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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-12-23 · Heft 26 (23.12.1921) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 26 (23.12.1921)
Date
1921-12-23
Page
Seite 298 (sequence 4)
Language
German
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298 Das Komitee in Charbin hat eine Geldsammlung vorgenommen und in einem Aufruf alle jüdischen Gemeinden im fernen Osten aufgefordert, ähnliche Komitees, in ihren Gemeinden zu gründen^ Laut den letzthin eingetroffenen Nachrichten hat sich in Schanghai ebenfalls ein Hilfskomitee gebildet. Die Verhandlungen des Exekutivkomitees der Jüdischen WelthilfSkonferenz mit den französischen Schiffahrtsgesellschaften zwecks Herabsetzung der Schiffskartenpreise für die Emigranten nach Argentinien Hoden zu einer Verbilligung der Reise von Polen nach Rumänien um 20 Prozent geführt. * Edgar Speyers „Entnaturalisatton". London, 14. Dezember. Der bekannte Bankier Sir Edgar Speyer ist seines englischen Bürgerrechts und seiner Eigenschaft als Mitglied des Geheimen Rates verlustig erklärt worden. In dem Dokument über diesen Beschluß wird gesagt, daß Speyer illoyal gehandelt und während des Krieges Beziehungen zu Untertanen feindlicher Staaten unterhalten habe. Gleichzeitig wird ausgesprochen, daß Speyers Frau und minderjährige Kinder ebenfalls des englischen Staatsbürgerrechts verlustig erMrt werden. Die Anklagen gegen Speyer, der 1892 naturalisiert worden war, greisen bis aus den Anfang des Krieges zurück. Damals bot Speyer an, seine Würden und Titel freiwillig niederzulegen und sich von jeder öffentlichen Tätigkeit zurückzuziehen. Dieser Antrag wurde jedoch vom damaligen Premierminister Asquith abgelehnt. W Staatsrat I. L. Teitel. Vor einigen Tagen beging Herr Staatsrat I. L. Teitel seinen siebzigsten Geburtstag, Sein Name ist 'dem russischen Judentum seit Jahrzehnten wohl, vertraut und hat auch außerhalb der jüdischen Kreise Rußlands einen guten Klang. Staatsrat Teitel ist im Jahre 1851 in Podolten geboren. Sein Vater gehörte zu den damals noch seltenen fortschrittlichen- Juden,. die allgemeine Auftlämmg für die jüdische Masse anstrebten. Der junge Teitel absolvierte die Mittelschule m Mosyr und bezog hierauf die Moskauer Universität, wo er Jura studierte. Nach Absolvierung des Studiums trat Herr Teitel die Beamtenkarriere im Justizministerium an und war jahrelang Untersuchungsrichter in Samara und später Mitglied des Kreisgerichts in Saratow. In den Jahren des finsteren, reaktionären Zarismus war die. Anstellung eines Juden im Justizministerium etwas Außergewöhnliches. Allerdings war es Herrn Teitel nicht vergönnt gewesen, so rasch wie seine nichtjüdischen Kollegen zu avanoieren. Er bewegte sich nur langsam aus der Stufenleiter der buveaukratischen Laufbahn. Dagegen war Herrn Teitel eine viel rühmlichere und ersprießlichere Tätigkeit auf einem anderen Gebiete beschi-eden, nämlich aus dem der jüdischen Wohlfahrtspflege: hier konnte er seine Kräfte zur vollen Entfaltung bringen. Seit seinen frühesten Mannesjahren bis zum heutigw Tage widmete er sich mit größter Aufopferung und Liebe dieser edlen Ausgabe. Herr Teitel scheut keine Mühe, wo es gilt. Unglücklichen zu Helsen. Not zu lindern, Trost zu spenden. Sein Hauptaugenmerk war von jeher auf die notleidende studierende jüdische Jugend gerichtet, für die er unendlich viel durch persönliche Fürsprache und Herbeischaffung von Geldnuttoln aus den verschiedenen Kreisen, mit denen er in Berührung kam, getan hat. Sein Haus in Samaraund Saratow war ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, wo sich Juden und Nichtjuden, alt und jung, reich und -arm, einfanden. Als im Jahre 1912 Herr Teitel seine richterliche Laufbahn aufgeben mußte, weil der reaktionäre Justizminister Schtschegliwitow keinen Juden in seinem Ressort wehr dulden wollte, wandte er sich in noch erhöhterem Maße dCir Wohlfahrtspflege Al. Die Reaktion hatte inzwischen fürchterlich um sich gegriffen. Der. jüdischen Jugend drohte der völlige Ausschluß an den Universitäten. Die Frage der Gründung einer besonderen jüdischen Hochschule wurde angeregt. Staatsrat Teitel bereifte die größeren Gemeiniden Rußlands, um Mittel zu sammeln und Sympathlien für iri'efe& bedeutsame ideelle Unternehmen zu werben. Späterhiin begab sich Staatsrat Teitel nach dom Auslände, wo er die jüdische öffentliche Meinung über das furchtbare Elend und die Bedrückung der russischen Judenheit unterrichtete. Als die „Jto" (Jüdische Territorialistische Organisation) mit der portugiesischen Regierung zwecks der Anstedlung der Juden in Angola in Verhandlungen trat, war es Herr Teitel, der