Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 2 (20.1.1919)
- Date
- 1919-01-20
- Page
- Seite 22 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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22 euren „törichten Erstgeborenen": vgl. Haschi.) Allerdings darf bei näherem Zusehen jenem die Berechtigung zu solcher Einschätzung Neubens nicht ganz abgesprochen werden. Es kann nicht geleugnet werden, dass Reubens ganzes Vorgehen den Schwächling verrät, der nur räsonieren kann, sich aber zu einer männlichen, energischen Tat nicht aufzurasfen vermag. Wenn er zur Grube zurückgekehrt, den Josef nicht mehr vorfindet, hätten wir erwartet, daß er alles daran setzen werde, anstatt nur Etagen und Jammern hören zu taffen, Mittel und Wege zu finden, um den Spuren des entschwundenen Josef auf eigene Faust nachzugehen und ihn aus den Händen der Midjaniter selbst um das höchste Lösegeld toszukaufen. Und eben später in Aegypten hätte er, statt unnützer Vorwürfe gegen die Brüder, dem unerbittlichen ägyptischen Machthaber energisch den Standpunkt klarmachen,, eventuell seine Person dafür einsetzen müssen. So schreckt er aber förmlich vor jedem resoluten Vorgehen zurück, schirbk gern andere statt seiner in den Vordergrund, und das benimmt selbst seinem dem äusseren Anschein nach rührend selbstlosen Vorschlag, für Benjamin mit seinen eigenen Bindern einzustehen, jegliche Wirkung, im Gegensätze zu Juda, der nicht nur in diesem Fall mit seiner eigenen Person Bürgschaft zu bieten sich bereit erklärt, sondern auch dem ägyptischen Gewalthaber gegenüber mit Einsatz seiner ganzen fraftnoüci! Persönlichkeit die Hechte seiner Familie zu wahren versteht. Reuben ist eben alles andere denn ein Mann der Tat. der fest zngreifenden Entschlusskraft, ein Mangel, der sich auch auf seine Nachkommen vererbt zu haben scheint, wenn es von diesen später im Deborahliede ironisch heisst, das; ,.rm den Bächen Reubens Lauter weile Männer sitzen". <Ri. .V 1*V> Und trofc alledem Liegt emm? Ergreifende? und Tragische? in der Gestalt Henbens. darf er im gewissen Sinne als Hamletna'.nr bezeichnet werden, insofern er trotz allen guten Willen? sich der Grone der ihm al? Aeltcsten übertragenen Pflichten nicht völlig gewachsen zeigt, wa? ihm nicht bloss jegliche Autorität bei den Brüdern, sondern nur Ende auch durch den Machtsprnch de? Vater? der ihnr gebührenden Vorzng?srelllmg al? Erstgeborenen verlnstig werden lässt. Vielleicht könnte man hierin auch etwa? von den: in der Bibel verwaltenden demokratischen Gedanken erblicken, wo feibft gern gegen die durch blosse G>ebnrt erlangten Vorrechte angekämpft wird, zumal in Fällen, wo man sich derselben nicht würdig erweist. So erfahren denn auch die meisten in der Bibel vorkommcnden Erstgeborenen, von Kajin angefangen, über Esau. Efraim, Eliab, dem ältesten der Söhne Jsais, und andere, verschtstdet oder unverschuldet, eine Zurücksetzung. wie ja später die ursprünglich für den Priesterstand bestimmten Erstgeborenen überhaupt dieses ihre? Vorzuges ganz entkleidet wurden, ein Los. das sie freilich geradeso wie Reuben nicht völlig unverdient betroffen. Einige persönliche Erinnerungen an Igna- Gow-ihrr. ^£2? nun am Vai-.7l?e''.d «w Eröffnung de: rriciitalntkongreise?, der in Stockholm tagte, al? sich einige Mitglieder desselben in »rnserem Hanse versammelten. Unter andennl erwarteten wir auch Goldziher. dem alle mit der grössten Spannung entgegensahen, dem; er sollt? ein? der grünten Lichter, wenn nicht da? grösste, in dieser Versammlung von Gelehrten aller Länder seilt. Als er eintrat. stattlich lmd imponierend in der äusseren Erscheinung, erhoben sich ^alle umvillkürtich von den. Plätzen?