Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1922)
- Date
- 1922-01-06
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229509-3229510--76533-3289150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bemerkenswert ist ferner „Theory of oral Tradition" (,Lheorie WÜSp' Lchre'. ~ ~' 7 Gemeinsame literarische Arbeiten hatten mich mit ihm nicht verknüpft. Immerhin aber hat er an allen^ was ich schrieb, regen Anteil genommen. Als ..David Kaufmann"' feine Biographie, S. Calvary u. Co., Berlin 1901) von mir erschien, war er. der genaue Historiker und Beherrscher von tausend. Kleinigkeiten^ der einzige, der mir bezüglich einer in Amerika lebenden Persönlichkeit eine Berichtigung zukommen Letzi. Seiner ,F)eborah* konnte auch ich als Mitarbeiter -dienen. Ganz besonders rege aber war meine Korrespondenz mit ihm kn den Jahren, als die große amerikanische jüdische EnzvelopLdie" herausgegeben wurde: G. Deutsch kam da oft in die Gelegenheit, meine Artikel zu revidieren und mich fr« Jrrtümern zu bewahren. Er war es auch, der gewisse Mißhelligkeiten mit der DerlagSfirma applanierte. Dank, herzlichen Dank sei ihm daffür? AuS dem Vorjahre besitze ich — in englischer Sprache — einen ungemein langen Brief von ihm. in welchem er gewissermaßen die Summe seines Leben? zieht und viele amerikanische Derbältnisse gründlich beleuchtet. Dieser und seine übrigen Briefe find mir ein teueres Vermächtnis von dem verklärten Freunde; Gott habe ihn selig in jener Welt, die frei ist von Lug und Täuschung und in der nur die Wahrheit herrscht: die Wahrheit, die G. T e u t s ch zeit seines Lebens gesucht und überaus hoch geschätzt hat. Das Jüdische Mnltkrtlirater in Berlin. Von Tabins Zchach «Berlin.) schon häufig in der jüdischenGeschichte, hat auch in Ks der Kunst die Praris die Theorie überholt. Noch haben wir kein lebenskräftige? jüdisches Drama, aber wir haben eine lebensfähige jüdische Bühne. Warum wir kein jüdisches Drama haben? An geistreichen Antworten hat es nie gefehlt. Wie sagt doch der alte Lichtenberg: ..Wenn man weiß, daß jemand blind ist, fctuin behauptet man. man könne es ihm am Rücken arischen/ Unsere neue jüdische Literatur sowohl in hebräischer wie in jiddischer Sprache ist noch w jung, und vor allem: sie ging nicht immer mit dem Leben. Wie faßte sie so schnell den höchsten Ausdruck des Seelenlebens, das Drama, finden? Wenn das deutsche Drama erst mit Lessing beginnt, ist es nicht unrühmlich, daß das jüdische noch heute in den Anfängen ruht. Dazu kommen, wie immer bei uns Juden, die äuf^ren Umstände, die eine gesunde Entwicklung ungemein erschweren. Genug: wir haben noch nicht das Drama deS jüdischen Volkes, das Drama, in dem nicht Juden, sondern der Jude lebt. Don den Entlehnungen und billigen Nachahmungen ganz abgesehen, sind unsere Dramen entweder banale Bilder ohne Lesen Sinn oder hochtrabende Mystik, in die sich nur dann das Leben flüchtet, wenn eS keinen Boden unter den Füßen findet. Also entweder unter oder über der Linie, aber nicht a u f der Linie, die alles vereinigt. Leib und Seele. Soziales und Geistiges, Gegenwart und Zukunft. *) In Anbetracht der schönen rabbmischen Auffassung, daßriumdie Lippen eines Verstorbenen zunr sprechen beivegr. wenn man „Thora" in sinnem Namen mitterl?. teile ich hier gern diese Dcl-brüna im Narnen G. Deutschs mit: Ter (auf Leite 6) genannte Sola MendeS hiev mir t*m Vornmuen n'chi skrnando. sondern Urederie und war nicht Aber-, faridern einfacher Rabbiner in New s)ork. Der ferner (da'etbst) genannte Abraham ^saacs. Herausgeber deS .^ovrisb Messender", war nicht ..Professor des Hebräischen^, sondern Lektor des Deutschen, und.zwar nicht axi der Universität zu New Dort, sondern an der „University of the City o£ New York*, wad sich mit dem. was man sonst ..Universität" normt, nicht deckt. _^.Wer. euls. j ü d.