Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 2 (20.1.1919)
- Date
- 1919-01-20
- Page
- Seite 18 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- lg hatte -- wie dies schon im damaligen „liberalen" Ungarn vorzukommen Pflegt?. Sr gehörte zu den wenigen Juden, die ordentliche Mtglieder der Budapesker Akademie'der "Wissen-' schäften waren, und genoß auch die Ehre. Präsident der Lektion für alte Philologie zu sein. Als solcher vertrat er die Akademie auf vielen Kongressen und Versammlungen der Orientalisten. Alle nur möglichen Ehren und Auszeichnungen wurden ihm zuteil. Sr war Ehrendoktor von Cambridge und Ehrenmitglied fast sämtlicher orientalischen Gesellschaften. Bekannt ist seine Anszeichnung durch König Oskar von Schweden. Im Jahre 1904 stand er in der Reihe der europäischen Koryphäen, welche ituf dem Getehrtenkongresse in St. Louis die Aufmerksamkeit der Wett auf sich lentten. Als im Jahre 1906 die Universität Aberdeen das 300jährige Jubiläum ihrer Gründung feierte, wurde Goldziher zum Ehrendoktor dieser schotttschen Hochschule-ernannt. Nach dein Tode seines freundes David Kaufmann übernahm er am Budapester Rabbiner- Seminar die Lehrkanzel für Religionsphitosophie. Tie Haupttätigkeit Goldzihers galt der Erforschung des Islams, besonders des innerhalb desselben in hohem Ansehen stehenden Traditionswesens (des tiaflitli), sowie der Entrvicklung der Sekten im Mohammedauisnnls: Schon in den Jahren 1*70/71 veröffenttichte dekaum der Schule entwachsene Jünglistg in der Frankel-Grätzschen Monatsschrift eine Reihe Aufsätze über die Beziehungen der Araber zu den Juden: die darin zutage tretende stutzende vyelehrsamteit und scharssinuige Kombinationsgabe lassen uns in ihrem Verfasser — ex iingnc leonem -- den künftigen, ausgezeichneten Forscher bereits ahnen. Wir erinnern nur an seine Notiz über den berühmten jüdischarabischen Augenarzt Mnwasfik, dem das Unglück widerfahren war. ein Auge durch den Fanattsmus eines mohammedanischen Scheichs zu verlieren. Tiefer trachtete nämlich jeden „Ungläubigen" iNichtmuslim), den er auf einem Roffe reiten sah. zu töten. Eines Tages begegnete er dem hoch zu Pferde sitzenden Muwanik: da hieb er nach diesem mit einem Tinge.! dafein Auge rraf und es herau^schlug. ohne T?»? der Scheich! hierfür bestraft worden wäre. Tiefer von Goldziher nahezu! neuentdeckte „einäugige" Mnwasfik stand als gefeierter Arzt j im Dienste des Sultan Saladin und war auch als Dichter von! Kakiden sehr geschätzt. In anderen Aufsätzen seiner damaligen i literarischen Tätigkeit behandelt Goldziher arabische Aeuße-! rnngcn über jkldrsche Gebräuche beim Gebet und Studium der j Thora. Tie angeführten arabischen Quellen und Parallelen j verraten uns die immense Belesenheit, die schon der 20jährige Mann auf dem Gebiete der arabischen und jüdischen Literatur besaß. Nicht ohne Interesse ist es. daß hier Goldziher auf eine jüdische Sitte zu sprechen kommt, die von den mohammedanischen Theologen. ja sogar von Mohammed selbst als jüdischer Rittlalbrauch verpönt war und woran sich in neuerer Zeit, durch eine Schrift Professor Berliners st.Ueber den Einfluß des ersten hebräischen Buchdrucks auf den Kultus der Juden" S. 22 fsJ eine Tiskussion geknüpft hat: es ist die Sitte, beim Gebete uw. den Körper hin imt> her zu beroegen. Goldziher wies schon damals nach, daß im bewußten Gegensatz zur schüttelnden Bewegung beim jüdischen Gebete und Thorastudium die starre Unbeweglichkeit des Muslim im Gebete als ein Charakteristikum der arabischen Asketen anzusehen ist. Sehr aufschlußreich sind auch in dieser Beziehung die von Goldziher 1*7! tu Levden veröffentlichten Darlegungen über arabisckze. die Gebete der Juden betreffende Aenßerungen. die wohl den Höhepunkt islamischer Intoleranz bilden. Tie Nachrichten, die Goldziher Bucharis Traditionssammllmg und anderen ihm . reichlich zugeftossenen Onellen entnahm, werfen ein volles fielst auf die gereizte Stimmung der ersten Muslim-? gegen die .ungläubigen" Juden und