Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 23. Dezember 1921 Der Gemeindebole. Bellsse zur „AN§emetnen Leitung deK Judentums. Korrrspondmrm und Aschrichttn. Lrutschlsnd. L2 Berlin, 20. Dezember. Am 6. d. M. fan-d in Berlin unter Leitung des Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden, Herrn Dr. James Simon, eine zahlreich besuchte Versammlung statt, in der die Notlage der südruflischen jüdischen Ackerbaukolonisten behandelt wurde. Herr Singalowsky, Vertreter der Gesellschaft „Ort", schilderte den Anteil der russischen Juden an der Landwirtschaft in der Vergangenheit und Gegenwart, zeigte, welch wichtiges Element die jüdischen Kolonisten in Südrußland und in der Ukraine, die sich vor dem Kriege in blühendster Entwicklung befunden hätten, in den letzten Jahrzehnten bildeten, und entwarf ein Bild von der furchtbaren Not, die über die Kolonisten durch die Pogrome und die diesjährige Mißernte gekommen ist, die sie aller Ackergeräte und Viehbestände beraubt und ihnen damit die Möglichkeit zur Weiterführung ihrer landwirtschaftlichen Betriebe aus eigenen Kräften völlig genommen haben. Die Herren Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan, stellvertretender Vorsitzender des Hilssvereins der deutschen Juden, gaben in großen Zügen einen Ueberblick über die außerordentliche Bedeutung der Teilnahme der Juden am landwirtschaftlichen Beruf, die, über die individuellen Interessen der Kolonisten, für die jetzt ein Rettungswerk ins Leben gerufen werden müßte, hinausgehend, große soziale Interessen der jüdischen Gesamtheit tief berühret Auch sie appellierten, wie der Vertreter des „Ort", an die Versammelten, X nach Kräften dazu beizutragen, daß das jüdische Kolonisationswerk in Südrußland und in der Ukraine erhalten bleibe. Die eindrucksvollen Ausführungen 'der Redner fanden den lebhaftesten Beifall der Versammelten, die einstimmig die folgende Resolution faßten: „Die vom Hilfsverein der deutschen Juden, der Großloge für Deutschland U. O. B. B. und der Gesellschaft „Ort" zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden des früheren russischen Reiches einberufene und unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James Simon am 6. Dezember im Logenhause abgehaltene Versammlung hat durch die Ausführungen des Vertreters der Gesellschaft „Ort" erneut Kenntnis von der tieftraurigen Lage erhalten, in welche die jüdischen Ackerbaukolonien in Südrußland durch die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges, insbesondere durch die unmenschlichen Pogrome und die herrschende Hungersnot, denen sie zum Opfer sielen, geraten sind. Sie spricht den schwer betroffenen Glaubensgenossen, die schuldlos an Leib und Leben bedroht und geschädigt und um die Früchte jahrzehntelanger mühevoller Arbeit gebracht wurden, ihre herzliche Anteilnahme aus und erachtet es als eine Ehrenpflicht der gesamten Judenheit, daß so schnell wie möglich durch einträchtiges Zusammenarbeiten der jüdischen Organisationen ein planmäßiger Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaften ins Werk gesetzt wird, um vielen Tausenden von arbeitsfreudigen jüdischen Ackerbauern die Wiederbegründung ihrer Existenz zu ermöglichen." Herr Dr. James Simon, der in seiner Schlußrede aus die Notwendigkeit hinwies, das Hilfswerk durch Zusammenarbeit der großen Hilfsgesellschaften auf eine möglichst einheitliche und breite Grundlage zu stellen, gab bekannt, daß der Hilfsverein der deutschen Juden aus dem Ukrainefonds zu der Hilfsaktion für die jüdischen Kolonien beisteuern werde und daß Spenden für dieselben an den „Ukrainefonds" des Hilfsvereins abgeführt werden können. &&& Berlin, 20. Dezember. Zu wirksamster Ausgestaltung der Sammelaktion für dm ukrainischen Juden in Berlin unternimmt es der Hilssverein, durch Vermittlung semer Bezirkskomitees, möglichst weite Kreise der Berliner Bevölkerung über die dringende Notwendigkeit des Hilfswerks für die Ukraine auszuklären. Die Mitglieder des GeschäftsKhVenden Ausschusses des Hilssverems der deutschen Inden, vor allem die beiden Vorsitzenden, Herr Dr. I a nt e s S i m o n und Herr Dr. P a u l N a t h a n, stellten sich unermüdlich in den Dienst dteser wichtigen Arbeit. Am 7. d. M. fand wiederum eine Versammlung des Bezirkskomitees „WAmerdorf", „Schmargendorf" und „Grunewald" in der Aula des CäeiliemLhzeums, Nikolsburger Platz, unter Vorsitz