Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- Seite 29 (sequence 8)
- Language
- German
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SS 3ii dieser sorge für die Toten gesellte sich als wichtige und notwendige Aufgabe die Fürsorge für die Kranken und die Sterbenden. Tausende von jüdischen Kranken weilen täglich in Berlin in Krankenhäusern und Sanatorien, und viele von ihnen sind hier fremd und verlassen, was man in der Krankheit besonders schwer empfindet. Und wenn das Judentum eine Seelsorge im christlichen sinne nicht kennt, weil jeder seinem Gotte unmittelbar nahesteht, so galt es doch stets als Wohltat für den Sterbenden, wenn jemand mit ihm die letzten Gebete Widdui — verrichtete. Und wie überall im Judentum muß auch hier werktätige Unterstützung hinzutreten, um Not abzuhelfen und in schwerer stunde den Schmerz zu mildern. Das waren die wichtigsten Aufgaben, die die neue Ebewra sich stellte. Sie waren in einer so weit verzweigten Millionenstadt gewiß nicht leicht durchzuführen und sie erforderten Energie und zielbewußte Arbeit, wie sie nur wenige in sich vereinigen. In den Reihen der Gemeinde, namentlich n, den unteren Schichten, verstand man diese Bestrebungen und man brachte dem neuen Verein viele Sympathien entgegen. Schon nach kurzer Zeit zählte der Verein über Mitglieder und . darunter viele, die nicht nur mit Geld. sondern auch mit dem; Herzen halfen und tatkräftig die Ideen der Ehe.vra förderten, j Im Jahre KM."» legte, aus Gründen, die hier nicht erörtert \ werden sollen. Herr Tr. Kahn den Vorntz nieder und die | entstandene Lücke war nicht' leicht auszunitten. weit der | Schöpfer der Ehewra eine Fülle von Eigenschaften in sich ver- | einigte, die man selten beisammen nnder. Aber die neuen i Vorstandsmitglieder brachten den besten Willen mit und die | Ehewra entwickelte sich trotz der schweren Kriegszeit und der ~—darauf folgenden noch schwereren Periode 'ehr gut. Heute gehört die Ebewra zu den populärsten und wichtigsten Institutionen der Gemeinde Berlin. Damit 'oll natürlich nicht aemat 'ein. daß die Ehewra nicht verbe^erungsbedürstig und verbenerunasrähia ist. Eine Gemeinde von mst 2aaE Seelen und von einem w weit gespannten Bogcn. daß der Radius 'O bis 2."» Kilometer beträgt, kann nicht mit den Normen einer Mitielgemeinde gemessen werden, und eine Institution, die allen Kreisen gerecht werden will, muß nur immer neue Wege und Mittet bqpacht sein. Tie T e ze n t r a li u\ t i o n der Ehewra muß. ohne die einheitliche Idee und die einheitliche obere Verwaltung zu gefährden, immer weiter ansgebaut werden. In jedem Stadtteil muß eine in steter Fühlung mit der Zentrale wirkende Abteilung vorhanden 'ein. Tazn wird aber notwendig sein, daß die Ehewra immer neue Kräfte aus den Reihen der religiös lebenden Juden heranzieht. Die Synaaoaenvereine und die jetzt entsta: denen Verbindungen der Mitglieder in fast allen Synagogen können dabei als Stützpunkte gute Dienste leisten. Es täte auch not. eine engere Fühlung zwischen den Mitgliedern der Ehewra zu schaffen, daß auch die große Anzahl derjenigen, die nch nicht persönlich am Liebeswerk der Tahara betätigen können, sich nickt als nur beitraazahtende Mitglieder, sondern als organische Teile einer ' echt jüdischen Organisation fühlen. Wer die Geschichte und die Psychologie der Ehewra Kaddnckra im Judentum kennt, der mein, daß ihre Mitglieder in alter Zeit sich als eine religiöse Zunft betrachteten mtb in Freud und Leid zueinander hielten.! Das war ihre größte Stärke und trug viel dazu bei. sie durch! alle Schicksale zu erhalten und in un'ere Zeit hinüverzuretten.! Häufige Versammlungen in verschiedenen Stadtteilen mit! guten oeiohreudeu Vorträgen und einer