Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1922)
- Date
- 1922-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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s nie gekannte Ärmut geraten. Noch vor >lMtzerl Jahren hätte - es absolut lächerlich geschienen, daß ein Rabbi einer Gemeinde gleich Wien, die etwa zweimalhundertausend Seelen') zählt, der Gegenstand der Wohltätigkeit sein könnte. TaS ist .ber jetzt die RegÄ . ." Er schlägt vor. daß eine spezielle K„;nmLssion darüber berate, wie den notleidenden Kollegen Ln Europa zu helfen sei . . . Schon dieses einen '$1***' oeaen verdient das Andenken von G. Deutfch hochgezN v ^en. Freilich, von den Betroffenen werden nur die wenigsten erfahren, daß diese Worte gesprochen und von wemsie gesprochen wurden. Das ebfe Herz hat zu schlagen aufgehört! So war denn G. Deutsch durchaus der Mann der praktischen Tat. Theorien und Spekulationen waren seine Sache nicht. Obzwar Profeffor ar. einem College, daS berufen ist, Rabbiner, also mehr oder weniger Idealisten und Theoretiker, heranznbilden, war er dennoch stets bemüht, sich und seine Alumnen in den Dienst de3 praktischen Lebens zu stellen. Diese seine Richtung hat auch nicht verfehlt, in dem praktischen Amerika Anerkennung zu finden ltitb Früchte zu tragen. Aus dem Gesagten ergibt sich schon, daß unser Freund trotz deS großen Wissens. das er sich noch in der Heimat, in Nikolsburg. in Bern, in Breslau, in Wien ungeeignet hat, kein Freund von dickleibigen Büchern war. Sein Sinn war stets auf daS Praktische gerichtet, ihn interessierten Haupt-. sachlich Tagesfragen. So war er denn Journalist, d. h. Mitarbeiter von Zeitschriften und Tageszeitungen, in einem Maße, wie es bei Männern feines Standes und Wissens kaum noch vorkommt. Er hat demzufolge eine Unzahl von Zeitungsartikeln geliefert. Notizen und Berichtigungen. die sich selten zu einem Ganzen zussrmmenfügen lassen. Don dieser Richtung seiner Tätigkeit kann ich nur im allgemeinen sprechen, denn die vielen Journale englischer Zungen, die er bedient hat. kenne ich kaum dem Namen nach, aber durch da?, was er mir zugeschickt hat, bin ich dennoch in den Stand gesetzt, urteilen zu können, daß es gediegene, wertvolle Arbeiten sind, die des Namens ihres Autors wert und würdig sino. Hierzulande kennt man vom ihm die lahlreichen Arbeiten, die in den Spalten der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in Berlin und in der .Blochschen Wochenschrift" in Wien erschienen sind. Schöne Aufsätze erschienen von ihm auch in „Jewksh Ehronicte" in London, wie z. D. erst jüngst über die Barhärrptigkeit und über die Almemorfrage. Auch dasjenige. Zvas in Form von selbständigen Büchern von ihm erschienen ist. ist zumeist auS Zeitungsartikeln ge-. sammelt worden. Gleichsam leinen allzu frühen Tod ahnend, hat er in den letzteren Jahren seine „Serolls" auSgearbertet, zuletzt „Jew and Gentile* (Boston 1920), in denen sich eine ungemeine Vielseitigkeit und eine ungebeure Belesenheit bekundet. Immer wieder kehrt er zu der Forderung zurück, daß man mit Behauptungen und mit Aufftellung von geschichtlichen Taten sehr behutsam sein müsse. denn daS Gedächtnis trügt. Hierfür kann er frappante, anekdotenhaft wirkende Beispiele, Erfahrungen seines eigenen Lebens, anführen. Doch nicht nur wie man daS Ding nicht machen wll. kann er lehren, sondern auch, wie man Positiv richtig v„raekrt: ick glaube als Bcrveis dessen anführen zu können, was » er l^ebräisch in der Zeitschrift Ha - Kedem IIT geschrieben hat. Ta schreibt er seinen großen Aussatz über die Geschichte der Juden in Deutschland von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart: lauter positive Taten, jedes Datum sofort quellenmäßig belegt, nicht, als