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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-01-06 · Heft 1 (6.1.1922) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 1 (6.1.1922)
Date
1922-01-06
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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10 Wirkungen, die mit so einfachen Mitteln erzielt werden! Tie Ehassidimstube mit den-singenden, -lernenden und betenden - Ehassidim. die jüdische Hochzeit, mit den alten, in Sehnsucht! schluchzenden und jauchenden Melodien — das sind Kabinett-! stückchen der Regie. ' . Es wird „Jankete der Schmied" von David Pinski gespielt, ein Stück mit einem leidlich starken Anfang und einem sehr schwachen Ende. Tie Idee, der Kampf des Guten mit dem bö'en Blute in der Brust eines schlichten Menschen, verpulvert allmählich, bis zum Schluß nichts mehr davon übrigbleibt. Das Ganze ist höchstens als Milieustück zu werten. Aber was S ch n e i u r aus Jankele macht, ist etwas Grandioses. Wir sehen vor uns den verzweifelten Titanenkampf eines Menschen mit der Sehnsucht nach Reinheit gegen die wilde Leidenschaft des Blutes, das Glück, daß es diesem starken und zugleich schwachen Menschen gelingt, sich das kindlich reine Weib zu erobern und sich an ihr zu läutern. Wir sehen das große Kind vor uns, das gebändigt wird vom Blicke einer ihm heiligen Scan und doch dabei die alte Sehnsucht nach wilden Leidenschaften und grober Sinnlichkeit nicht unterdrücken kann. Tie Szene der elementargewaltigen Liebeserklärung und das sich bis zur tragischen Größe steigernde Ringen und Unterliegen in der Schmiede — das macht ihm höchstens ein Albert Banermann nach. Und was macht alles Sonj" Alomis aus der Tamara, aus dieser kindlichen Jungfru, die nicht weiß, was in ihr vorgeht und was sie aus sich machen soll! In jedem Blick, in jeder Bewegung eine zarte Blume aus der Iudengasse, die meistens hinwettt. weit sie sich nicht entfalten kann. Tie Figur der koketten, verliebten Rivke erhebt sich durch das starke Spiel der Rosa B i r n b a um zu einer diabolischen Höhe, und der Garte in feiner mitleiderregenden Komik wird geradezu glänzend durch Alerander A s r a interpretiert. Wunderbar ist wiederum die Szenerie in ihrer Schlichtheit und Echtheit. Tie Gurwoch-Szene am Anfang, in der die Stimmung des Sabbatausganges poetisch und dock) naturalistisch wiedergegeben ist, würde jeden Mater reizen. Auch die Arbeiterwvhnung Iankels in ihrer rührenden Einfachheit und familiären Gemütlichkeit ist ausgezeichnet, und trotz des philiströs-rührseligen Schluffes gehen wir befriedigt von dannen. Wir haben ein Stück echt-jüdischen Lebens gesehen, wir haben Einblick gewonnen in d^e Seele dieser schlichten und doch komplizierten jüdischen Menschen. Tie jüdische Bühne hat eine Zukunft — überall, wo es Juden gibt, die das höhere, tiefere jüdische Leben auf sich einwirken lassen wollen. Aber noch fehlt es uns an geeigneten Tramen heiteren und ernsten Inhalts, die, ohne flach zu sein, das eigentlick)e Leben, den Boden der Wirklichkeit, nicht verlassen. Tie Zeit ist nicht günstig für die Schaffung neuer Werke. Ter Lsten ist vernichtet, der Westen entwurzelt, und Amerika, die neue Zuflucht jüdischen Lebens, ist kein guter Boden für eine jüdische bodenständige Kunst. Aber das ganze alte Leben liegt heute in der Agonie, vielleicht wird uns das neue Leben, das unter so viel«: Schmerzen und Stürmen geboren wird, auch eine neue jüdische Bühnendichtung bringen. Sn: ssall Serjsck. < Schluß.» Bon Lndia Auerbach ^ym^er Genannte saß tkt, die Gestalt vorgebeugt, die Augen. welche fast aus den Höhten traten, stier auf den Berteidiger gerichtet, die Glieder in zitternder Bewegung- ..Ter Täter stand vor seinem Opfer, entsetzt ob des vergangenen Augenblicks/ fuhr der Insrizrat fort. „Das