Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 303 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sich ausdrückt und die biblischen Gedanken durch Philosophische Allegorie zum tieWen Verständnis gebracht werden müssen Nur kennt der klare, kritische Geist des Maimonides nicht. die Verschwommenheit des mystisch angekränkelten, hellenistischen Weisen. Das Judentum ist 'der eine Führer unseres Philosophen, der andere das durch arabisch-mohammedanisches Denken hindurchgegangene -Griechentum in seiner reinsten Ausprägung bei Plato, vornehmlich aber bei ° Aristoteles. Maimonides stellt die letzte großartige Synthese hellenischen und jüdischen Geistes dar.- Diese Verbindung ist das Heilmittel das er den Verirrten reicht, d. h. denjenigen, die durch wissenschaftliches Forschen die Religion verloren haben. Er gibt -dem Aristoteles, was ihm gebührt, läßt aber hauptsächlich dom Judentum die überragende Geltung für das Leben, aus die es mit Recht immer Anspruch hat. Freilüh versteht Maimonides unter jüdischer Lebensanschauung nicht jenes autoritative Hinnehmen der überlieferten Lehren und jenes gedankenlose Neben der göttlichen Gebote. Er hat keinen Respekt vor der naiven Woltansicht des Dolles, das in grobsinnlicher Art seine Stellung zum höchsten Wesen fixiert. Ein unerbittlicher Feind jedes Aberglaubens, ein Verächter jedes astrologischen Spuks, zerstört er der Menge ihre Illusionen. Aus seiner höchsten Wertschätzung der Vernunft und aus seiner angeborenen Neigung zum Philosophieren entsteht jene aristokratische Lebensansicht, die mit einer gewissen Verachtung auf die allzu irdischen Interessen und die phrasenreiche Oberflächlichkeit der Vielzuvielen herabsicht, aber immer der Grenzen menschlichen Erkennens sich bewußt Reibt und in tiefer Ergriffenheit vor den letzten-undurchdringlichen Abgründen alles Seins sich schweigend -beugt. Maimonides stellt an den Menschen die allerhöchsten geistigen Forderungen. Die Erkenntnis Gottes ist unsere umfassendste, letzte Ausgabe. Nur aus dem Wege der Vernunft ist eine Annäherung an den Quell alles Denkens möglich. Sie führt uns zu der unumstößlichen Gewißheit der Existenz der Gottheit. Me Dinge Haben nur die Möglichkeit des Daseins, sie sind Wirkungen, die -eine letzte Ursache Haben müssen, ihre Materie hat Formen, deren Urform gesucht werden muß. Gott ist der letzte Urheber alles Realen, im tiefften Grunde die einzige Wirklichkeit, der Inbegriff aller Formen, vollendetes Denken. Mohr zu erforschen, ist dem Menschen versagt. Gott gegenüber ist Schweigen Lob. Alle positiven Kennzeichnungen seines Wesens sind inadäquat. Sie reichen nicht heran an die Erhabenheit des höchsten Seins. Nur negativ können unsere Aussagen über ihn lauten: Gott existierh, das Nichtsein ist unmöglich; er ist Einer, eine Vielheit ist ausgeschlossen; -er ist -ewig, jede Veränderung ist denkwidrig, der reine Geist, d. h. die unbedingte Unkörperlichkeit. Wie alle Unvollkommenheiten mit seinem Wesen unvereinbar sind, so ist es ohne Zweck und Sinn, chm Vollkommenheiten beizulogen; hier sind die unüberschreitbar-en Grenzen unserer -geistigen Kraft. Wohl aber sind unserer Erkenntnis die Wirkungen Gottes erreichbar. Denn er ist beständige, reine Aktualität. Diese unerkennbare Größe muß bei der Weltbetrachtung in Rechnung gesetzt werden, wie wir gewöhnt sind, imaginäre oder irrationale Zahlen, von denen wir keine klare Vorstellung haben, zu anderen Realitäten in Beziehung zu bringen. Die Welt ist sein gewaltiges Werk: dieser Gedanke gehört nach Maimonides zu den Fundamentalwahvheiten des Judentums. In die-sem wichtigen Punkte seiner Le-bensayschwuung verläßt er seinen Führer Aristoteles, der die Weltewigkeit bewiesen zu haben glaubte. Aus ethischen Motiven hält er an der