Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Helferinnen, bezirksweise sämtliche jüdischen Steuerzahler zu erfassen, die Sammlung bereits begonnen, und schon ist eine Anzahl bedeutender Spenden eingegangen, die den unbegrenzten Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen bekunden. D.V. Dresden, 16.Dezember. Der blinde Dichter Oskar Baum aus Prag las vor kurzem im hiesigen Verein Kr jüdische Geschichte und Literatur aus eignen Werken vor. Er las mit den Fingerspitzen, die wie auf einer «ßkfoktur auf der erhabenen Schrift der Manuskripte hin glitten, während die Augen starr über die Hörer fort ins Leere blickten: ein eigenartiger Anblick. Von den Stücken, die er zum Vortrag brachte, interessierten natürlich am meisten solche, die in das Seelenleben der Minden Einblick geben. Ein Tourist, von Geburt an des Augenlichts beraubt, besteigt einen Alpenberg und wird in der Höhe Kr «eine Weile vom Führer verlassen. „Die Gefahr", die den Hilflosen umlauert, erschüttert seine Seele von Grund auf, gibt seinem Leben 'eine entscheidende Wendung. Noch feiner als diese Novelle war das Bruchstück aus einem noch unveröffentlichten Roman. Ein blinder Knabe wird am Begräbmstage der Mutter daheim von der Tochter der Psörtnersleute unterhalten. Wie die beiden Kinder sich im Spiel begegnen, ohne eigentlich einander zu verstehen, das kam fein und ergreifend zum Ausdruck. F. Halle, 16. Dezember. Am 4. Dezember gab der seit zwei Jahren in der Gemeinde zu Halle amtierende und sehr beliebte Oberkantor Simon Singer in der Synagoge ein Wohltätigkeitskonzert. Singer, dem die künstlerische Leitung des Konzerts oblag, bewährte sich als ein vornehmer Sänger und feinsinniger Orgelspieler. Schon im Orgelvorspiel zeigte Singer seine volle Beherrschung des Instruments. Das Konzert hatte schon deshalb großes Interesse, weil dasselbe einen historischen Charakter trug. So wurde Gesänge von Salomo de Rosst, wie Wajechullu, Lo omus, und Marcello Benedetto, W'schomeru, zum Vortrag gebracht. Eine Orgelphantasie über althebräische Melodien vom Vater des Konzertgebers, Josef Singer s. A., fand bei dem zahlreich erschienen Elite- Publikum, darunter die sämtlichen Professoren der Universität Halle, besonderen! Beifall. Es war ein ehrenvoller Abend für den Konzertgeber und seine Gemeinde. — Hamburg, 16. Dezember. Die Deutsch-israelitische Gemeinde hat einen schweren Verlust zu beklagen: Herr JacobAlexander, Mitglied des Gemeindevorstan'des, ist nach kurzer Krankheit im 69. Jahre aus dem Leben geschieden. Inhaber einer hochgeachteten Haus Maklerfirma, hat er seit frühester Jugend sich ehrenamtlich in der Gemeinde betätigt. Er war Vorsitzender des Schulwesens, der Mädcheniwaisenpflege, außerdem in der Verwaltung vieler anderer wichtigen Institutionen tätig. Nachdem er in jungen Jahren bereits zum Mitglied des Reprüsentantenkollegiiums gewählt wurde, war er jahrzehntelang dessen Vorsitzender und'wurde später einstimmig zum Gemeindevorsteher gewählt. Auch im kommunalenLeben unsererVaterstadt zeichnete der 'Verblichene sich aus, er gehörte eine Reihe von Jahren der gesetzgebenden Körperschaft an und vertrat hier auch mit voller Energie die Interessen der jüdischen Gemeinde. Di>e Trauerfeier für den Verblichenen fand unter überaus großer Beteiligung statt. Im Sterbehause hatten sich Vertreter zahlreicher Wohltätigkeits- und gemeinnütziger Institutionen eingefunden: der Gemeindevorstand und die Repräsentanten waren wohl vollzählig erschienen. In der Trauergemeinde bemerkten wir außer vielen Vertretern der Börse auch ehemalige Fraktionsgenosfen aus der Bürgerschaft. Nachdem die Gattin und Kinder sich um den völli,g, schmucklosen Sarg geschart hatten, hielt Herr Rabbiner Dr. S o n d e r >l i n g eine tief empfundene Gedenkrede. Anknüpfend an das Bibelwort aus Genesis Kap. 28, Vers 10 bis 12, schilderte er den Lebensweg des Verblichienen, der in unserer Gemeinde sich unvergängliche Verdienste erworben und dessen Andenken stets in hohen Ehren gehalten werden wird. Herr Dr. Hermann Samson gab dem Dank des Gemeindevorstandes Ausdruck. Das Hinscheiden Jacob Alexanders hinterlasse eine schwer ausfüllbare Lücke. Nachdem Direktor Dr. C a r l e b a ch dem dahingeschiedenen Vorsitzenden des Schulv'vrstaüdes herzliche Worte des Abschieds gewidmet und ein Mitglied der Loge einen ergreifenden Nachruf gehalten, stimmte Herr Oberkantor Kornitzer das Joschew besesser elion an. Unter den Klängen des Psalms wurde der Sarg auf den Leichenwagen gehoben; zuerst folgten die Schüler der Talmud- Dhora^Realsch.ule, denen .sich ein außerordentlich großes Tranergefolge anschloß. Der imposante Leichenzug bewegte sich nach dem israelitischen Friedhof in