Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 2 (20.1.1919)
- Date
- 1919-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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5S. Zakrgsng. Nr. 2 Berlin, 20. Januar 1922 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Rabbiner Dr. Ludwig Philipp Ion Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-40 Hielt Zeitung erscheint oierzeh»täglich. Ndonnenrent».Preis: durch den Buch» Handel oder die Po- (in Berlin und vor. orten durch unser« vrrtriedsüellen) bezogen oirrteljLhrlich SM. — po-scheckkonro 32*. 210« Zusendungen für Redaktion und LrpeSr^on -nd an die Adresse: Verlag der »Ällgem. Zeitung des IurrrrrsTT»-, Berlin SW, Jerusalemer Straße 44-4% zu richte«. v«*lag uo» «ndoif Mosse, Berlin. Nationaldeutsche Juden. Von Fabius Schach (Berlin). — " ^5 Wochenschau. — Iglla; (Svldziher. Ein Gedenkblatt. ^llon Dr. L. in M. — Zur Erinneruna an Tr. Bamberaer (mit Bild». Bon Josef Noscnthal iKöniasl'c-ra i. Pr > — Zur Eharakteristit Aruvens. Eine kleine biblische Studie. Von Tr. Mar Steif (Brünn). - rt c it i 11 e t o n : CHniac petfdnliftk Erinn.runaen an Zanaz Gold- '.iber. Bon Tont Allein (Swdliolm). - Literarische Mitte i l u n a c n. ler tSemeindebote -Beilage uir ..Allgemeinen Zeitung des Zudentum4"): Berlin. Elbing. Bres.au. grantturt a. Al. -— Don Nah u n d ifCT 11. Mationaldeutfchr Juden. Bon ,Tabins Schach (Berlin). as völkerpsychologiiche Gesetz, daß alte Völker, wie alte Leute, einen schwächeren Stoffwechsel haben und daher großer Wandlungen unfähig sind, scheint sich heute auch an der Judenheir, wenigstens an der westeuropäischen. zu bewähren. Lange, bis in die jüngste 'Vergangenheit hinein, haben die Juden oie'em Gesetze, wie gar manchem anderen, strotzt und sich der allen neuen Epochen als die Jüngsten gezeigt. Sie hatten einen gewaltigen Fonds von Kraft aufgeipeicherr. paßten sich allen Zeiten und allen Kulturen leicht an und gingen aus allen Katastrophen gestärkt hervor. Nun ist dieser Fonds beinahe ganz erschöpft, und das llmlcrncn, eine Kunst, die unseren Vätern so geläufig war, fällt uns ungemein schwer. Wenn es je eine Zeit gegeben hat, die zum Umlernen kategorisch forderte, so war es die letzte Kriegsepoche und die darauf folgende Zeit. Nicht nur äußere Welten, sondern auch ideenreiche stürzten zusammen. Alte Wahrheiten cnviescn sich als Trug, beliebte Theorien als leere Phrasen. Das deutsche Volk zeigte sich leider in seinem größten Teil als nicht stark genug, mit dem alten Schutt aufzuräuuren und aus den Trümmern eine neue geistige Welt zu errichten. Und wir Juden? Machten wir eine Ausnahme? Wo find unsere neuen großen Ideen? Wo die neue Weltanschauung, der wir dringend bedürfen? Wir drehen uns im Kreise, vermögen uns nicht vom Toten losznlösen, um neues Leben in uns aufzunehmen. Nur aus dieser Psychose der Zeit ist es zu verstehen, daß innerhalb der deutschen Judenheit eine Bewegung entstehen konnte, die ihr Heil darin sucht, den deutschen Nationalismus stärker zu betonen. Heute, wo der alte Nationalismus gründlich bankrott gemacht hat, wo wir wissen, daß nicht der Nationalismus, sondern der Internationalismus Deutschland noch retten kann, gibt es Juden, die sich einbilden. durch ein lautes Bekenntnis zum chauvinistisch gefärbten Patriotismus Zuflucht vor dom antisemitischen Sturm zu finden! Ist denn die letzte Geschichte ganz spurlos an uns vorüber« gegangen? Haben wir Juden es verlernt, die Zeichen der Zeit zu verstehen? Gewiß ist der Kosmopolitismus ein blutloser Schemen, wir können uns von der Scholle und ^er angestammten Art nicht lostösen und wir bedürfen auch ethisch des- Nationalismus als Mittelstufe zwischen dem Jndividrmlismus und der Menschheit. Aber der Nationalismus des modernen Menschen ist ein anderer geworden. Er bedeutet nur die Liebe zur Eigenart des Volkes und die Eryaltung der Kultur innerhalb des großen Rahmens der Menschlichkeit. Für den alten Nationalismus mit seinem leeren Prunk, seiner Ueberhebung und seinen Fanatismus ist im neuen Deutschland, das nur ein freies fern kann, kein Platz. Wir Juden sind darauf angewiesen, aus der Geschichte zu lernen und unser Leben aus die neuen Ziele der Zeit einziistellen. Das Jüdische und das Moderne an uns, beide führen uns zur Freiheit und Völkerversöhnung und nicht in die Enge eines überlebten Nationalismus. Was wollen diese nationaldeurschen Juden? Tas ist nicht so leicht zu sagen. Aus ihren Flugblättern urrd Statuten geht nichts Klares und vor allein nichts geschlossen Einheitliches hervor. Sie sind konservativ und demokratisch, modern und alt zugleich. Das Jüdische, das sie Lediglich als konfessionell auffassen, ist zu verblaßt, um als starkes Bindemittel dienen zu können, und auch das Nationale ist nicht zugkräftig genug, weil ihm die monarchistische Dekoration fehlt. Die Stellungnahme zu den wichtigsten Fragen der Gegenwart zeugt von keineni politischen Weitblick, und manches mutet dilettantenhaft und chaotisch an. Wenn man sich beispielsweise auf den Standpunkt stellt, daß die Lstjuden frage die deutschen Juden nichts angeht, weil die Ostjuden Ausländer sind, so ist das mehr bequem als klug und gerecht. Der Begriff Ausländer paßt überhaupt nicht mehr in die moderne staatliche Auffassung hinein. Wer in Deutschland lebt und hier Pflichten erfüllt, dem muß auch ein gewisses Maß von Rechten eingeräumt werden. Nicht einfeherr zu wollen, daß die ganze Ostjudenfrage von antisemitischen Instinkten aufgeworfen und zu reaktionären Zwecken taktisch aufgebauscht wird, heißt, mit Blindheit geschlagen fein. Ein großer Teil dieser Ostjuden wurde während des Krieges „österreichische treue Bundesgenossen" genannt, heute sind sie plötzlich „unausstehliche Polen". Viele aus Kongreßpolen wurden vom deutschen Heere während des Krieges als Freunde begrüßt und es wurden ihnen alte möglichen Versprechungen gemacht. Und heute, wo sie, wegen ihrer deutschfreundlichen Gesinnung von den Polen verfolgt, in Deutschland Zuflucht suchen, iverden sie als „lästige Schmarotzer" verdächtigt. Wie kann da ein gerecht denkender Jude sich passiv gegenüber diesem schreienden Unrecht veralten? Herr Dr. Naumann, der Gründer und Führer oes „Verbandes