Ghristeu. Mohammede Ausspruch: „Gott verfluche die Inden, welche die Gräber ihrer Propheten als Betörte benutzen", bezog sich nach einer anderen Tradition auch auf die Christen. Gegenüber den Juden, welche jedem Heiligenkultus und jeder Wallfahrt zu den Gräbern ihrer Großen abgeneigt waren," war dieser Tad^des Propheten unangebracht. Ter fanatische Haß gegen alles Jüdische und Christliche wurde oft durch Angebereien von zum Islam bekehrten Juden und Christen genährt, wobei man nicht vor Verdrehungen des Schrifttertes zurückschreckte, worauf sich ja bekanntlich unsere antisemitischen Tagesschriftsteller auch jetzt noch besonders gut verstehen. In einem Unikum der Pariser Nativnalbebliothek ist eine arabische. „Wesen der Seele" (mä- Ymi al-nafs) betitelte Schrift aufbewahrt, die dem bekannten Moralphilosophen Bechaji b. Josef b. Pakuda in Saragossa zugeschrieben wurde. Goldziher hat diese Schrift im arabischen Original (1907) herausgegeben und die Unmöglichkeit der Autorschaft des Bechaji nachgewiesen. Ter Verfasser habe nicht in Spanien, sondern im Orient gelebt; er habe die Schriften der „lauteren Brüder" und andere diesem Kreise ungehörige Werke stark benutzt und dabei die Theorien der neuplatonischen Teelenlehre an die Bibel und an talmudische Sprüche angelehnt. Ueberaus geschätzt sind noch hellte Goldzihors Untersuchungen über das Verhältnis des Judentums zum Islam und die gegenseitige Beeinflussung des hebräischen und arabischen Schrifttums. Eine sehr große Zahl von Abhandlungen beschäftigen sich mit diesen Problemen. Dazu gehören vor allenl einige seiner frühesten Arbeiten, die in Kobaks Jesckmrun lBand VW -IX, 1*72—1878) als „Proben mohammedanischer Polemik gegen den Talmud" erschienen -sind. Zum ersten Male werden uns hier die hervorragendsten Repräsentanten dieses eigenartigen Literatur Zweiges vorgeführt: Jbn £ayit und Jbn Kajjim. Ersterer war ein Zeitgenosse de-ö berühmten Minister-Rabbiners und Dichters Samuel ibn Nagdbla. mit dem er auch viel verkehrte und einmal sogar über Wert und Bedeutung der Resth-Gelutha-Würde stritt. Diese damals schon etwas verblaßte Würde ist von den jüdischen Zeitgenossen Samuels mit der Verheißung in Genesis t-Kap. 19. Vers w) gern in Beziehung gebracht worden- Während alw Samuel Hanagw. dem Zeitgeschmack folgend, die Prophezeiung im Jakobssegeu auch auf den Erilarchen bezog, der seine Abstammung bis auf den 'Stammesfürsten Juda zurückführte, wollte Jbn Hazrn beweisen. daß die angebliche -Herrschaft dieses jüdischen Fürsten nur eine Schattenregierung. daher bedeutungslos rväre. Seine Polemik gegen die Juden strotzt nahezu von grundlosen Beschuldigungen und albernen Schimpfworten. die nicht nur den intellektuellen Tiefstand, sondern auch die Unduldsamkeit und den Fanatismus der damaligen mohammedanischen Theologen beweisen. Nach der streng objektiven Darstellung Goldzihers geht dieser Polemiker in seiner Parteilichkeit so weit, daß er die in jüdischen Legenden vvrkommende „kepliizath haarez", d. h. die unheimlich schnelle, durch eilt Wunder bewirkte „Zurücklegung weiter Länderstrecken in kürzester Frist" verspottet, obgleich dieses Wunder in Hunderten von mohammedanischen Sagen wiederkehrt. Ter Unterschied besteht nur darin, daß die Araber an diese Sage noch den Aberglauben geknüpft haben, daß das ..Zusammenfalten der Erde viel häufiger bei Nacht vorkommt als bei Tag", weshalb sie das Reisen bei Nacht dem am hellen Tage vorziehen, während das Judentum —- frei von diesem Aberglauben - das Reisen bei Tage empfiehlt. Wie Goldziher dartegt.' wurde die Kenntnis von Bibel und Talmud durch mündlichen Verkehr mit schriftgelehrten Inden und Karäern immer mehr unter den Arabern verbreitet. An der Polemik eines anderen islamischen Gelehrten gegen denTatmud zeigt Goldziher in einer glänzenden Beweisführung, daß durch den unheilvollen Einfluß der Karaiten Intoleranz lind ein gehässiger Ton in diese Llleraturgaitnug der Araber ijimriugetragen wurde. Jedenfalls verhielten sich die Juden geizen