des um die Berliner Organisation des Hilfsv Vereins sehr verdienten Herrn Stadtvat a. D. Girnkiewicz statt. Herr Dr. Paul Nathan gab in eindrucksvoller Rede -ein Bild von idem schrecklichen Schicksal der ukrainischen Judenheit, die schon seit Jahren bis hinein in die unmittelbare Gegenwart von den furchtbarsten Pogromen heimgefucht ist, durch die viele Tausende vernichtet, zur Flucht nach dem Ausland gezwungen, wirtschaftlich entwurzelt sind. Er schilderte die zu leistende Hilfsarbeit, die dem Hilssverein gemeinsam mit landeten großen Organisationen zusalle. Frau Henriette M ah , die gleichfalls dem Geschäftsführenden Ausschluß des Hilfsvereins angehört, ergänzte wirkungsvoll die Ausführungen des Herrn Dr. Nathan durch Schilderungen des unermeßlichen Elends in> der Ukraine. Sie verweilte bei Besprechung des Hilfswerks besonders bei der Fürsorgetätigkeit für die ukrainischen Waisenkinder und berichtete im speziellen über die Durchführung ukrainischer Waisenkinder über Deutschland nach einer neuen Heimat, wobei der Hilfst) erein seine Mitwirkung leiht. Herr Dr. Wischn i tz e r, Leiter des Bureaus des Hilssvereins, machte ausführliche Mitteilungen über den Stand der Ukraine-Sammlung und appelliierte in warmen Worten an die Anwesenden, angesichts des ungeheuren Notstandes, dem Hilfswerke ihre tatkräftigste. Unterstützung zu gewähren. Herr Direktor Schottländer hob hervor, daß es eine Ehrenpflicht der Berliner Judenheit sei, zu der Ukraiii>e-Sammlung entsprechend der Größe der Berliner Jüdischen Genre!nde beizusteuern. S£5 Berlin, 20. Dezember. Die Not der jüdischen Kinder in der Ukraine war wiederholt der Gegenstand eingehender Beratung des Vorstandes des Jüdischen Frauenbundes. Dieser konnte sich unter den gegebenen Verhältnissen nicht dazu entschließen, die jüdische Frauenwelt für die Errichtung neuer Waisen- und Erziehungsanstalten aufzurufen. Wenn auch aus den Reihen der jüdischen Mütter, die ihre Kinderstuben diesen Aermsten öffnen können und werden, Verständnis und Hilfe zu erwarten ist, so scheint die Zeit doch nicht geeignet, darauf hoffen zu dürfen, daß entsprechend der großen Kindernot sich annähernd genügend Familien finden werden, die privat ein Kind in ihre Häuslichkeit aufnehmen werden; denn die Verantwortung eines solchen Schrittes in ideeller wie in materieller Hinsicht ist eine sehr große und für Jahre zu tragen. Wie das Ei des Kolumbus erschien deshalb auf der Delegiertenversammlung in Elberfeld die Lösung dieser brennenden jüdischsozialen Frage in einem Anträge des Vorstandes des Jüdischen Frauenbundes, der verlangte, daß jede jüdische Anstalt in Deutschland, einerlei, welchem Zwecke sie statutengemäß zu dienen haben möge, die Sorge für ein Kind ans der Ukraine übernehme. Ohne besonderen Apparat, fast unmerklich in der Belastung des Budgets durch ein Menschenkind mehr, können — wenn die Stellen wunschgemäß reagieren — sicher 200 Kindern im besten jüdischen Milieu das Leben gerettet und ihnen eine sichere Existenz vorbereitet werden. Ein Bett, ein Plätzchen am Tisch, Schutz und Schule und eine wohlmeinende Führung, gute indische Erziehung: welcher Betrieb, wenn er nicht verknöcherter Bureaukratismus ist, könnte das nicht einem Kinde gewähren? Welcher Vorstand könnte dazu die Einwilligung versagen, könnte nicht ein Ausnahmegesetz der Liebe und Milde machen? In vorbildlicher Weise hatte sich schon vor Annahme der Resolution der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Berlin gemeldet, ein Kind auszunehmen. Es wird es gut haben! Hoffentlich laufen die Meldungen nach Bekanntgabe des Planes zahlreich ein, entweder bei der Schriftleitung des Jüdischen Frauenbundes, Berlin-Wilmersdorf, Gieselerstraße 16. oder bei der Vorsitzendem Frankfurt a. M., Geschäftsstelle Lange Straße 30. Don der Zahl der Anmeldungen wird die Ausführung und Organisation des Hilfswerks, die rasch einzusetzen hat, abhängen. 22 Berlin, 20. Dezember. Die ordentliche Hauptversammlung der Vereinigung f ü r das l i b e r a l e Judentum in Deutschland findet am 3. und 4. Januar 1922 in Berlin, Logenhaus, Kleiststraße 10, mit folgender Tagesordnung statt: Dienstag, 3. Januar 1922, nachmittags 3 Uhr: 1. Geschäftsbericht des Vorsitzenden; 2. Aussprache über Organisation und Propaganda; 3. Satzungsänderung; 4. Vorstandswahl. Für hm Abend find zwei öffentliche Versammlung,en in Aussicht genommen.