Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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alle Formen der moralischen und der physischen Verfolgung durchgemacht. Aber wir wissen, daß diese Aera v ergeh en muß, wir wissen, daß das acht Millionen umfassende Rumpsungarn erst dann wieder groß werden kann, wenn es Arm m Arm mit dem ein nützliches Element bildenden Judentum für den Wiederaufbau Ungarns tätig sein wird. Und deshalb werden wir in Amerika, wenn wir im Interesse des so . viele Leiden überstandenen, niedergetretenen ungarischen Judentums eine Aktion beginnen, auch für unser teures ungarisches Vaterland tätig sein." Ministerpräsident Graf Bechlen , erwiderte auf diese Ansprache: ^Jch( nchme Ihre Worte mit Dank entgegen. Ich meinerseits bitte Sie, wenn Sie in Amerika über die Lage des ungarischen Judentums Rechenschaft ablegen, die Wahrheit nicht zu verheimlichen! Sagen Sie die Wahrheit darüber, was mit Ihnen geschehen ist, denn diese W ah r h ei t w i r d d a z u berufen sein, dort draußen e n d l i ch e i n w >a h r e s Bild ü b e r d i e L a g e der Ungarns ch e n Juden zu ermögliche n. Es ist wahr. Sie haben eine traurige Epoche durchgemacht, doch gestatten Sie mir zu erklären, daß ich meinerseits vollständig die großen Aufgaben des ungarischen Judentums im nationalen Leben würdige und daß es mek Ueberzeugung ist, daß der Antisemitismus nur eine Psychose gewesen, die verschwinden wird. Eine Psychose, die infolge der Revolution entstanden ist; ich meinerseits aber werde nicht gestatten, daß sie weiter wüte, und ich werde jede extr eme Aüswiege lu ng und Gew alt niederbrechen. Sie können vielleicht auch selber konstatieren, wie sehr die Lage sich während niemer Regierung gebessert hat. Dort draußen sind wirre Nachrichten im Verkehr. Ich bitte Sie: sagen Sie die Wahrheit, und Sie werden damit auch dem Lande nützen!" Daß der ungarische Ministerpräsident es mit seinem Versprechen ernst nimmt, ist auch daraus ersichtlich, daß er im Laufe seiner Bestrebungen zur Gründung einer neuen einheitlichen parlamentarischen Regierungspartei: auch zahlreichen Abgeordneten erklärte, allen Ordnungsstörern gegenüber aufs strengste Vorgehen und die Fortsetzung der Politik der Gehässigkeit nicht gestatten zu wollen, sondern die Versöhnung zwischen den Konfessionen und den gesellschaftlichen Schichten zu verkünden. Er verwies auch aus den Besuch der jüdischen Deputation und erklärte, daß er die dem Präsidenten!der Israelitischen Religionsgemeinde gegenüber getane Aeußerung ganz aufrechterhalte und auch bkv Macht besitze, alle jene mit den wirksamsten Waffen zu treffen, die die Ordnung dieses zu Tode gequälten Landes Umstürzen wollen. — Auf ihrer Reise hat die jüdische Deputation in Paris für kurze Zeit haltgemacht. Hier wurde die Deputation von: Präsidenten der Alliance Israelite Universelle, Baron Edmond Rothschild, im Palais des Alliances in Gesellschaft der gesamten Leitung enrpsangen und begrüßt. Die Zusammenkunft, wahrend welcher die Delegierten die Führer des französischen Judentums über die Lage der ungarischen Juden orientierten, währte über eine ©tuträ»e. Nachmittags veranstaltete der grand-Tabbin von Frankreich, Dr. L e v y , zu Ehren der Gäste eine Festmahlzeit. — Kurz vor ihrer Budapester Abreise erhielt die Deputation durch'Vermittlung der Wiener amerikanischen Botschaft die Verständigung, daß der Präsident der Vereinigten Staaten, G. W. Harding, die Deputation im Washingtoner Weißen Hause empfangen wolle. Ms Termin der Audienz war Montag, der 5. Dezember, festgesetzt. Von Aah und ffrrn. — Der Hilfsverein der deutschen Juden ersucht uns um Veröffentlichung folgender Mitteilung: „Beim Jüdischen Bahnhofsdienst, Berlin (Durchwanderersaal am Schlesischen Bahnhof), findet jeden Donnerstag, 8 Uhr abends, unter Leitung von Herrn Dr. med. S t e i - n e r t am Kursus für Sanitätshilse statt, an dem die Helfer und Helferinnen des Bahnhofsdienstes teilzunehmen gebeten werden." — Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur spricht am Donnerstag, den 5. Januar, im Parterresaal des Logenhauses, Kleiststraße 10, Professor Dr. Jsmar Elbogen über: Das Gebet im Judentum. — Dr. med. Alfred Peiser, früher in Posen, ist zum dirigierenden Arzt der chirurgischen Abteilung des Israelitischen Krankenheims in der Elsässer Straße gewählt worden. — Zur Erkenntnis des gegenwärtigen Zeitalters sprach Professor David Koigen in der „Ewer"-Buchhandlung. Er versuchte, die zerrissene Gegenwart aus dem Dualismus Historie Politik und Kultur — Ethos zu erfassen, beleuchtete so neben dem russischen das europäische Problem, den Widerstreit der Politik und der.Kultur und das jüdische Problem, Kultur ohne Historie. Gens und Moskau kämen beide aus der Politik heraus und find nicht imstande, den Zusammenschluß der Völker herbeizuführen. Im Gegensatz zur Welt- Politik muß die Weltkultur die Grundlage des Völkerbundes bilden.