vergossene Blut rann zur Sctzvelle des Tempeldieners. Dies gab dem Mörder den Gedanken ein, gestützt^ckvs Nm'unseligen Aberglauben/ ~ daß der seelenvergiftende Wahn sein Retter werden könne. Er schleifte öen toten Körper zur Tür des Tempeldlenertz und Sann zurück zur Treppe, legte das Mefier auf die Wohnungsschwelle; das weitere wissen wir aus der Verhandlung." Tiefe Stille herrschte: dann sprach der Staatsanwalt: „Ich bitte den Herrn Präsidenten um die Erlaubnis, das Wort noch einmal ergreifen zu dürfen." ,^ch besitze nicht das Recht, den Geschäftsgang zu andern," entgegnete der Vorsitzendem „Der Staatsanklage folgt die Verteidigung: eine zweite Rede von behördlicher Stelle ist im Gesetz nicht vorgesehen." „Meinerseits," warf der Verteidiger ein, „steht dem Wunsche des Herrn Staatsanwalts nichts entgegen, wenn ich auch weiß, welche Einwendung er vorzubringen hat." — „Tas ist", versetzte der Staatsanwalt, „nicht schwer zu erraten. Herr Iustizrat. Bis das fragliche Indizium gefunden wurde, ein Messer, das dem Angeklagten laut seinem eigenen Zugeständnisse gehört, bleibe ich bei meiner mir unanfechtbar scheinenden Annahme. Die Haltung ves Hauptzeugen kann mich hierbei nicht beeinflussen. Wer von uns würde wohl nicht wie gelahmt vor Entsetzen win. plötzlich, ohne irgendeinen Beweis, nur nach einem Phantasiegebilde eines begangenen Mordes beschuldigt zu werden! Rur das mit dem Fischblute behaftete Dtesser kann meine Ueberzeugung erschüttern. Vorhanden ist es ja. nur besteht sein zweiter Ueberzug aus dem Lebenssäfte eines Kindes; den darunter haftenden des Tieres kann natürlich keine Wissenschaft mehr feststellen." „Eine der zuerst vernommenen Personen/ sprach der Vorsitzende. ,^>eren hhsterische Aussagen ganz belanglos waren, die Frau des Angeklagten, ist, wie Sie ja gehört haben, meine Herren, nach dem Bestände ihrer Messer geftagt worden. Sie gab an. die Zahl nicht mehr recht zu wissen, sie habe „ja wohl irül-er mal ein Dutzend gehabt", aber wo sie oder ihr Mann gerade mal eins brauchen, da nehmen sie's mit hin: aus den Flur, um irgendwo einen Fleck abzukratzen, in die Synagoge, um die Lichter zu beschneiden, wenn sie nicht in die Leuchter passen. So habe sie auch hier und da mal eins liegen lassen, ein Tutzend habe sie nicht mehr, aber acht oder neun müssen's immerhin noch sein/ Wieder herrschte tiefes Schweigen: der Verteidiger senkte das Haupt. „Angeklagter, haben Sie noch etwas zu äußern?" fragte der Vorsitzende. Ter Angesprochene schien nicht fähig zu sein, zu antworten: er verneinte nur durch eine schwache Kopfbewegung. „So fordere ich die Herren Geschworenen auf, ihres Amtes zu walten." Ta erscholl ein Tumult an der Eingangstür. Ter Gerichtsdiener wies einen Einlaß Begehrenden zurück. „Hier, meine Legitimation!" rief der Außenstehende. .Litte, zu warten/ sagte der Tiener, nahm das Papier und brachte es dem Vorsitzenden. Tiefer durchflog es und gab Anweisung, den Harrenden einzulassen. Aller Augen wandten sich diesem zu — es war Lucius Dangerdio in Hauprmannsuniform. „Ich habe eine wichtige Aussage abzugeben/ wandte er sich dem Richterttsche zu. Ohne eine Antwort abzuwarten, hielt er ein Messer hoch: „Dies Messer ist laut chemischer Untersuchung voller Fischblut." „Wie kamen Sie .zu dem Fmrde. Herr Hauptmann?" fragte der Vorsitzende. Ausdem Prrblittrm lösten sich Miriam und David und traten atemlos zu Dangerdio. „Ich erhielt mit meiner Beförderung einen umgehenden Abreisebefohl". erklärte dieser. „Mein Bursche hatte Urlaub von mir erhalten. Somit ließ ich durch schnell beorderte Hrlfskrafte alle bewegliche Habe meiner Behausung zur Bahn befördern: sie bleibt in Lbhut auf dem ©ut meines Bruders, dem mein jetziger Standort nahe liegt, bis ich ein geeignetes

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