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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-12-23 · Heft 26 (23.12.1921) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 26 (23.12.1921)
Date
1921-12-23
Page
Seite 302 (sequence 8)
Language
German
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Nach grundlegenden musiktheoretischen Studien, die ihren krönenden Abschluß fanden tot dem dreijährigen Besuch der Meisterschule der königlichen Akademie der Künste, schuf er eine große Anzahl von Vokal- und Jnstrumentalkompositionen, denen auch die staatliche Anerkennung durch Verleihung des Titels eines königlichen Musikdirektors anläßlich seines 25jährigen Amtsjubiläums zuteil ward. Ganz besonders aber ragt unter seinen Schöpfungen hervor das unter -dom Titel „Sehir lischlomo, Chasomus für das ganze liturgische Jahr" veröffentlichte, umfangreiche Werk. Welch löblichem Zweck er durch diese von großer Begabung und unendlichem Fleiß zeugende Tat dienen wollte, das saßt er in der Vorrede knapp und erschöpfend folgendermaßen zusammen: „Es galt zunächst, gewisse, traditionelle Weisen des gottesdienstlichen Zyklus, welche in den bisherigen Sammlungen noch keine Aufnahme gefunden, durch Niederschrift zu fixieren; in zweiter Linie wollte ich eine durchaus vollständige Sammlung der zum Gottesdienst des ganzen Jahres gehörigen Kantoralgesänge bieten, und drittens wünschte ich auf diese Weise ein Praktisches Lehrbuch für Kantorenschüler und angehende Kantoren herzustellen." In Uebereinstimmung mit der überaus günstiger: Beurteilung aus Fach- und Kennerkreisen muß anerkannt werden, daß Friedmann die sich selbst gestellte, schwierige Aufgabe in zweckentsprechender und rühmenswerter Weise gelöst hat. Bot er damit Lehrenden und Lernenden ein willkommenes, praktisch-pädagogisches Hilfsmittel, so ergänzte er dieses nach der theoretischen Seite hin durch seine bereits in ziveiter Auflage erschienene Studie: „Der synagogale Gesang". Die vorhandene, einschlägige Literatur vollkommen beherrschend und benützend, versucht unser Autor auch durch zahlreiche eigene, wertvolle Forschungsergebnisse mit dieser Studie einen klärenden Beitrag zu liefern zu dem noch dunklen, vielumstrittenen Gebiet der Entstehung und Entwicklung des Synagogengesanges. Fachgenossen, insbesondere aber unser Nachwuchs, empfangen aus ihr eine Fülle von Anregungen, einen tieferen Blick in die Zusammenhänge unseres traditionellen Synagogengesanges, vor allem mit den verschiedenen Arten des „Leinens". Zurzeit ist unser rühriger und rüstiger Jubilar beschäftigt mit der Herausgabe eines historischen Werkes, Lebensbilder berühmter Kantoren enthaltend, von dem bisher zwei Bände erschienen sind. Sie gewähren ebenso Fachleuten wie Laien eine wahre Fundgrube historischer Kenntnisse und Erkenntnisse auf einem nahezu unbebaut gebliebenen Felde. Es wird das besondere Verdienst Friedmanns bleiben, durch sein Werk Wesen und Wirken hervorragender Standesgenossen für immer der Vergessenheit entrissen zu haben. Er selbst aber hat sich durch seine unermüdliche, segensreiche Wirksamkeit im Dienste seiner Gemeinde, im fördernden Interesse unseres Standes ein unvergängliches Denkmal in unserer aller Herzen gesetzt. Möge ihn des Allmächtigen Gnade uns noch recht lauge erhalten in geistiger Frische und Spannkraft, in körperlicher Rüstigkeit: seiner Familie zum Stolz, seiner Gemeinde zur Zierde und uns Kollegen zu Ehr und Vorbild. Bit Lebensanlchsutmgm der großen jüdischen Denker. Bon Rabbiner Dr. Löwe n st a m m (Spandau). IV. Moses Maimonides (1135—1204). o imposant auchder Versuch Juda Halevis, -das jüdische Lebensproblem durch starke Betonung der jüdischen Eigenart zu lösen, sein mag, so kann er doch auf Allgenreingültigkeit keinen Anspruch machen. Er ist das Werk des