Tatsachen, lose anetnandergereiht. *) x>n ^trttidifeü übe? :«*»<«** Seelen. zwischen denen selbst das vsrbindsnde^DSrt fehlt, nörAmehr" jede Phrase, die der Sache doch nur geschadet hätte. Aus dem angeführten Beispiel erkennen wir nicht nur die Arbeitsweise unseres Mannes, sondern auch den Gegenstand, dem seine Liebe galt. Nie wollte er, me konnte er seine deutsche Heimat verleugnen. Seine Sympathien für Deutschland haben ihm im Kriege sogar gewisse Verfolgungen eingebracht. Auch die Männer, die er biographisch bearbeitet hat, find zumeist deutscher Herkunft: Berthold Auerbach, Satomon Munk. Heinrich Graeß, Abraham Bettmann („a pioneer Physician of Cincinnati-') usw. Aber auch speziell au? seine Wiener Studienzeit kommt er gern zu sprechen: so berichtet er z. B. mehrmals sein Gespräch mit Theodor Her z l, dem nachmaligen großen Führer der zionistischen Bewegung, und bedauert, daß er das Gespräch nicht sofort stenographisch festgehalte.r hat: es würde sich Herausstellen, daß-h er z4-damals^ weit entfernt war. an eine Regeneration des Judentums und an einen 'Judenstaat zu denken. An der das ganze Judentum bewegenden Frage konnte natürlich ein Mann wie G. Deutsch nicht achtlos vorübergehen. In einer deutschen Schrift „Ter Zionismus und das messiauische Dogma" legt er über die Frage seine Ansicht meder. die dahin geht, daß dem Judentum weder der Messianismus noch der Zionismus eine wirkliche Hilfe bringt. „Das Ideal einer Staatenvereinigung der ganzen Welt" erscheint unserem Verfasser höher .xrts da» eines westasiatischen Bulgariens oder selbst einer westasiatischen Schweiz". Es ist schon lange her, daß G. Deutsch diese Worte niedergeschrieben, und wie prophetisch klingen sie! Erst heute bemüht man sich um eine Stacrtenvereinigung; heute sieht man aber auch, daß Palästina höchstens eine westasiatische Schweiz sein könnte. Später, nach der Balfourschen Deklaration, urteilte G. Deutsch allerdings milder; er forderte seine Landsleute auf, an dem Ausbau des jüdischen Palästina mitzuarbeiten, ein Standpunkt, der ja heute von allen Einsichtsvollen geteilt wird. Soviel ich weiß, hat sich aber G. Deutsch auch in jüngster Zeit nicht als Zwnrsi belangt. Obzwar ich mit diesen wehmütigen Erinnerungen nicht den Zweck verfolge, von der reickzen schriftstellerischen Tätigkeit des verstorbenen Freundes eine Anschauung;u geben, so obliegt es mir dennoch, von G. Deutsch noch als Novellisten und Ridner zu sprechen. In der von ihm — in deutscher Sprache — herausgegebenen Zeitschrift „Deborah" (1901—1903) sind mehrere feinfühlige Arbeiten belletristischer Art von ihm erschienen. Ich kenne ferner von ihm „An easy Fast" („Ein frohes Fasten") aus dem Jiddisch des Schalem Alechem und andere derartige Arbeiten. Als Redner mußte sich G. Deutsch noch geübt haben, als er in feiner österreichischen Heünat in. Brür (Böhmen) ein Rabbinat bekleidet hatte. . Später, am 7. Juni 1895, schon aus Amerika zurückgekehrt, hielt er in Brür eine Gastpredigt, die unter dem Titel „Eine amerikanisch^ Botschaft" gedruckt ist. Aber auch in ferner Stellung als Professor an dem Hebrew Union College in Cincinnati (seit 1891) hatte er oft Gelegenheit, homiletische Reden zü halten, so ). B. bei Entlassung seiner Zöglinge (Adress to Graduates) und bei anderen Gelegenheiten. Er war auch ein treues Mitglied der Bne-Brith-Logcn und war, wie gesagt, ein treibender Faktor in der Vereinigung der amerikanischen Rabbiner, in deren Jahrbüchern viele Reden und Ansprachen von ihm abgedruckt sind. Etwas abseits liegend sind zwei sehr ernste Arbeiten von ihm: „Philosophie der jüdischen Geschichte" und „Zola als Moralist" (englisch): letztere gewiß ein Zeichen der Dielseitrgfeit dieses Mannes, wie schon oben bemertt worden ist.