworden, bis Den Verirrten ein neuer Führer in Moies Mendelssohn entand. Von dem ägyptischen Weisen war er ausgegangen. Seine (Gedanken hatte er in früher Zügen) in sich ausgenommen und von ihm methodisch denken gelernt. Maimonides' Lebensziel war das reinig.': Harmonisierung der jüdischen mit der europäischen, besonders mit der deutschen -UuUur. Aber Bterrdelssohn wirkte in einer Zeit, die ein Hinansaehen über dieses Ziel zur gebieterischen Notwendigkeit machte. Die Epoche der Aufklärung, deren edelster Repräsentant er war. setzte sich keine rein theoretischen Zwecke. Sie wollte nicht bloß den Glauben mit dem Wissen aus gleichen, sondern auch das Wissen mit dem Lcbcn versöhnen. Die Merkchen anstlärcn. bedeutete für sie: sie über sich selbst und ihre Bestimmung unterrichten, sie zur Klarheit bringen über die tierstcn Angelegenheiten des Daseins, über Gott und Vorsehung, über Unsterblichkeit uw) Freiheit, um ihren Willen zur Verwirklichung des reinen Mcnfchentrrms zu erfassen. Philosophie wurde zur Weltweishcit. die rm höchsten Sinne praktische Tendenzen verfolgte. Ihr Führer war Leibniz. der deutscheste Denker mit seiner weltfrohcn. idealen Lebeusansicht. d"r den von Frankreich einftrömenden Materialismus übcrrvittden sollte. Diese Signatur trug die Zeit, in die Mendelssohn als Autodidakt eintrat und an deren intellektueller und ethischer Auswirkung er starken Anteil nahm. Er rang als erster Jude mit dem Weift der Neuzeit in aufreibenden seelischen -siämpfen und in äußerem Streit der Meinungen und des Vorurteils. Für ihn galt cs zunächst, einen Ausweg in den widerstrebenden Richtungen seines inneren Lebens zu finden. Eine neue 'Well hatte sich ihm erschlossen, die das Fnntament stln.r jüdischen Gedanken einznrcißen drohte. Ein anderer hätte sich vielleicht in der ultimativen Wendung seine- Daseins zur Preisgabe seines ererbten Standpunktes entschlossen und wäre ein einseitiger Naehb.ter der Zeirideeu geworden. Aber Mendelssohn lvar nicht der Mann des Entweder — Oder. In seiner ganzen geistigen Anlage war er auf Ausgleichung und Vermittlung eingestellt: eine allem Revolutionären abgeneigte Persönlichkeit, voll tiefen Verständnisses für das jüdische Erbe, groß in fcer pietätvollen Wahrung heiliger Neberzeugungen. ein wahrhaft konservativer Eharakter. Tics alles hinderte ihn nicht an einer selbstprüfenden Stellungnahme zu allen Problemen des Lebens und des Wissens, die mit ihrer Kritik auch vor seinem philosophischen Meister Leibniz nicht halt machte. Allein dessen konziliante. auf die Versöhnung der Gegensätze <N!sg--hnrdc Geistesrichtung zog ihn ebenso mächtig an^-u^e ihn der kalte, schroffe Spinoza mit seiner Weltanschauung abstieß, die das lebendige Individuum in bet unpersönlichen göttlichen Substanz untergeben ließ. Einen wesentlichen Berührungspunkt hatte er allerdings nnt dem genialen Pantheisten: die Einheit von Theorie und j Vraris. von Denken und Handeln, von Gesinnung und Tat.! Mendelssohn zwhörte zu den wenigen sympathischen Vertretern der Aufklärung, deren Leben, ebenso wie das Lessings. ans Schritt und Tritt ein getreues Abbild ihrer wissenschaftlichen Grundsätze war. Er zeigt eine moralisch? Kraftentraltttna. deren Einfluß und Zauber sich auch der Gegner nicht entziehen konnte, und stellt den Typus des wissenshegierigen sich selbst überwindenden Inden, der das Dasein durch Unterordnung unter das als ethisches Erziehungsmittel bewährte Zeremorüataeseß besipat. in seiner vornehmsten Ausprägung dar. Daber'rübr^e'Mendelssohns'höchste Schätzung des das Leben in res*:t Einzelheit lcitenden. praktischen Judentums, wie er üb-'rbauvt d"n Werk der Religionen nicht nach der dogmatischen B^r?naung der Gedanken, sondern ausschließlich nach Oer v7rsitttich'rrden Wirkung mit ihre Bekenner beurttilt. Aher der iüdisch.e Einschlag drlrck-wirtt nickst bloß seinen Ebarakter. sondern auch Ein aarneaeist'ocs Schaffen. Dmn für ibn nt es eme unumstößliche Gewißbe't. daß die Gedanken in:) die ethische Gesamtrichtuna der jüdischen Lebmsanschauun.7 mit dem allgemeinen Kultur- und Menfch.be'ts'deal nickst kontrastieren, ja sogar sich mit oen höchsten vbitosovhisck".'n Wahrluit.n über die Bestimmung und die Ausgabe des Menstben vollkommen d.'cken. Das Judentum ist gleichsam d'e Übersetzung der natürlichen Religion ins Positive und Lüirkliche. Bon dieser Grün dann chr ist Mendelssohns wissen- 'ä astt'ch? Leistung in allen religiösen und ethischen Problemen durchsetzt. Aber aus Neuartigkeit kann sie kaum einen beormrVfcn Anspruch erheben. Wie sein? Philosophie, ist seine Auffassung vom Illdentum reiner Eklektizismus. Man wird ihr am eh.'stell gerecht, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt der Vereinigung aller wertvollen Gedanken betrachtet. die die jüdische Religronsphilowphie in ihren hervorragendsten Vertretern ausgesprochen hat. Ganz besonders reiat sich der Einfluß Inda Hatevis und Maimonides'. deren Allsichtcn er in die Be^zrisfswelt der Ansttärung überträgt rnrd deren Geist er für daneuzeitliche Bewußtsein lebendig macht. Mendtt-iohn nimmt dem Judentum den sonst unbestrittenen Vorzug. Schöpfer des Monotheismus zu sein. Der Glaube an Einen Gott ist ureigenstes Besitztum der Menschtzttt. und die Religion der Vernunft war bereits dein ersten Erdbewohner durch die Betrachtung der Natur in ganzer Klarheit anfaegrrngen. Vielgötterei bedeutet Rückschritt, der erst durch den Patriarch/n Abraham wieder paralysiert und durch Israel nir die Welr in seinen furchtbaren Folgen gemildert rvorden ist. So ist da- Judentum nicht der geniale Pfadsiwd:r der rttigiöstu Welt, sondern gleichsam nur der Großsieaelbewahrer d.s köstlich.« Kleinods der reinen Gottesidee. Das Mittel zur dauernden Erhaltung des echten Glaub.ns ist die ^ffcnbarnug. die keine neuen Gedanken verkündet hat. weil die alloenieing.Utiaen Wahrheiten uns ins