— Zum ersten Male hat die Berliner Technische Hochschule das Ehrenbürgerrecht einem Amerikaner verliehen. Auf den Antrag der Abteilung für Chemie und Hüttenkunde haben Rektor und Senat der Technischen Hochschule den Großindustriellen Henry Goldmänn in New Jork zum Ehrenbürger der Hochschule ernannt. — In Berlin, wo er sich vorübergehend aufhielt, ist kürzlich Herr Abraham Daordowitfch Jdelsohn, einer der hervorragendsten politischen und publizistischen Vertreter des Zionismus, einer Herzkrankheit erlegen. Der Verstorbene war langjähriger Redakteur des russischen Zionistenorgans „Rasswiet"; späten gehörte er dem Comaftde diesDelegations Juiives in Paris an, um schließlich die Schriftleitung des offiziellen hebräischen Organs der Zionistischen Weltorganisation „Haolam" zu übernehmen. — Am 11. d. M. ist in Prenzlau Herr Joel Meyer, der Begründer der seinen Namen tragenden Firma, im Alter von 87 Jahren verschieden. Er war ein wahrhaft frommer, gesetzestreuer Jude und erfreute sich der Wertschä^ung weiter Kreise. — In Liegnitz starb das verdiente frühere ^Vorstandsmitglied der dortigen Synagogengemeinde Herr Hugo Jungmann. — In Mittweida ist im Älter von 110 Jahren Frau Stark gen. Blank gestorben. Sie dürfte die älteste Jüdin in Deutschland gewesen sein. — Aus Nürnberg wird uns mitgeteilt: Der Titel „Geheimer Justizrat" wurde verliehen: dem Justizrat Emil Joseph sthal in Nürnberg sowie dem Justizrat Dr. Josef Werner, erster Vorstand der Kultusgemeinde Bamberg. Der Titel „Justizrat" wurde verliehen: den Rechtsanwälten Dr. Albert Wassermann in Bamberg und Dr. S. Silbermann in Würzburg. — Professor Dr. Frey - m ann in Frankfurt a. M. hat seine Orientalia-Bibliothek nach Amerika verkauft. — In Wien ist der Maler Isidor Kaufmann, dessen jüdische Sujets besondere Berühmtheit erworben haben, verstorben. — Die „Alliance Israelite“ hat dem Zentral-Hllfskomitee für die ukrainischen Flüchtlinge, die sich in Rumänien befinden, 100 000 Franken zukommen lassen. — Die seit einiger Zeit umlausenden Gerüchte, über von der roten ,Armee in Sowjetrußland veranstaltete Judenmassaker werden durch eine im „Golos Rossij" veröffentlichte Liste der Erschossenen in Kamienietz und Winnitza bestätigt. Unter den Erschossenen befinden sich Rabbiner Axelrod, Dr. Hausmann und Rechtsanwalt Rosenblum. — Eine Konferenz der katholischen Priester aus Posen erklärte, es sei eine der Hauptpflichten der polnischen Handelsgesellschaften, den Kampf gegen die jüdische Gefahr auf Leben und Tod zu führen. Sämtliche Teilnehmer wurden aufgefordert, alles daran zu setzen, daß keine jüdischen Abgeordneten in den Sejm gewählt werden. — Im Monat Oktober sind insgesamt 743 Einwanderer nach Palästina gekommen, und zwar 228 Männer, 211 Frauen und 194 Kinder. 566 Immigranten landeten in Jaffa, 127 in Haifa und 50 kamen über Kantara nach Jerusalem. — Aus New Dork wird gemeldet: Felix Marburg spendete eine Summe von 100 000 Dollar, zwecks Errichtung eines Lehrstuhls im Lehrinstitut der Universität Columbia zur Verewigung des Andenkens an den verstorbenen jüdischen Philanthropen Jakob H. Schiff. — „Balfours Unmut über die Pogrome in Palästina" lautet folgende Meldung aus Washington: Auf die Frage, was er unter den Worten „Jüdisches Heimland" in Palästina verstehe. erwiderte Balfour einer christlichen Araberin aus Palästina scharf: „Alles, nur keine Pogrome." Nach einer Weile setzte er fort: „Sagen Sie Ihren fanatischen Patrioten, baß sie dem Islam und der Zivilisation Schande. bringen." Einen Empfang der, arabischen Vertreter lehnte Balfour ab. — Aus New Jork wird berichtet: Das Jmmigrationsamt hat die Zahlen der bisher in Amerika Eingewanderten wie auch die zur Einwanderung bis zum 1. Juli noch Zugelassenen veröffentlicht. Laut diesem Bericht, der mit dem 1. November abschließt, können aus Polen und Galizien noch einwandern 5160 (25 800) — eingeklammerte Zahlen bedeuten die gesamte Jahresquote - aus Rußland 21464 (34 247), Ungarn 1127 (5635), Deutschland 51012 (68 039), Tschechoslowakei 4120 (14 269), Oesterreich 4666 (7444), Rumänien 2258 (7414), England 47 164 (77 206). Die Quote für Palästina in der Zahl von 56 ist bereits erreicht und werden keine weiteren Einwanderer aus Palästina zugelassen.__ Verantwortlicher Redakteur: Albert K a tz,in Berlin-Pankow, Flomstraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Moste.