religiösen Subjektivisten und völlig individuell gestaltet. Nicht das SpiegelbW der gesunden Zeittendenzen, nicht aus der Epoche heraus geboren, nicht aus den echt menschlichen Trieb geistiger Akklimatisierung abgestimmt, werft der philosophierende Dichter eine Kulturrichtung, die der Allseitigkeit ermangelt und das Typische des Menschen vernachlässigt: denn Mensch sein heißt denken, heißt sich als theoretisch^ Weltwesen fühlen, seine geistigen Kräfte regen, um zu «dem Urgrund aller Erscheinungen hindurchzudringen und sich in nimmer müdem, quälendem, und doch selbstgenugsamem, fröhlichem Forschungsstroben zu entwickeln. Alle diese Momente scheiden bei Juda Halevi aus, ganz besonders das -der Entwicklung, Es liegt eine unendliche Tragik -darin, daß der einzige Versuch im jüdischen Mittelalter, den jüdischen Geist in vollendeter -Selbstherrlichkeit und frischer Originalität -darzustellen, vom jüdischen -Gesamtgeist abgelehnt worden ist. Juda Halevi, als Dichter der Liebling seines Volkes, hat sich als Denker nicht durchzusetzenvermocht. Sein Standpunkt ist der Grundrichtung des Judentums diametral entgegengesetzt. Der Intellektualismus rst bei aller -Gefühlstnmgkeit stets der Lebensnerv der jüdischen Gedankenwelt gewesen. Frei von Schwärmerei^ hat der jüdische Genius in der starkgeistigen Vernunftmähigkeit den Stolz und die Ehre seines Glaubens gesehen. Das Denken, das Lernen und Lehren, kann er nicht lassen, ohne sich selbst auszugeben. Darum hat er Mojes Maimonides hervorgebracht, der die Lebensanschauung des Judentums zu ihrem Urquell zurückgeführt hat, zum Geist des objektiven Denkens. „ Mit Maimonides war dem Judentum der große Wurf gelungen, sich in seinem innersten Wesen in einer nach Ideen ringenden Persönlichkeit selbst darzustellen. Alle jüdischen Denker vor chm scheinen nur Vorarbeiten für das Lebenswerk dieses klaren Geistes zu sein, und alle nach ihm stehen aus seinen Schultern. Kärrnerarbeit ist es, die sie diesem bauenden König leisten. Er ist der wahre Philosoph, weil er das reine Stroben nach Erkenntnis und. das voraussetzungslose Forschen für die höchste Wicht und Tugend hält. Weil für ihn die Vernunft die einzige Instanz für die Gestaltung und Wertung des Daseins ist, kann man ihn einen Rationalisten nennen; aber er hat nichts gemein mit der Seichtheit dieser Lebensansicht, die den Menschen und sein Denken zum Maß aller Dinge macht und zu den irrationalen Größen der Seele kein Verhältnis gewinnen kann, sondern er ringt um die wahre Religion mit tieftnnerlicher Frömmigkeit: eine echt jüdische Individualität. Allein er geht darauf aus,' das Religiöse objektiv zu machen, es aus der Enge des subjektiven Gefühls und Erlebnisses zu lösen und -das Judentum zu einem -lückenlosen, systematischen und philosophischen Lehrgebäude zu gestalten. Denken um des Denkens willen ist die Wurzel der maimonidischen Geistesart. Aus der reinen Freude an der Spekulation erwächst seine übermenschliche Lebensarbeit. Philosophieren ist der Angelpunkt seines Wesens, den er nicht bloß in seinem „Führer der Verirrten" in Bewegung setzt, sondern bei jeder Gelegenheit selbst in seinen mit gigantischer Kraft aufgesührten Talmu-dwerken. Mit einer vielbeachteten „Abhandlung über Logik" beginnt Maimonides in seinem 16. Lebensjahre seine Gelehrtenlaufbahp, durch die als einheitlicher Grund-ton die spekulative Durchdringung der jüdischen Quellenschriftender Bibel und des Talmuds, hindurchgeht. Ja, seine ganze Philosophie kann als wifsenschastliche Btbelerklärung gelten. Diese Exegese ist Vst von einer Kühnheit, die uns an Philo erinnert. Auch ihm ist der nüchterne Sinn -des Ofsenbarungswerkes nicht der eigentliche, weil die heilige Schrift nach der Redeweise der Durchschnittsmenschen

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