würdigen echt jüdischen Geselligkeit könnten viel dazu veitragcn. ein inniges Band paschen den Mitgliedern zu fernen. Die verursachten Kosteu würden durch die Gewinnung neuer Mitglieder und Spender reichlich gedeckt werden. Aber auch das soziale Wert, das m unserer Zeit der wirtschaftlichen Not von gewaltiger Bedeutung ist, kann und muß weiter ausgebaut werden. Reichere Mittel muffen beschafft werden, um den dürftigen Kranken, in den Privatwohnungen und Krankenhäusern und ihren Angehörigen Unterstützung gewähren zu können. Tie alte Ternrinologie nannte die Unterstützung der Kranken feinsinnig „Bickur cholim", Krankenbesuch. Man weiß aber, was die Dickurcholim-Vereine in Israel auf sozialen! Gebiete geleistet haben Diesen Zweig jüdischer Wohltätigkeit zu übernehmen und im Geist der Zeit neu zu beleben, ist die Ehewra berufen. Sie muß sich aber die geeignetsten Kräfte dafür schaffen, und alle sozial empfindenden und arbeitsfrendigen jüdischen Männer und Frauen um sich scharen. Sprechen wir von den Frauen, so wollen wir gleich betonen, daß es not tut, den Erforderniffen der Zeit entsprechend, den Frauen in der Ehewra mehr Rechte und ein größeres Tätigkeitsfeld einzuräumen. Auch der demokratische G e i st in der Ehewra muß deutlicher zum Ausdruck kommen. Alles, was gut jüdisch ist, muß volkstümlich sein, und heute, wo das Demokratische zum Schibvlet unserer Zeit geworden ist. ist es für uns Juden selbstverständlich, daß wir uns nach demokratischen Prinzipien entfalten. Tie Mitglieder muffen die Träger der Idee und die Machthaber in der Ehewra sein. Nur so kann die Ehewra eine große Zukunft erhoffen. Eine Notabelnwirtlchaft wäre weder jüdisch noch modern. Es wird in vielen Kreisen der Gemeinde sehr unangenehm empfunden, daß die Ehewra seit Jahren weder eine Generalversamnilung abhielt, noch einen Tätigkeitsbericht verschickte. Es wäre unter diesen Umständen nicht zu verwundern, wenn, wie vielfach behauptet wird, die Zahl der Mitglieder stark zurückgegangen wäre. Eine gesunde Entwicklung ist heute nur aus dem Weae der llesfeutlichkeit und Klarheit möglich, und eine Institution, die im Geiste des Judentums und im Sinne unserer Zeit wirkt, braucht wahrlich nicht das Licht der Oeffenttichkeit zu scheuen. Das sind Dinge, die trotz aller Schwierigkeiten der Gegenwart. die wir nicht verkennen, durchgeführt werden können und muffen. Unsere Väter schreckten vor den Hinderniffen der Zeit nie zurück und manches große Werk in Israel entstand in Zeiten höchster Rot. Gerade in Zeiten der Bedrängnis zeigt es sich, ob eine Gemeinschaft noch gesunde Kräfte in sich trägt. Wie das Judentum ein Mikrokosmos der Welt ist. so ist jeder echt jüdische Verein ein Mikrokosmos des Judentums. Er repräsentiert das Judentum, wenn er in sich die Stärke des jüdischen Idealismus verkörpert. Zophe uniabil. / | IJarob Nüsanes. | f B in Großer im Reiche der Wissenschaft ist mit Jacob Rvlanes aus dem Leben geschieden. Er war geboren am 16. August 1842 in Drody, Provinz Galizien, und entstammte einer strenggläubigen Familie: seine Mutter war die Tochter des berühmten Rabbi Akiba Eger. Wie er in seiner Vita angibt, erhielt er den Elementarunterricht in der Realschule seiner Vaterstadt. 187,8 verlegten die Eltern ihren Wohnsitz nach Breslau, und dem Wunsche des Vaters entsprechend widmete er sich dem Kaufmannsstande. Ter Beruf befriedigte ihn nicht. Von einem inneren Drang nach höherer Bildung beseelt, eignete er sich die erforderlichen Gynnrasialkenntttiffe an, und bezog I**'»" unter dem Rektorat von Branist die Breslauer Universität. Er studierte zwei Semester Ehemie und wandte sich erst in, dritten Semester dem Studium der Mathematik zu. nachdem er gleichzeitig am