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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-01-06 · Heft 1 (6.1.1922) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 1 (6.1.1922)
Date
1922-01-06
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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-SSr-Jafwgaag. Me. 1 'ftmtUT*JänüaF1922 J I:; * Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Dies» Zettuuerscheint »ierzednt^g» Abonnement».Preis: durch den Z Jf> Ifflbd oder die Post (in Berlin »nd vor» orten dnrch »nfero vertriebrftellen) bezogen »ierteijLheiich 6 01. — postfcherkkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbitippfon Verlag: Rudolf Moose, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 >J3iuo ns;sa -sivvx: ■Vg Äe^akrion und1 Alle Zusendungen für _ _ Erpedition find an die Adreff«: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentum»', Berlin SV, -Jerusalemer Straße 44-4*. zu richten. 9«Has u«n «udolf Masse, Berlin. ^Uden und Landwirti<h«st. Don Alfred Gordon. " * Landwirt. — Wochenschau. — T-ie Hölle der Ukroina. Bon Tr. I. Eisender« (ToErrisch d. Prag>. — Zum Andenken an Gotthardt Deutsch 01859 di» 1931). Mit Bild. Don Professor S a nr u c l Ätou| (Wien). — Das Jüdische Künstler theater in Berlin. Don Fabin - Schach (Berlin). — Fe u i!Iet o it: Ter Fall Berjack. Don Lykia Auerbach. (Schluß.) — Literarische Mitteilungcn. —Sprechsaal. Ter Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Iudenhun**): Berlin. BreSlau. Hamburg. München. Regensbürg. Biberach. Frankfurt a. M. — Don nah und Fern. Nullen unll Lsndwirtlchskt. ©o sehr wir täglich und^ stündlich auf der Warte stehen muffen, um die Abwehr gegen den Antisemitismus erfolgreich durchzusühren, so falsch ist aber auch, alle „Schuld" auf der Gegenseite zu suchen, ohne die brüchigen Stellen im eigenen Hause sehen zu wollen. Gewiß ist der Antisemitismus ein nationales Nebel, gewiß ist es eine seelische Erkrankung des Dolksorganismus; aber jede Krankheit hat ihre Ursache, deren Auswirkung sie darstellt. Manchmal resultiert sie aus Vererbung, manchmal aus körperlicher Disposition, oft, ja meistens ist sie erworben. Diagnose nennt man eine solche Feststellung rn der ärztlichen Kunst. Mir sicheint, als ob Diagnose und ursächliche Herkunftserforschung der Krankheitsbilder des Antisemitismus noch nicht objektiv genug erfaßt waren. Das darf keineswegs wundernehmen, denn es gehört ein ungeheures Maß von Selbstbeherrschung dazu, Patient und Arzt zugleich zu sein. Und dennoch deucht mich, wenn wir aus dem Stadium des Redens und Tisputierens, der Agitation und der Aufklärung herauskommen und durch Taten, denen einzig schlagende Beweiskraft innewohnt, eine Aenderung des traurigen Zustandes herbeiführen wollen, in welchem wir jetzt leben, so bedarf es eben dieser Selbstbeobachtung, ja, wenn es sein muß, dieses Sezierens am eigenen Leibe. Ueberblukt mau die Geschichte des Antisemitismus in all seinen Ausstrahlungen, so findet man neben sehr vielen historischen Leitmotiven auch die Gesetzmäßigkeit, daß derselbe in dem Maße zunirnmt oder schwindet, in welchem der jeweilige Abstand der wirtschaftlichen Struktur^zwischen uns und unserer Umwelt sich erweitert oder verengt. Ohne auf geschichtlich Gewordenes eingehen zu wollen — eS möge dies erngchercher Untersuchung Vorbehalten bleiben —, entspricht es den gegebenen Tatsachen. daß wir Juden immer mehr Menschen der Großstadt, des Handels, der Industrie geworden sind, unser Geistesleben darin schulten, unser Jnnendakein auf die Kadenz der Großstadt abtönten, immer mehr uus entfernten von einem Leben \w$ Weben in uns mit der Natur, ja, daß wir zum Teil proletarisierten. o. i. Diener der Maschine, des Leblosen, des Materiellen wurden. . / . Ist es da ein Wunder, daß uns jene Kreise, die seit Jahrhunderten mit der Scholle verwachsen sind, deren ganzes geistiges Sein Erdgeruch, damit zusammenhängend familiäre und staatliche Tradition, kurz konservative Gesinnung erfüllt, uns Juden mit den geistigen Gegenpolen einfach nicht verstehen? Und ist es nicht so im Leben, daß man das, was man nicht begreifen kann, was in unserem subjektiven Empfinden keinerlei Resonanzboden findet, als eine feindliche Macht betrachtet? Weiten wir den Blick, so finden wir in der Geschichte hierfür Stützpunkte. Dem merkantilen Engländer und Holländer steht der Jude, durch zweitausendjährige Erziehung zum Kaufmann prädestiniert, seelisch nahe. Nie konnte der Antisemitismus dort solche Formen annehmen als in agrarischen Gegenden. Umgekehrt bildet in solch merkantiler Umgebung das alteingeseffene Judentum eine Stütze staatlichen Beharrungsvermögens. Ohne Uebertreibung läßt sich sagen: je agrarischer, bodenständiger die einheimische Bevölkerung, desto stärker die seelische Dispösition zum Antisemitismus. Muß das so bleiben? Gewiß nicht. Wir Juden brauchen uns nur der seelischen Atmosphäre derer anzupassen, die uns so verständnislos gegenüberstehen, muffen Bauern werden. Tie Feffeln, die uns Juden vom Bodenerwerb und von der Arbeit au; der Scholle auZschlossen, sind gefallen. Warum werden trotzdem so wenig Juden Bauern? Der ich auf der Scholle stehe, ich kenne zur Genüge die Einwände, die erhoben werden: körperliche Unzulänglichkeit, Abtötung der Regsamkeit des Geistes, soziale, gesellschaftliche und religiöse Vereinsamung. Sie dürfen nicht, maßgebend sein, wenn mehr als ein materielles, wenn ein hohes, ja ein höchstes sittliches Gut auf dem Spiele steht. Bei Beendigung des Krieges ging so eine Welle der Berufsmnschrchtungsbeftrebungen durch die offizielle Judenhert. Arbeitsnachweise wurden begründet zwecks Unterbringung der fchuleutlaffenen oder beruflich mnsattelnden Jugend in der Landwirtschaft. Nationalökonomen und Rechtsanwälte be wiesen wissenschaftlich in sorgfältig Paragraphrerten Resolutionen die wirtschaftliche Notwendigkeit des Rufes.Zuden aufs Land^; in Jugend- und anderen Vereinen wurde Wald-, Feld- und Wiesenpoesie modern, alte und neubegründete Anstalten nahmen die Erziehung der „gefährdeten" Jugend (ein enorui dehnbarer Begriff) zur Landwirtschaft in ihr Progrämmä^' — und die einzige Anstalt, die jahrelang auf dem so steinigen Felde mir einigen! Erfolg gearbeitet hatte, das Lehrgut Stein - Horst, sctstoß seine Pforten. Die Gartenbauschule in Ahle.a, die bemüht ist. den schrnr-nviegerrden, ja uuLLsttzlühen Ausfall zu mildern, hat mit ungeheueren Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Arbeitsnachweise erklärten, daß es fast unmöglich sei. jüdische junge Leute in Lehrstellen auf dem Lande unter-

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