Ohlsdorf, woselbst nach Gebet und Segen des Geistlichen die Beisetzung in der Ehrenreihe ides Friedhofs stattfand. Unter den vielen Kränzen, di,e am Grabe niedergelegt wurden, befand sich auch ein Bliuinengebinde der Deutschen DoWpartei mit entsprechender Widmung. In tiefer Ergriffenheit trennten sich bie Leidtragenden von der 'Stätte, wo einer der Besten der Hamburger Gemevnlde ausruht nach einem reichen, segensvollen Leben. P. A. Köln, 16. Dezember. In dem Bewußtsein, daß in vielen Fragen und Aufgaben eine Gemeinsamkeit zwischen allen Richtungen und Parteien der jüdischen Jugend besteht, undin der Erkenntnis, daß sowohl zur Durchführung dieser Aufgabe als auch zur Ueberwindung der Zerrissenheit des jüdischen Lebens in Deutschland ein Zusammenschluß aller jungen Juden erforderlich ist, hat sich am 3. November d. I. in Köln die gesamte jüdische Jugend zum „Jüdischen Jugendring" zusammengeschlossen. Auch die gesetzestreuen Jugendvereine haben sich in wesentlichen Punkten diesem Jugendring angeschlossen. Die Aufgaben, die sich dieser „Jüdische Jugendring" gestellt hat, sind: die jüdische Jugend nach außen hin zu vertreten, gemeinsame geistige und soziale Betätigung des Judentums, ferner die gemeinsame Lösung aller Gegenwartsaufgaben des Gesamtjudentums. Es soll eine, gemeinsame Lesehalle errichtet werden. In Diskussionsabenden werden die wichtigsten Fragen und Probleme des Judentums erörtert und von allen Seiten beleuchtet, wodurch ein gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Förderung ermöglicht werden sollen. Vor allem hat dieser Jugendring den ideellen Zweck, das Verhältnis unter der Gesamtjugend so warm zu gestalten, daß wirkliche iüdische Bruderliebe unter der Gesamtjugend Tat wird. G. Gießen, 16. Dezember. In unserer Gemeinde hot sich :m Laufe des Winters ein recht reges Leben entwickelt. Eingeleitet wurde das Semester durch eine Abendunterhaltung, die die Ortsgruppe Gießen des Reichsbnndes jüdischer Frontsoldaten veranstaltete. Die ganze Feier war dermaßen großzügig angelegt, daß sie noch lange im Gedächtnis der Teilnehmer lebendig, bleiben wird. Am Sonntag, d^n 4. Dezember, hatte der Frontbund einen wissenschaftlichen Abend. H^rr Universitätsprofessor Dr. Kinkel sprach über Volk, Rasse und Menschheit. Seine tiefgründigen Ausführungen fesselten b've Teilnehmer derart, daß stürnrischer Beifall dem Redner gezollt wurde. An der ebenfalls sehr interessanten Aussprache beteiligten sich Herr Rabbiner Dr. Sande r, Herr Dr. Steinreich und Herr Dr. S m o i r a. Der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr Lehrer G r ü n eb a u m , dankte allen Rednern des Llbends und wies' darauf bin, daß de ui nächst ein weiterer wissenschaftlicher Abend folgen soll. Auch der Synagogengesana.verein wird demnächst mit einer Veranstaltung hervortreten und den Beweis erbringen, daß er außer feinen gottesdienstlichen Aufgaben auch die Geselligkeit zu pflegen weiß. — Frankfurt a. M., 16. Dezember. Die Frankfurter Israelitische Gemeinde ist bei der Regierung um Bewilligung einer 5prozentigen Anleihe von 12 Millionen Mark eingekommen. Die Anleihe, die seitens der Inhaber unkündbar ist, wird zu 102 Prozent mit 1*4 Prozent des ursprünglichen Kapitals nebst ersparten Zinsen durch Auslosung oder Rückkauf, beginnend am 1. April 1927, getilgt. Von da an ist auch verstärkte Tilgung oder Gesamtkündigung zulässig. Ein Bankenkonsortium, bestehend aus der Deutschen Effekten- und Wechsel-Bank, den Banksirmen Jacob S. H. Stern und Gebrüder Sulzbach, hat von dieser Anleihe 9 Millionen Mark übernommen und bringt sie bis auf weiteres zu 100 Prozent, lieferbar bei Erscheinen, zum Verkauf. Die Notierung der Anleihe an der Frankfurter Börse wird beantragt werden. Angsrn. z. Budapest, im Dezember. Eine aus dem Präses Hofrat Franz Szekely, Oberrabbiner Dr. Eli-as Adler und Gemeindevorsteher Dr. Emil Zahler bestehende Deputation der Posier Israelitischen Religionsgemein-de hat Anfang November die Reise nach Amerika angetreten, um dort für die vom materiellen Zusammen - bruch bedrohten jüdischen Wohltätigkeits- und Kultusinstitutionen der ungarischen Judenschaft eine Sammlung einzuleiten. Vor ihrer Abreise erschien die Deputation beim Ministerpräsidenten Grasen Stephan B e t h l e n in Abschiedsaudienz. Der Redner der Deputation, Hosrat Franz Szekely, erklärte dem Ministerpräsidenten, daß nicht dos Verlangen, sich zu rechtfertigen', die Deputation hierher aeführt habe, denn dessen bedürfe sie schon infolge ihrer sozialen Stellung nicht. „Uns hat" —- fuhr der Redner fort — „die Liebe zu unserem Vaterlande hierher gebracht, die unverändert -in uns lodert, trotzdeur wir zrr Staatsbürgern zweiter Klasse gestempelt wurden. Wir haben