in Lissabon diese Verhandlungen führte. Während des Krieges kehrte Herr Deitel nach Rußland zurück, wo er seine Tätigkeit für das Wohl der russischen Juden sortsetzte. Seit Frühjahr 1921 wellt Staatsrat Teitel in Berlin, wo er den Vorsitz des Verbandes der russischen Juden übernahm. Auch hi>er hat er es . verstanden, Kräfte um sich zu sammelndie auf tdiiese Weise 'der Allgemeinheit zugesührt werden konnten. Das Jubiläum des verdienten Mannes ist dadurch getrübt worden,. daß ihm der Tod in diiesen Taigen 'die Gattin und treue Gefährtin entrissen hat. Frau Katharina Deitel hat an dem hochherzigen Wirken ihres Mannies regen Anteil genommen. Die Kinderfürsorge in Saratow und Samara, die Speisieküchen, die Hilffskassen für Studierende und andere Organisationen miehr haben ihre Entstehung dem gemeinsamen Wirken des Ehepaares Teitel zu verdanken. Mögen dem trefflichen Manne noch viele solcher Lebensjahre beschieden sein! M Der Jahresbericht der Jüdischen Kolönisatiortsgesetlschaft. Am 24. Sepetmber d. I. hat die von Baron Hirsch ins Leben gerufene Jewish Colomzation Association (abgekürztICA genannt) ihre regelmäßige Generalversammlung abgehalten, in welcher der Bericht über die Tätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1920 erstattet wurde. Derselbe ist diesmal um so interessanter, als die Ica in diesem Jahre zum erstenmal seit Kriegsausbruch wieder ihre volle Wirksamkeit entfalten konnte. Wir hoffen, demnächst über die Tätigkeit dieser größten jüdischen Organisation, die alljährlich für jüdische Zwecke viele Millionen ausgibt, ausführlicher berichten zu können. Einstweilen liegt uns nur ein kurzer Auszug'vor, dem wir nachstehendes entnehmen: Argentinien. Die seit 30 Jahren betriebene Kolonisationsarbeit in Argentinien hat durch den Krieg wenig gelitten. Es blühen und gedeihen da gegenwärtig 8 Gruppen von jüdischen Ansiedelungen, und zwar 3158 Kolonistenfamilien mit 17 629 Seelen und 1697 Arbeiterfamilien mit 10 047 Seelen. Im ganzen beherbergen 'die jüdischen Kolonien in Argentinien gegenwärtig nicht weniger als 4855 Familien mit 27 076 Seelen, die «alle in der Landwirtschaft beschäftigt sind' und in diesem ehrenvollen Berufe ihr sehr gutes Auskommen finden. Direktor Louis Unger, der im Auftrag der Gesellschaft im Jahre 1911 die Kolonien zuletzt besucht hatte und im vorigen Jahre zum erstenmal nach Friedensschluß seine alljährliche Inspektionsreise wieder aufnehmen konnte, war über den Anblick, den die Kolonien ihm nach 10 Jahren boten, sehr erfreut. U-eberall herrscht Zuversicht,' Unternehmungslust und! das Gefühl der Selbstverantwortung. Nicht mehr wie früher behalten die Ansiedler die Hände im Schoße und warten auf das Eingreifen des ihnen Vorgesetzten Verwaltungsbeamten, sie selbst wissen sich zu helfen, indem sie Darlehenskassen schaffen, Einkaufsgenossenschaften gründen, verbesserte Wirtschastsmethoden einführen und große Einsicht und Sachkenntnis bei der Wahl der Saaten bekunden. Der gesteigerten Zuversicht und dem gehobenen Selbstbewußtsein im Innern entspricht die äußere Haltung und das glanze Gebaren der Ansiedler. Aus mitleiderregenden, armseligen Flüchtlingen mit scheuem Blick und eingeschüchterter Haltung sind freie, stolze Männer geworden und ihre robusten kraftstrotzenden Söhne kleiden und halten sich so, daß -man sie nur schwer von den.eingeborenen Gauchos unterscheiden kann. Wir wollen jedoch hoffen, daß dies nur rein äußerlich ist und die jüdischen „Gauchos" in der Wirklichkeit! ihren jüdischen Kopf, namentlich aber ihr indisches Herz behalten haben. Es wäre sonst ein sehr unvorteilhafter Tausch für un-s. Wirtschaftlich -war das Jahr 1920 für die Kolonisten sehr segensreich. Mit Ausnahme der sonst so einträglich gewesenen Viehzucht, die aber im Berichtsjahre einmal versagt hat, haben alle andere Zweige der Landwirtschaft reichliche Früchte gebracht. Das Getreide erbrachte 6—10 Doppelzentner pro Hektar und wurde zu Preisen von 12 bis 20 argentinische Dollars gekauft. Die Flachsernte war günstig, die Molkereien konnten ihre Erzeugnisse zu vorteilhaften Preisen verkaufen und der Maispreis stieg bis auf 10 Dollar für den Doppelzentner. Die Luzernenfelder von Mauricio und Mosesville umfassen jetzt einen Raum von 60 000 Hektar. Daß auch sie die Kolonisten nicht enttäuscht haben, braucht in einer Zeit, wie die unsrige, da es keinen Bauer gibt, dem es schlecht geht, kaum besonders betont zu werden. Nur klagen die Kolonisten, daß auch sie ihrerseits für alle Bedarfsartikel höhle und immer .höhere Preise zu zahlen hätten. Um der wachsenden Teuerung aller Jndustriegegenstände wirksam entgegen-

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