Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 2 (20.1.1919)
- Date
- 1919-01-20
- Page
- Seite 21 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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21 — — Eur ChgrsUerjstür Zeudens. Eine kleine vrvülcke '€tüÖie. ' Don Dr. Max Steif (Brünn), aß die Bibel mit einigen wenigen Tatzen? oder kurzen, nebenbei 'hingeworfenen Bemerkungen feit umriffene bharaktere plastisch hinzustellen vermag, ist schon wiederhol: dargetan worden. Ein solcher Nachweis hat sich aber binun doch mehr auf die Hauptgestalten der Bibel beschränkt, während die im Hintergründe befindlichen Figuren, wie beispielsweise ein Reuben. nach dieser Seite hin weniger Berücksichtigung fanden. Und doch verdiente auch eine Nebengestalt, wie die Neubens. unsere erhöhte Beachtung, liebe sich auch hier aus den wenigen angedeuteten Strichen ein klares (Gesamtbild gewinnen, das zum besseren Verständnis seine- Eharakters wie des übrigen Erzählten beizutragen vermag. Zunächst muß sich uns nämlich hier die Frage aufdrängen: Worin war die Ursache zu suchen, daß Reuben so gar nicht sich jenes Ansehens erfreute, das den Erstgeborenen damaliger Zeit für gewöhnlich gezollt ward. daß er eine solche Nichtachtung. wenn nicht gar eine Zurücksetzung seitens der Brüder, wie des Vaters sich gefallen lassen mußte? Ein näheres Eingehen auf die über Reuben mitgeteilten Einzelheiten wird uns hierauf einigermaßen Antwort geben können. Bei vier Gelegenheiten tritt uns Reuben handelnd entgegen. Tas erste Mal, wo er jene seltsamen Blumen, in der Bibel Tudaim genannt, ferner Mutter Lea nach Haufe bringt. Und schon aus diesem ersten Vorkommnis läßt sich ein gewisser Schluß auf die ganze Sinnesart Reudens ziehen. Ist es für erneu Reuben nicht bezeichnend, daß er auf dem Felde draußen nur nach Blumen sucht, woselbst sein Sheim Esau nur die gün fmie Gelegenheit erblickte, reinem wilden Sinn so recht die Zügel schießen zu lassen und Jagd auf allerlei Getier ^uach dem Midrasch: auch ans weibliche Wesen) zu macken? Vermag nickst schon dieser eine Zug. dieses Suchen nach Blumen ein erhellendes Licht auf das ganze, entschieden zarter veranlagte Deren Reudens zu werfen? Und dieses zartberairete Gemüt kommt in noch deutlichere: Weife zum Turchbrmh bei der zweiten Gelegenheit, da i\ gilt. Josef vor den Anschlägen der haßerfüllten Brüder \i: retten Hier ist es nicht sowohl das Bewußtsein der Verantwortlichkeit als Erstgeborener, als vielmehr sein gegen jede Gewalttat sich aufbäumendes. und diese wie einen ihm selbst zugesügten Schmerz empfindendes Gefühl, das ihn setzt eindringlich beredte Worte finden läßt, die freilich bloß den einen vorübergehenden Erfolg erzielen, daß Josef nur „in eine Grube" geworfen wird. Und wie charakteristisch für ihn ist dann sein Schmerzensausbruch: „Das Kind ist nicht m?hr da, und ich. wohin soll ich nun gehen!" (Man beachte auch hier den Ausdruck „Kind" für den dem Kindesalter ickwn etwas entwachsenen. 17 jährigen Josef!) Wegen dieses, an dem ..Kinde" verübten, schreienden Unrechts drängt es ihn auch später, in jenem Momente ratloser Verzweiflung, da sich in den Brüdern das Gewissen ob der an ihrem Bruder begangenen Untat zu regen beginnt.;r jenen anklägenden Dorren, die uns nicht minder sein weichherzig veranlagtes Inneres erschließen: „Habe ich euch nickt gesagt, versündigt euch nicht an dem Kinde!" Und schließlich finden »vir Reuben sich dafür einsetzend, den alten Vater zu bewegen, das; er dem Verlangen des ägvptischen Gewalthabers gemäß Benjamin mit ihnen nack- Aegypten ziehen lasse. Auch hier, da es um eine Lebensfrage der ganzer; Familie geht, tritt sein Berantwortlrchkeitsgesühl als Erstgeborene: zutage, das selbst Regungen der Vaterliebe unterdrückt, und. wo es das Wohl, die Erhaltung der anderen gilt, bereit in. selbst seine eigenen Kinder dafür herzugeberr: ..Meine beiden -Söhne kannst-du röten, wenn «H-Dir-ihn nicht wledttbrrnge?