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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-20 · Heft 2 (20.1.1919) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 2 (20.1.1919)
Date
1919-01-20
Page
Seite 19 (sequence 9)
Language
German
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19 den Jslmn nicht so schroff ablehnend wie gegen das Christen» tum. Wie schon Maimonides dem Auftreten Mohammeds als —Vorboten -der messianischen Zeit *Hie gewisso-beschränkte Berechtigung zuerkannte, so haben auch nach ihm die gelehrten Juden in Aegypten sich mit dem Islam so weit ausgesöhnt. daß sie dem Mohamined den Titel eines nvdi sadik seines wahrhaften Propheten) nicht verweigerten. Wer war also im Rechte? Der intolerante Islam oder das tolerante Judentum? -- Ueberaus geschätzt sind auch die folgenden Arbeiten Goldzihers: Mohammedanische Polemik gegen das „Volk der Schrift" ('am ha«6fer) in der Z. D. M. G. sBd. XXXw im Anschluß an Steinschneiders Forschungen auf diesem Gebiete. Wie nur wenige seiner Fachgenossen ist Goldziher ist den Geist der arabischen Sprache eingedrungen und hat gleichzeitig die Epoche vor Mohammed durch seine tiefgründigen Untersuchungen aufgehellt. Seine wertvollsten sprachwissenschaftlichen und literarhistorischen Schriften sind: „Beiträge zur Geschichte der Svrachgelebrsamkeit bei den Arabern"' (Wien 187173), „Beiträge zur Literaturgeschichte der Sckne" (1874), ..Die Zahiriten. ihr Lehrsystem und ihre Geschichte"' (1884). Zn ungarischer Sprache verfaßte er schon im Jahre 1881 eine Abhandlung über den Islam: der „Divan des Hutaja" erschien in Leipzig -im Jabre 1892. Ferner veröffentlichte er in Lenden zwei Bände ..Abhandlungen zur arabischen Philosophie" (]89tV99). Unter den vielen in den verschiedensten Zeitschriften zerstreuten Arbeiten verdient die im Gedenkbuch für den verewigten Professor Kaufmann erschienene ail-^ezeichnete Abhandlung über den „Sabbat im Islam" hervoraeboben zu werden. Das Standard work des Heimgegangenen Meisters sind die mohammedanischen Studien (Halle. 1889 90). in welchen eine gewaltige Fülle ntamiti scher Traditionen gesammelt. kritisch geprüft und gesichtet ist. Die Hadithwissen scharr, d. h. die Wisienfchgft der dem Mobammed zugeschriebenen Aussprüche, ist eine der wichtigsten Disziplinen der mohammedanischen Religionswissenschaft. Seit jeher gatten im Islam neben dem Koran die überlieferten Aussprüche des Propheten als Quelle des religiösen Lebens Im 3. Jahrhundert der Hidschra l»eaann die kritische Sichtung und systematische Anordnung des riesig mniciinidmm u Mater inls nach Kapiteln der Gesetzkunde. Doch erst in den letzten Jahrzehnten sind im Orient, besonders in Aeaypten und Indien, die wichtigsten Hadithsammlungen durch den Druck allgemein zugänglich gemacht worden. Jetzt ent konnte das Studium des -Hadith, die Methodik seiner Verwendung für die Ableitung des islamischen Rcligionsgei'etzes. die Kritik der Gewährsmänner der Tsnäde (Bealaubigunaskette) unv. in Angriff genommen werden. Goldzihers Leistungen auf diesem Gebiete (Um ul chadith) sind grundlegend und von bleibendem Werte. - Der Verblichene war aber auch ein genauer Kenner des jüdischen Schrifttums. das er durch selbständige Arbeiten bereicherte. Scän Werk „Ter Mythos bei den Hebräern und seine geschichtliche Entwicklung". welches bald nach seinem Erscheinen (1877) ins Englische übertragen wurde, hat seinerzeit in der wissenschaftlichen Welt großes Aufsehen erregt. Man wird zwar heute allenthalben nicht nur in religiös-konservativen Kreisen über Goldzihers radikale Hypothesen kopfschüttelnd und ungläubig lächeln, aber der Verstorbene selbst dürfte vieles von dem. was er in seinem Buche veröffentlicht hat. wieder preisgegcben haben. Die ganze Zeit von Moses bis David als reinen Mythos aufzufassen. eine solche tächer liche Hyperkritik läßt sich nicht mehr aufrecht erhalten. Das sogenannte Bundesbuch ist jetzt sogar in den Augen der alles verneinenden und zerstörenden Bibelkritik „ein untrügliches Zeichen einer hochentwickelten monotheistischen Weltanschauung"'. und der geschichtliche