Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 8 (18.1.1838)
- Date
- 1838-01-18
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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30 lausig und fest war, den Verwandten und Freunden desselben zur Zuflucht diente, jedoch sie fanden alle ihr Grab unter den Trümmern. Die bestürzten Juden eilten hierauf-zu Jovenus, welcher sie zu dem Gouverneur des Schlosses führte und denselben vermochte, ihnen dort eine Freistatt für ihre Personen und Effecten zu gestatten. Unterdessen wurden ihre Wohnungen niedergerissen, die darin Befindlichen getöotet, bis aus Wenige, die zu feig ihre Ehre zu behaupten, sich zur Taufe bereitwillig fanden. Das Schloß war zur Vertheidigung stark genug, doch auf einmal stieg in den geflüchteten Juden der Verdacht auf, der Gouverneur der oft aus- und einging, möchte sie verrathen, und sie fühlten sich veranlaßt, ihm den Eintritt zu verweigern. Er klagte deshalb beim Sheriff der Landschaft, und-da auch die Häuser der rasenden Parthei, welche den Juden viel Geld schuldeten, sich mit ihm vereinigten, so erließ der Sheriff einen Befehl zum Angriff des Schlosses. Der grausame Haufe, mit den Soldaten verbunden, zeigte jetzt so viel Gier, die' zu schlachten, auf deren Plünderung sie es abgesehen hatten, daß der Sheriff den Befehl bereute und ihn zurücknahm — doch es war zu spat! Fanatismus und Raubsucht einmal losgelassen, müssen ihren Durst in Blut und Plünderung löschen. Die Aufrührer sprachen die Mithilfe der reichern Bürger an, doch diese waren großmüthig genug, es abzuschlagen, vielleicht weit sie den Juden weniger Geld schuldig waren. Hierauf wandten sie sich an die Geistlichkeit, wurden von dieser bestärkt, angeführt und gesegnet. Der Führer des Haufens war ein Domherr, dessen Eifer so groß war, daß er in seinem Chorhemde, in dem er sich so sicher, als Ln einem Panzer dünkte, ihnen beistand. Dabei rief er unaufhörlich: „Zerstört die Feinde Jesus!" Dieser geistliche Lakonismus erhitzte diese Menschen aufs Aeußerste, die eigentlich nur durch das bedeutende Eigenthum der Belagerten angespornt wurden. Es wird von diesem Geistlichen berichtet, daß er jeden Morgen, ehe er hinging, um beim Beschießen der Mauern zu helfen, eine geweihte Hostie verschluckte. Als sich dieser tapfere Vcrtheidiger der Kirche jedoch eines Tages zu nahe wagte, durch sein Chorhemd, wie er glaubte, geschützt, fand er seinen Tod unter einer einstürzenden Mauer, die ihn zerdrückte. Der Verlust eines so frommen Führers würde der einer ändern Gelegenheit die Leute vielleicht zur Besonnenheit gebracht haben, doch hier behielt die Habsucht die Oberhand, der Angriff wurde fortgesetzt, bis endlich die Juden einsahen, sie könnten sich nicht langer halten. Sie versammelten sich um Rath zu halten, was noch zu thun übrig bliebe in dieser äußersten Gefahr. Unter den Juden war ihr ältester Rabbiner hochgeehrt. Es ist gewöhnlich unter diesem Volke, dieses Amt immer mit einem Fremden, der zur Zeit wegen seiner Glehrsamfeit und Heiligkeit seiner Sitten berühmt ist, zu besetzen (?). Ihr damaliger Rabbiner oder Chacham war auch ein Fremder, der ihnen zugeschickt worden war, um ihnen ihre Gesetze zu deuten, und der, wie der Erfolg zeigen wird, ein Mann von nicht gewöhnlichen Eigenschaften war. Als der Rath zusammen war, da erhob sich der Chacham und redete die Versammlung folgendermaßen an: Männer von Israel, der Gott eurer Vorfahren ist allwissend und Niemand darf, sagen, warum thust du dies? heute befiehlt er uns für sein Gesetz zu sterben, für das Gesetz, das wir verehrt haben von dem Tage an, da es uns gegeben worden, das wir rein bewahrt haben während unsrer Gefangenschaft unter allen Nationen. Was können wir für die'vielfachen Tröstungen, die es uns reicht, für die überschwengliche Hoffnung, die es uns bietet, was können wir weniger thun, als dafür streben? Unsere Nachkommen sollen dies Buch der Wahrheit erbttzken, das wir mit unterm Blute besiegeln, und unser Tod, der unsre Treue verkündet, soll Israels Wandrer mit Vertrauen erfüllen. Ringsum ist der Tod vor unfern Augen, was bleibt uns übrig, als nach einem ehrenvollen und leichten Ende zu streben? Fallen wir in die Hände unserer Feinde, und schon können wir ihnen nicht mehr entrinnen, dann wird unser Tod schrecklich sein, denn sie dürsten nach unserm Blute, und heulen um das Schloß gleich Wölfen. Daher ist mein Rath, wir übergeben unser Leben freiwillig unserm Schöpfer, wir werden unsre eignen Henker und entgehen ihren Qualm. Wir erkennen den Unsichtbaren in seinen Handlungen, Gott ruft uns, laßt uns dieses Rufes nicht unwürdig sein. Selbstmord in Augenblicken, wie die jetzigen sind, ist erlaubt und vernünftig. Wir haben Beispiele, ihr Männer von Israel, daß unsere Vorfahren bei ähnlichen Veranlassungen so gethan haben, wie ich euch heute rathe." Hierauf setzte der Greis sich nieder und weinte. Die Versammlung war in ihren Meinungen getheilt. Kräftigere fanden seinen Ausspruch weise, doch die Schwachen murrten über den furchtbaren Rath. Da erhob sich der Rabbi noch einmal und sagte mit fester und lauter Stimme wenige Worte: Meine Kinder, da unsere Meinungen getheilt sind, so mögen diejenigen, welche meinen Rath nicht gutheißen, sich aus dieser Versammlung entfernen!" — Einige entfernten sich, doch die Mehrzahl ver^ band sich mit ihrem ehrwürdigen Priester. Sie fingen mun damit an,, ihre Habsetigkeiten den Flammen zn übergeben, dann tödtete jeder Mann^um sich nicht der zaghaften Hand der Frauen anzuvertrauen, sein Weib, dann die Kinder und zuletzt sich selbst. Jovenus und der Rabbi blieben alleirr noch übrig, um sich zu überzeugen, daß Alles nach ihren