^ Trotzdem nun, wie gezeigt worden. Reuben alles andere denn ein tadelnswerter Charakter ist. und auch seine Pflicht als Erstgeborener keineswegs auf die leichte Schulter nimmt, finde: er gleichwohl allenthalben nur Verkennung seiner guten Absichten, ja zunr Schluffe wird ihm selbst vom Vater sein ihm gebührendes Recht als Erstgeborener aberkannt: -Eine dem Wasser gleiche Haltlosigkeit läßt dich keinen Vorzug verdienen" (nach §. R. Hirschs Bibelkommentar). Und nochmals tragen wir uns: Was hat diese geringe Einschätzung oder Unterschätzung Reubens bei den Brüdern und vor allem bei dem Vater bewirkt? Tenn daß dem Uebelwollen des letzteren einzig nur jene im 1. Buch Mose 35, 22 angeführte sittliche Verfehlung schirldtragend fein rollte, läßt sich, abzzesehen davon, daß nach talmudischer Auffaffung (Sabbat 55. Ir) eine solche eigentlich gar nicht zu Recht besteht, schon darum nicht gut annehmen, weit ja auch der vom Vater so hoch eingeschätzte Juda in diesem Punkte nicht ganz einwandfrei daiteht. Es müssen also hier noch andere Momente mitspielen, die zu solcher Aburteilung Jacobs feinem ältesten Sohne gegenüber geführt haben. Zunächst wird man wohl nicht fehlgehen in der Annahme, daß gleich von aller A u f a u y dü das Verhältnis zwischen Vater und Erstgeborenem kein sonderlich herzliches f gewesen rein muffe. Tie Abneigung oder geringe Zuneigung j Jacob* zu der ihm als Frau aufgedrängten Lea (Und Gott \ 'ah. daß Lea ver haßt war. l. B. M. 29. 31) mag sich auch l auf Reuben übertragen und mit veranlaßt haben, daß je mehr l dieser der Liebling Leas gewesen und sich der Mutter an- \ geschlossen «was auch aus dem Nachhausebringen jener Tu; daim für sie hervorgeht j, desto weniger Jacob sich zu ihm I hingezvgeu suhlte. Vielleicht mag sich Reuben auch nicht \ durch sonderliche Schönheit ausgezeichnet haben, auch hierin! mehr der Mutter nachgeratend, ganz gewiß aber ermangelte! cr jener körperlichen Stärke und kraftvollen Männlichkeit. \ wie sie einem Simon und Levi oder gar einem Juda zueigen j gewesen. Hinzu trat, wie oben bereits angedentet. sein r mehr auf Verinnerlichung angelegtes Wesen, seine weichere [ Ratur. die etwas Grüblerisches und Träumerisches an sich \ harre, ähnlich Josef, und dennoch ihm insofern unähnlich.? als bei dem letzteren Klugheit und rasche Wirklichkeitsj crfassung allem Träumerischen die Wage hielt. Ties alles l läßt ihn auch bei den Brüdern eine eigenartige Sonder- \ üellung einuehmeu. läßt keine rechten innigeren Beziehungen! zwischen ihnen aurkommen. Und wie er schon in frühester 1 Jugend allein und ohne Gespielen auf den Feldern umher-- schweift, um nach Blumen zu suchen, so meidet er auch später gern die Gesellschaft seiner Brüder. Es mochte ein Zufall gewesen rein, daß x in jener cntfcheidungsschweren Stunde des Zusammentreffens Josefs mit feinen Brüdern bei ihnen anwesend war: denn er entfernt sich sofort, nachdenr er Josef in der Grube vor den weiterer: Anschlägen der Brüder ge-, schützt glaubt. Und weit ihn io wenig mit der Sinnesart der Brüder verbindet, darum mag es auch begreiflich er scheinen, wenn auch diese für ihn nichts übrig haben, und ihn schon gar nichc als Führer und Berater anerkennen wollen. Nicht ohne Absicht heißt es nur bei dem Vorschläge Judas, „daß die Bruder auf ihn hörten", während diese Be merknng bei den: Vorschlag Reubens fehlt. Ja, man hört nidn auf Reuben. weder die Brüder, die seine kurze Abweien lvir bem'tzcttd. vafih Jo-cf au die Mrdjan'ttcr verlaufen, noch der Vater, der fernen gutgemeinten Vorfcks.,g. ihm den Bru jr.nin gegen die Burgsstzastssrellung seiner Söhne anzuver imiic;».. mit völliger Ri: B eachtung straft. «Rach der Ueber licstrung nennt illn bei dieser Gelegenheit Jacob freilich