zeitlichen Schöpfung des Alls aus nichts fest: die sitlliche Weltordnung ist nur aus dem Grunde dieser Annahme erklärbar. Da weder die Ewigkeit, noch die Schöpfung philosophisch streng sind lückenlos beweisbar sind, gibt er der jüdischen Auffassung den Vorzug, weil ihm von hier aus wertvolle Löbensgedanken seiner Religion hinreichend begründet sind. Nur durch die frei schaffende höchste Intelligenz ist die Gültigkeit der Naturgesetze, sowie die Möglichkeit einer Durchbrechung des Naturzusammenhangs -durch Wunder gegeben. In Wirklichkeit lassen sich die in der Bibel berichteten außerordentlichen Eingriffe der Gottheit iu den Welllauf aus natürliche Ereignisse zurückführen. Seinem die reine Vernunft -darstellenden Urheber gemäß ist das All ein geistiger Organismus, in dem das Ganze und die Teile auf dem Prinzip von Materie und Form aufgebaut sind. Erst durch die Form erreicht das Stoffliche seine Vollendung. Die Vergänglichkeit der Dinge bezieht sich lediglich auf ihre Materie, während ihre Formen ewig sind. Dieser lebend lge Weltorganismus ist in Sphären gegliedert, die von immateriellen Intelligenzen, den Sphärengeistern, beherrscht sind. In dem Ganzen waltet wunderbare Harmonie, die durch tein Uebel gestört wird. Da -das Böse die Negation des Guten, Gott aber als reine Vernunft der Inbegriff aller Vollkommenheiten und -alles Sittlichen ist, so ist die Annahme des reinen Uebels in der Welt schlechterdings unmöglich, und nur in der Menschheit finden sich scheinbare Spuren desselben, -die jedoch teils aus der natürlichen Zusammensetzung von Stofs und Form, teils aus eigener oder gegenseitiger Schuld beruhen, Daß der Btenscy nrcht der Zweck der gewaltigen Schöpfung sein kann, ist so einleuchtend, wie die Frage nach dem Zweck der Wett unlösbar und der Weisheit Gottes anvertraut ist. Frellich fühlt sich -die unendliche Vernunft gleichsam durch Wahlverwandtschaft zur endlichen des Menschen hingezogen. Daraus ergibt sich für Maimonides die individuelle Vorsehung in bezug,auf den einzelnen Menschen, während er für das Reich der Tiere und Pflanzen sich nur zu der Annahme einer die Gattung erhaltenden Providenz bekennt. Aber nicht über dem Menschen -an sich waltet die Gottheit, sondern je nach dem Grade der Ausbildung seiner Vernunft wird ihm die besondere Fürsorge des Allgetstes zuteil. Wir sind -berufen, das Reich der Erkenntnis auf Erden zu verwirklichen, oder was dasselbe ist, eine Welt der Sittlichkeit zu gestatten. Dieses höchste Ziel hat Gott dem Menschen gestellt und ihm dazu die -unbedingte Freiheit des Wittens gegeben, -die durch die Allwissenheit der göttlichen Intelligenz in keiner Weise beschränkt ist. Wie wir uns in dem Widerspiel von Gut und Böse entscheiden, ist zwar dem alles denkenden, reinen Geiste längst bekannt, aber durch keine Vorherbestimmung beeinflußt. Die Antinomie zwischen dem göttlichen Wissen und der freien Selbstentschließung des Mettschen beseitigt unser Philosoph durch den bedeutsamen Hinweis auf die Verschiedenheit des Wissensbegriffs beim Menschen und bei Gott. Wir haben also die volle sittliche Verantwortlichkeit des Handelns, und jeder Determinismus ist in der jüdischen Lebensanschauung auszuschließen. Aber das ethische Verhalten ist nicht- Selbstzweck, sondern nur das notwendige Mittel zu dem höchsten Ziel der theoretischen -Weltbetrachtung, d. h. der Gotteserkenntnis. Dieser erhabenen Stufe nähert -sich am vollendetsten der Prophet, indem nur bei ihm stärkste Jntelligenzkvaft, sittliche Vollkommenheit und lebhafte Phantasie so wunderbar gemischt sind, daß die göttliche Einwirkung in ihn einströmen kann. Nur in dem nie ermüdenden, reinen Stroben nach Wahrheit liegt die Unsterblichkeit. Anderseits ist die wahre -Erkenntnis nur auf- -dem Wege und -auf der