^s_che B uhme, hach-e n wir,- eure lebendige jüdische Bühne, eine Stätte jüdischer Kunst- -empfindung. Wir haben sie nicht nur in Moskau und Warschau, in Wilna und New Dort, sondern auch in Berlin. Niemand, weder aus den Reihen der Theaterkritiker noch aus dem Publikum, bestreitet heute in Berlin, daß wir hier eine Bühne ersten Ranges vor uns haben und — daß es eine jüdische Bühne ist, nicht nur der Sprache, sondern dem Seelenausdrucke nach. Im Süden, im alten Industrieviertel Berlins, in dem Theater, wo einst die Brüder Herrnfeld mit ihren unerträglichen Witzen und ihrem noch unerträglicheren Gemauschel nicht eine neue Art Kunst, wohl aber eine neue Art von Antisemitismus kultivierten, spielt seit fünf Monaten eine Wilnaer Truppe. > Eine kleine Gruppe opferfrerldiger Männer hat einen Garantiefonds gezeichnet, um die Sache zu ermöglichen. Und das Experiment, das sehr gewagt schien, ist. wenigstens künstlerifch, über alle Maßen gelungen. Die Stücke, die hier gespielt werden, stehen nicht a:s der Höhe oder sind wenigstens für Berlin nicht glücklich gewählt. Aber das jüdische Leben, das die Darsteller durch ihre Kraft hervorzaubern, wirkt packend, anziehend. Es wird „Ter Dybuk" von Sch. Anski gegeben, ein nicht gerade schlechtes, aber dem heutigen Leben auch im Lsten ziemlich fremdes Stück. Es bewegt sich auf dem Gebiete der Mysttk. dem unseligsten Felde der Mystik, da, wo sie nicht eigene Läuterung, Lösung des Wetträtsels und Erlösung sucht, sondern die Wege der Natur durchkreuzen und Wundertaten vollbringen will. Das Stück ist schon durch seine hebräischen Termini technici, durch seine Zitate und Anspielungen, in seinen Einzelheiten nur dem Lstjuden, der mit dem Talmudismus und Chassidismus vertraut ist. verständlich. Und hier sitzen Westjuden ohne tiefere Kenntnis des alten Judentums. ja Christen stundenlang in gespannter Stimmung, weit das Spiel überwältigend ist. Ja, der Bühnenkünstler ist kein Interpret des Dichters, sondern ein Neuschöpfer. Tas beweisen diese Schauspieler. Was beim Lesen gänzlich unmöglich vorkäme, hier beim Spiel wird es wahrscheinlich. Es ist immer noch eine fremde Welt, aber eine lebendige Welt. Ein alter Rabbi, der in Wirklichkeit Mittler zwischen Himmel und Erde ist. und der seines hohen Berufes doch nicht froh wird, weil er mir sich und der Welt ringen muß. Ein Kabbalist, dem der Talmud trocken und kalt ist, und der sich auf die Kabbala wie aus den Jungbrunnen voller Leidenschaft und Inbrunst stürzt. Ein reines, zartes Mädchen, das im Traume lebt und liebt und in dieser Liebe alle himmlischen Wonnen auskoster. so. daß die irdische Liebe ihr zum Ekel wird. Chassidim. die in ihrem Gesänge den Weg zur Höhe suchen und in der Nahe des Rabbi die Vorsttrfe zum Heiligtum erblicken. Das alles wird uns so deutlich ktargemacht. daß gar kein Zweifel mehr in uns aufkommt. Und wir nehmen auch in Kauf die unerträgliche Austreibung des Dybur. Abstoßende Gerichtsverhandlung mit geladenen Toten — die hier nicht symbolisch und trarunhafi. sondern »»o^ig wahr gedacht sind. Dabei sind hier gar kerne Bravourrollen, denn die jüdischen Bühnendichter sind — man möchte sagen: Gott sei Dank! — keine Thearervrrtuosen. Diele Rollen sind psychologisch und technisch sehr undankbar, die Schwierigkeiten werden nur durch das individuelle Sichhineinleben überwunden. Das Ineinanderspiel ist so harmonisch und bildet ein so geschlossenes Ganzes, daß es schwerfällt, die Leistungen einzelner besonders hervorzuhoben. Der Rabbi Asrrel des Chaim Schneiur in seiner Innigkeit und Schlichtheit, der in Askese und Dthstik schwelgende Jüngling Chanon des Alexander A sra und die träumerisch-zarte und reine Lea der Sonja Alorrr is sind keine Theaterfiguren, sondern lebende Ärmst. Aber auch die Nebenrollen sind fast ebenso grofrartig. Und die szenischen