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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-20 · Heft 2 (20.1.1919) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 2 (20.1.1919)
Date
1919-01-20
Page
Seite 14 (sequence 4)
Language
German
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14 der nationaldeutschen Juden", erklärt, er Hube tiefes Mitleid mit bicftit Lftjuden. aber Teutschland könne heute keine Fremden vertragen. Platonisches Mitleid ohne Tat ist schon echijch eine zweifelhafte Sache, politisch ist sie ganz wertlos. Fremde? T?n Begriff kennt der religiös und geschichtlich empfindende Jude gar nicht. Unsere Bibel gebietet'. ,^ieve den Fremdling — wörtlich „Miteinwohncr" —, denn Fremde wäret ihr in Aegypten." Aber auch politisch ist heute schwer zu sagen, was fremd ist. Wenn die Juden aus Posen und Bromberg uns keine Fremde sind, trotzdem sie staatsrechtlich Polen geworden sind, so sind uns auch die Juden aus Kalisch. die ihrer Kultur nach häufig deutsch sind, nicht fremd. Daß es heute, über hundert Jahrr nach der Emanzipation, nötig wäre, Vereine zu gründen, um die Juden znm Teutschtum zu erziehen, dieses Armutszeugnis wird sich wohl die Judenheit nicht selber aus/tellen wollen. Herr Tr. Naumann will die deutschen Juden „erwecken" und ihnen ihre Stellung innerhalb des deutschen Volkstums zeigen. Ist das heute nötig? Tie Juden Deutschlands sind durch eiue Geschichte von Jahrhunderten mit dem deutschen Volke verschmolzen. Sie haben nicht nur vom deutschen Volke genommen, sondern i h m a u ch viel gegeben. Sie haben aus allen Gebieten ees sozialen Lebens, der Wissenschaft und Kunst Wertvolles geleistet. Nur ein blinder Judenhaß vermag das zu verkennen. Sollen heute noch die Juden zum Teutschtum erzogen werden müssend Har Herr Tr. Naumann Talent znm Erziehen, dann sollte er lieber versuchen, den rückständigen Teil des deutschen Volkes, der die Juden noch nicht kennt oder nicht kennen will, zu erziehen. Da< täte wahrlich mehr not. Bleibt als Paradestück nur der K a m p f gegen den Zionismus übrig, und er ist im gegenwärtigen Moment nicht nur ungerecht, sondern - was politisch schlimmer ist töricht. Heute, wo die Zionisten auf dem besten Wege sind, aus der engen Parteischadlone herauszutreten und zu einer praktisch wirkenden jüdischen Richtung zu werden, müßte eine zielbewußte Judenlzeit in ihrem eigenen Jnreresie danach streben, eine gemeinsame Plattform zu schafseu. aus der alle am großen Werke der Neubclcbung des Judentums wirken könnten. Wir sagen: im cigeneu Interesse, denn die jüdische Jugend ist - darüber darf man sich keinen Illusionen hingeben — auch in Teutschland stark zionistisch, und von den senilen Geheimräten kann das Judentum nicht leben. Tie Einigung ist gar nicht so schwer, denn die Gegensätze bestehen auf beiden Seiten in überlebten Marimen und wohl- und hohltlingenden Sprüchlein. Man nehme dem jüdischen Nationalismus den gar nicht jüdischen Chauvinismus und dem deutschen Patriotismus die gar nicht deutsche große Geste und die Einigkeit wenigstens m den wichtigsten praktischen Fragen ist da. Freilich scheint Herr Tr. Naumann noch den alten Traum der Assimilation in ihrer vulgärsten Form zu träumen . . . Wie ivenig müßten die Leute das Judentum erfaßt haben, wie wenig müflen sie Gegenwart und Zukunft veyrehen, wenn sie heute solchen Idealen nachstreben; Ter Verband scheint, nach der letzten Versammlung zu schließen, mit einem Fuß in der Teutschnationalen Volkspartei «und mit dem anderen in der Teutfchen Volkspartei zu stehen. 