- Aber nr seinem Wesenmerkte man durchaus nichts Hoheitsvolles. Herablassendes. er wurde uns sofort vertraut, hatten wir doch von früher her Beziehungen. Er kannte meinen Vater, Professor M. A. Levy in Breslau, als Gelehrten, rvenn ich nicht irre, auch noch persönlich: meine Mutter, die zur 3<4t ber uns -weilte, hatte er bei Terembourg in Paris getroffen, und da er selbstverständlich mit meinem Manne viele gemeinsame Interessen hatte, bahnte sich leicht die Freundschaft an. die erst mit dem Tode endete. Er war ein außerordentlich angenehmer Gesellschafter und' nahm sich, trotzdem er während dieser .Kongresswoche so unendlich stark in Anspruch genommen war. doch öfters Zeit, zu uns zu kommen, und hatte, wenn ich ihn bei den Festen traf, immer Zeit, ein paar Worte zu wechseln, die meist durch ihren Humor die angeregte Stimmung erhöhten. Ihm wie manchem anderen der Wissenschaftler, die ganzen Anordnungen des Kongresses etwa? zu geräuschvoll, es gab beinahe zu viel feine Dinners. Trinkgelage. Ausflüge usw.. die mitgemacht werden mussten, so daß wenig Zeit zu ernster Arbeit übriablieo. aber er nahm es. wie es war. mit guter Laune bin. Er batte unter anderem auch die Aufsicht über alle erotischen j Gäste, die man an? ihrer fernen Heimat kommen ließ. Man sah da würdige Araber mit grossem Patriarchen hart und gold- und diamantenstrotzenden Gewändern, .Kaukasier mit Dutzenden von kleinen Patronen statt der Vrusttaschen. Armenier in langen, schlepvcnden Kleidern und Haarftisnren wie die Damen. Türken. Perser und Parsen. Feueranbeter, mit ihren schneeweißen langen Burnussen und weinen Stirnbinden, über den schauerlich blitzenden Augen. Es soll unendlich schwer gewesen sein, diesen Menschen etwas Zivilisation j beinckrinoen. und als solch ein riefenarosser Wüsterrj bewohn er mich einmal mit wild rollenden Angen beim Arm j packte, floh ich wirklich recht ängstlich zu ihrem Auneber. der j mir dann seine Not klagte, indem er sagte, in ihrer Heimat j trinken die Leute niemals alkohotartrge Getränke und sehen j niema!? ein? irnversch leierte Frau: natürlich sind sie ganz - allster Hand und Band, und ich habe meine liebe Hot mit; ihnen. So konnte er sagen: Nun muss ich meine Herde füttern! gehen, setzt sie m den Stall bringen unv. Immer hatte er ein j muntere? Wort oder einen guten jüdischen Witz für uns lln- 1 gelehrte. Ans der Fahrt nach E Kristiania, wo jedermann bemüht war. einen Platz für die Nackt in den überfüllten Wagen zu bekommen, stand er bis Sonnenaufgang im Gange des l>-Znges, und wir konnten seine helle Stimme die ganze Nacht hindurch in unserem Abteil hören, wie er mit Kolleaen lebhaft diskutierte. Hier fanden sicher wissenschaftliche Austausche statt. In Ehristianür wurde unter anderem ein wunderbar schönes Fest in einem königlichen Schlosse, am Fjord gelegen, abgehatten. und die Hücksir'hrt in die Stadt war das Feenhafteste. das man sich denken kann. Ter ganz Fjord wimmelte von kleinen Schissen, mit Wimpeln und Lampions behängen.! an beiden Ufern stiegen die herrlichsten Raketen in immeri währender Folge und Abwechselung auf. und zwischen diesem! bunten Gewimmel'glitt unser Schiff langsam in die laue! Herbstnacht hinein. Gvldziher, der uns anfangs von-Rachteu—; die er in der Wüste Arabnns erlebt., unterhielt, verstummte j allmählich: all.-, schwieg in dieser unsagbar inärchenl>afteii; Umgebung, nur Ausrufe de? Entzückens hörte man hin und wieder. Bei der Ankunft hatte er da? zweifelhafte Vergnügen, j meine Mutter und mich durch die schlafende Stadt in da? am anderen Ende belegene -Hotel zu begleiten. Im Jahre 1«.-»:! besuchten mein Mann und ich ihn in seiner Vaterstadt Budapest. .Tantals lernten wir attch feine Gatti'r