Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1922)
- Date
- 1922-01-06
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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2 zubringen. Xet Antisenütismus auf beut Lande. die Gleich- Gültigkeit weiter Kveise für da- Problem ließ in ganz kurzer Zeit auf den vielversprecl-enden WillenSmrpuls eine erschöpfte Lethargie folgen. und heute ist es mächtig still geworden um jene, die trotzdem noch ernsthaft au der Brücke schaffen, die Judentum und Deutschtum verbinden möchte. Oder hat man etwas davon gehört. daß.jüdische Gutsbesitzer - und deren gibt es eilte Anzahl — trotz des Beschlusses weiter agrarischer kreise, nur christliche und nationale Arbeiter und Beamte zu beschäftigen, auch nur jüdische Angestellte zu bevorzugen gewillt sind? - Nur dann wird es getingen, dem Antisemitismus feine Gistzähne aus.zubrechcn, wenn wir es verstehen, uns wirtschaftlich zu assimilieren, und dazu gehört heute ein jüdischer Bauernstand- Gewiß, es gehört ein ungeheueres Maß von Idealismus Mw Entsagungsfähigkett dazu, auf diesem Gebiete Pionierarbeit zu leisten. Aber aus der Erfahrung heraus behaupte ich: find die trennenden Dämme erst einmal gebrochen, dann brausen die Wasser hinüber und herüber. Bor allem branclzen wir jüdische Arbeiter. Leute, die gewillt sind, hinter Pflug und Egge s e l b st herzugehen, s e l b ft \n säen, selb st zu mähen. Gar mdji gedient ist dein Juden» tum mit jüdischen Inspektoren and Spazierstockagrariern. Mögen ihre Leistungen noch so groß sein, mag ihre Tüchtigkeit von dem antisemitischsten Rittergutsbesitzer attestiert sein, sie haben nichts getan für die Lösung des Problems, um das es sich hier handelt. Grünt Zatsch ist auch die Ansicht, die Landarbeit wäre besonders für törperlrch oder seelisch Kranke, für Nervöse od'^r wrv. geebnet. Die Landwirtschaft braucht kerng um dt Naturen. Bei Wind und Wetter mich der Bauer dramon h'\\. Nervös gehören in em Sanatorium, nicht an die stelle, dir besonderen Anfeindungen .und besonderem ^.'isitrauenausgesetzt ist. El^raktere, die konsequent das für richtig Erkannte verteidigen und durchsetzen, brauchen wir a! - jüdutt»^ Landwirte, nicht Menschen ohne fittCid>crr £alt. 3ie rei\er den Bauer zum Widerspruch und sind die Brrttstätten des Anttfeuritismus. , bild gerade dem rückständigen Klembanerntmn ein Anfporrr j sein. Er ist dann ein KrEurträger auf t-em Lande und leistet . dem Vaterlands dadurch &mt nicht zu unterschätzenden Dienst. Der jüdische Bauer wird aber auch m 6em HMigen Kampf mn fein Judentum dieses vertiefte, mrnrger liDben. in der ganzen Macht und Fülle des Gemüts erfassen. Aus idem seichten Rofchhafchanah- und Jomkippur-Jiidenlurrr mancher Großstadtkrerse wird ein tätiges Jrrdentum. das täglich erkämpft und erobert sein will. Neue Perspektiven der Verjüngung ergeben sich für unsere Glaub-.nSgemernichaft. . Unsagbar schwer ist die Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Me muß aber getan werden um der Heiligkeit unseres Bestandes und unserer Ideale willen, di? da sind: Juden im deutschen Staatsverbande. Juden und Jüdinnen müssen wieder, wie dermaleinst ihre Väter es waren, auf heiligem Boden Bauern werden. Zwei Bedingungen sind aber daran zu knüpfen: die Besten unter uns müssen es sein, und hinter ihnen muß die gesamte Judenheit stehen. Ohne dieses stützende Rückgrat fallen sie in einsamer Nacht auf einsamem Posten. Al-red Gordon, Landwirt. Wochenschau. D' Berlin. 