'Selbst die bürgerlichen Demokraten und ihm in puncto „national" schon ein rvenig verdächtig. Wir zweifeln baran, daß es namentlich in den Reihen der poliri'ch reifen Juden und besonders der jüngeren Generation viele Anhänger für diese Richtung geben wird. Man kann deute in Teutschland. besonders in Berlin, für jede mögliche und unmögliche Bewertung Unterschriften finden und bei guter Vorbereitung große Versammlungen veranstalten. Man wird; aber dem Nutzen dieser Veranstaltungen sehr skeptisch gegen« äbcrsrehcn. Herr Tr. Stresemann und viele andere Volks- . parierter haben ihre gewiß ehrlich gemeinte Sympachie für den Verband erklärt. Zlber man kennt die Sympathie dieser f Richtung. Sie lautet, ins Klare übersetzt: „Wir dulden euch j gern, nehmen eure Arbeit und euer Geld «für unsere Sache gern an, envarten aber bestimmt, daß ihr bald als Juden zu existieren aushört." Ter zielbcrvußte Jude bedankt sich für einen solchen PhiloseMitismus. WerdenJuden das Judentum großmü tig verzeiht, ist im Grunde ebenso Antisemit als der, der das Judentum j bekämpft. | Und die politische Wirkung dieser Paraden? Man! gewinnt die herablassende Zustimmung einiger Führer der i rechten Parteien und heimst dafür den Hohn und die Ber-! achrung aller linken Parteien ein. Was sollen Demokraten [ und Sozialdemokraten von Juden denken, die heute reäkrioj naren Führern nachlausen und um ihre Gunst buhlen?; Müssen die Sozialdemokraten nicht die Sache so ausfassen, I als wenn die Interessen dieser Juden in den antisozialen,? monarchistisch gestimmten Richtungen ruhen? Wehe uns, j wenn die sozialistisch organisierten Arbeiter „kapitalistisch" \ uiifr „jüdisch" als identische Begriffe ansehen. Tann bej kommen wir Den fchümmsicu wirtschaftlichen Antisemitismus, \ gegen den kein Kraut gewachsen ist. Wer im'Frühjahr 1920 * in den Kapp-Tagen in Berlin die Tinge mit klarem Auge sah.; weiß cs. nur diese sozialistischen Arbeiter ' haben uns vor einem Pogrom geschützt. Und ' and} in Zukunft bildet die ruhig denkende Arbeiterschaft den stary'ren Schutzwall gegen anrisernitische Ausschreitungen. Tiefe Wahrheit muß ausgesprochen werden, um der deutschen I udentzeit die Augen zu I öffnen, solange es noch Zeit ist.! Wir wünschen, nicht mißverstanden zu werden. Wir sind - weit davon entfernt, dem engherzigen Parteigeist innerhalb : der Judenheit das Wort zu sprechen. Tie deutsche Judenheir? bildet weder eine nürrschastliche Gruppe noch eine volilische | Partei, und es ist selbstverständlich, daß jeder Jude, wie jeder j Christ, sich der Partei' zuwendet, die seiner innersten Ueber- : zengung und seinem politischen und sozialen Ideal am nächsten steht. Es ist begreiflich, daß konservativ gerichtete - Juden — und cs gibt noch solche in. Teutschland — in den! rechten Parteien Zuflucht suchen. Niemand wird sie desrvegen * radeln, vorausgesetzt, daß die konservativen Parteien in ihrem! Programm und in ihrer Taktil von Judenhaß frei sind. - Aber ihre politischen Handlungen gehen das Judentum nicht 1 an. Wenn sic sich politisch betätigen, tun sie es nicht als - Juden, sondern als Bürger, und wie es verfehlt wäre, einen! Verband demokratischer oder sozialdemokratischer Juden zu 7 gründen, so ist es auch politisch falsch, die rechtsstehenden r Juden zu einer Organisation verbinden zu wollen. Durch j solche Bestrebungen erreicht man nur das eine, daß eine Ber- I wirrung entsteht und daß der Nichtjude die Juden als; Partei ansieht. Tns soll und darf nicht sein. Was die i Juden in Teutschland verbindet, das ist die Treue zu ihrem! Glauben, die Liebe zu ihrer großen Vergangenheit und das; tapfere Einstehen für die Ehre ihrer Gemeinschaft. Darüber? hinaus find sie frei und ungebunden in ihren Handlungen, - wie die anderen Bürger auch. Tie Entwicklung der deutschen Juden hat in den letzten! '»9 Jahren, noch mehr als vor der Emanzipation, gelitten durch die ewigen äußeren Rücksichten. Zu schöpferischen Ideen konnte man gar nicht gelangen, weil man immer nach außen r schielte und mit den reaktionären Regierungen und den * „geheiligten preußischen Traditionen" rechnen mußte. Heute,

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