Kern der biblischen Darstellung wird seitens der Kritiker mtd) für die Zeit Abrahams und die monotheistische Richtung seiner religiösen Vorstellungen zu» gegeben; allein Goldzihers Radikalismus in bibelkrrtischen Fragen entsprang vielleicht apologetischen Gründen. Tenn bekanntlich gab cs eine Zeit (vor ungefähr 50 Jahren), da christliche Religionsforscher, besonders Renan, die Ansicht vertraten. daß die alten Hebräer durchaus unbefähigt waren. Mythen zu bilden oder auch nur zu verarbeiten. Gegenüber diesem blendenden Paradoron galt es beinahe als Ehrenrettung für die alten Hebräer zu beweisen, daß auch sie die Fähigkeit zur Mythcnbildung besaßen. Daher suchte Goldziher nachzuweisen, daß sich auch in bet Religion der Hebräer mythologische Elemente befinden, wenn auch kein ausgebitdetes System. Zu seinen besten bibeleregetilchen Arbeiten gehör-m die schon im Jahre 1870 erschienenen Studien über Tanchum Ieruschalmi. einen aus Jerusalem stammenden Brbelerklärer des 13. Jahrhunderts, der die ganze Heilige Schrift in arabischer Sprache für die Arabisch redenden Juden des Lrients erklärte. In zahlreichen Abhandlungen zeigte Goldziher seine Meisterschaft auf dem Gebiete der vergleichenden semitischen Literatur- und Kulturgeschichte, z. B. „Jüdische Gebräuche na islamischen Schrifttum", „Tie mittelalterlich hebräische Poesie in Spanien und ihr Verhältnis zur arabischen Poesie". „Mohammedanischer Aberglauben über Gedächtniskraft und Vergeßlichkeit mit Parallelen aus der Jüdischen Literatur" (il. der Festschrift zum 70. Geburtstage A. Berliners). Auch aus das weitausgedehnte Gebiet der Fotktoristik hat Goldziher seine Unterfuckunaen ausgedehnt; die darüber im „Globus" von ihm veröffentlichten Aufsätze sind äußerst wertvolle Beiträge zur allgemeinen Volkskunde. In der „Revue «ta Ihisfoire des roliirions" sowie in „Archiv für Religionswissenschaft" behandelte er Probleme der allgemeinen Reliarvnsaeschichte. während er andererseits, seinem Spezialfach sich zuwendend, den Einfluß des Parsismus auf den Islam überzeugend nachwies (1901). In dein von Paul Hrnneberg (Berlin 1913) herausaegebenen Sammelwerk..Die Kultur der Gegenwart" behandelte Goldziher in einer kurzgefanten. doch glänzend geschriebenen Darstellung die islamische und die von ihr beeinflußte jüdische Philosophie. die wegen ihrer Einwirkung auf die abendländische Scholastik eine große Rolle in der Phitowphieaeschichte d's Mittelalters spielen. Wer sich über das Verhältnis der spekulativen islamischen Theologen, der "Vertreter -de» Kalüm. zrrr Philosophie. über die theosovlüsche Richtung des über den ganzen Istam verbreiteten Sünsmus. lerner «der die Wirkung des Renplatomsmus und Buddhismus auf das Süftween unterrichten will, der kann aus Goldzihers 1910 erschienenen ..Vortestrnaen über den Islam" reich? Belehrung schöpfen. Die unvergleichliche wissenschaftliche Bedeutung dieses Mannes wurde schon damals (1910), anläßlich 'eines 00. Geburtstages. in der ganzen Wett anerkannt. Eine Deputativn von Gelehrten überreichte ihm bei der Feier dieses Tages eine Bearüßungsadresse. die von etwa 200 der namhaftesten Orientalisten (Leo Reinnch. Nötdeke. D. H. Müller. Sayce. De Voguv rrstv.) unterfertigt war. Zugleich mit der Adresse wurde ein Album überreicht, welchem die von den gelehrten Kollegen in allen möglich?» Sprachen eingesandten Zuschriften eiugeceiht wurde:?. Unter denselben befanden sich Begrüßungen in deutscher, französtsctter, enalischer, italienischer und spanischer Sprache, aber auch solche in arabischer, hebräischer, syrischer, assyrischer, äthiopischer, koptischer und persischer Sprache: selbst das Sanskrit fehlte nicht. Auch fein fünfzig jähriges Doktorjubilämu im Mär; 1920 .war der Anlaß zu vielen Ehrungen und Auszeichnungen rirr de»r Gefticrleu. Die Leipziger Universität. an der er nn Jahre 1^70 promoviert hatte, ließ ihm eine Adresse überreichen, irr wetclscr feine unvergärrglichen Verdienste um die Wissenschaft gepriesen wurden. Run ist - der liebenswürdige Mensch, der ijütr Jude, der rruerreichte

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