2. Januar 1922. as „Berliner Tageblatt*. am 1. Januar 1872 von Rudolf Mosse begründet, blickte am 1. d. M. aus ein fünfzigjähriges Bestehen zurück. „In dieser ernsten Zeit". ' bemerkt das .Berliner Tageblatt" in einer kurzen Notiz an der Spitze der ersten Januar-^.,immer, „verzichten wir darauf. Feste zu feiern". Es gedenkt aber des Gründungstages durch die Veröffentlichung einer Reihe von Aufsätzen bekannter Persönlichkeiten, die nicht nur auf die tapfere demokratische Haltung des Blattes während seines fünfzigjährigen Bestehens Hinweisen, sondern au.r; seine Verdis nste um das wirtschaftliche und kulturelle Leben Deutschlands gebührend würdigen. Wir benutzen diesen?.nlaß. u.n die Aufmerksamkeit unserer Leser auf folgenden Bitrag zu lenken: Denn die Gefahrer: sind groß. EnNveder ist der jüdische Bauer. der wirklich nicht ganz wst st.'ht. recht bald seines Berufes leid, cr sattelt um - oder er verliert sein Judentum — und anstatt sich zu akklimatisieren, assimiliert er sich. Was aber nützt im* ein jüdisches Bauerntmn, Nt* seines jüdischen Bewußtseins entkleidet ist? Darum: nur ganze Menschen und gänze Inden gehören in die Landwirtschaft. Dies gilt rricht allein für unsere männliche,-sondern vonrehmlich auch für unsere werbliche Jugend. 'Nie wird es jüdische Bauern geben, wenn wir nicht jüdische Bänerirmen erziehen. Die Gefahr der AsstmÄ-atron ist sonst äns naheliegenden Gründen besonders groß. Würde es gelingen, eine größere Anzahl jüdischer Bauern zu erziehen, würde es sich ermöglichen lassen, sie auf eigener Scholle ansässig zu machen, einen eigenen Haus- und Fauulienstand zu gründen -- und dazu bedürften sie der weitherzigen Unterstützung ihrer Gbtubensgerneinfchast, die ihlren aus Dankbarst-für die aufopfernde Pionierarbeit im Kampfe WiKu den Antisemitismus nicht vorenttzalten werden darf —, \v\r hätten die Grundpfeiler der Brücke gebaut, die'Judentum und Deutschtum verbinden soll, die Brücke, die über den Abgrund führt, in weichem der Antisemitismus seinen Nahrbodeu findet. Dem Deutschtum und dem Jndenttun wäre aber in fortschreiteuder Richtung gedient. Der jüdische Barrer wird dank seiner überlegenen Jnttlligenz besinn, nntstergttltiger arbeiten und durch sein Bor- Der Beruf der deutssyen Demokratie. Don Tr. Joseph Wirkst. Reichskanzler, j Im ersten Lebensjahr des geeilten Ter tschcn Reiches wurde das l „Berliner rblatt* gegründet. SjJeitn es »teilte, am 1. Januar 1922. | auf sein fünf^irjahriges Bestehen .zurückblickt, so überschaut es damit | gleichzeitig den Zeitraum, den die Geschichte des Reiches nach der . Einigung seiner Stämme eirmnnm.. In um s. it 1836 vergrößerten Preußen, dem im Reiche die führende Rolle zufiel. wie auch im ' Reiche selbst vollzog sich im Laus.* der Jrl.re mit der zunehmenden! Industrialisierung weiter Landest?? undmit der Umbildung der ' Dolkswirtschast von einer agrarisch zu einer industriell betonten i zwanMLufig auch eine Umbrl^mg der lcttrnden politischen Gej danken, eine Umschichtung der Gesellschaft und eine Berschicbuog! der politischen Mochtverhältuüfie. Las Bürgertum vereinigte bald j so viel wirtschaftliche Macht in Ha^d. daß es nicht nur gesell schaftsbildend auf die soziale \i?-ution dös Reiches ein^irktr. sondern auch politisch seine Rechte . < erweitern suchte. Die u alten Deutschland ausschlaggebenden Mächiti's-teidlgten di? time* geliadten Positionen mit d-r Zähi^Uü. die konservative Ge-.'mumg und traditionell begründetes Machtdewußtstin solchen Kämpfern veri Leiht. In diesem Ringen um den Machtanteil, der dem Bürgertum [ mrf Grund feiner wirtschafttichen Leistungen .pistand. bat das! .Berliner Tageblatt" im Laufe der Jahrzehnte in vorderster Linie! gestanden. 6s war stets ein Vorkämpfer hir Ki? freih-ittiche Gesinnmig urt Staate Mid für die politischen Rechte des Bürgertums. Als Vertreter des machtvoll aufstrebenden demoLratiichen Gedankens in Teuttchlanderreichte das ..Berliner Tageblatt* bald Bedeutung weck über die Grenzen deS Reiches hinaus. Sä wurde als eines der führenden Organe der fortschrittlichen Strömungen in Deutschland. nieist nur auf politischem, sondern auch auf wifienfchaftlichem.