Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 297 (sequence 3)
- Language
- German
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297 stärken. Es fei nicht nötig, daß nationale Feiern nationalistisch ausgebeutet würden, es sei aber auch nicht nötig, daß weite Kreise unseres Volkes dabei abseits stehen. Abgeordneter Oelze (Deutschnat.) erklärt, seine Partei müsse einem Koalitionsminister mit der nötigen Zurückhaltung begegnen und seine Taten abwarten. Bedenklich war das Lob, welches Herr Severing seinem Kollegen erteilte, als er ihm einen Generalpardon sür alle rednerischen Entgleisungen der Vergangenheit bewilligte. Die erste Tat des Herrn Dr. Bülitz war das Verbot der Beurlaubung von Schülern zur Teilnahme am Schülertage in Hannover. Diese Tagung habe dem Gedächtnis der Opfer des Weltkrieges, der Huldigung für Hindenburg und der Pflege des Gemeinschaftsgeistes gedient, alles Dinge, die jeder nach Volksgemeinschaft Strebende nur sympathisch begrüßen konnte. Hoffentlich ist dieses Verbot nicht schon die erste Stufe auf dem Wege der Entwicklung im Sinne des Herrn Severing. Abgeordneter Lauscher (Zentr.) begrüßt die vom Minister im Ausschuß abgegebene Erklärung, daß niemand an einen Kulturkampf denke. Leider fehle es noch in weiten Kreisen an der nötigen Achtung vor fremder Ueberzeugung. Dieser Mangel zeige sich besonders in dem Buch des früheren Reichskanzlers Michaelis, wo den deutschen Katholiken geradezu das Deutschtum abgesprochen werde. (Rufe links: Nehmen Sie den Mann doch nickt ernst!) Kultusminister Dr. Voelitz rechtfertigt das Verbot der Beurlaubung zum Hannoverschen Schülertag damit, daß einem Telegramm der obersten politischen Beamten in Hannover zufolge Gegendemonstrationen der Arbeiterschaft drohten. Die Ruhe und Stetigkeit, die unter dem Minister Becker im Kultusministerium herrschte, soll erhalten bleiben. Ich betrachte mich als Koalitionsminister, und ich will Koalitionspolitik treiben, nicht Parteipolitik. (Beifall.) Meine Potsdamer Rede ist offenbar von den wenigsten Kritikern gelesen worden. Ich habe vom Militarismus und der Bureaukratie gesprochen in dem Sinne, daß unter ihrer Oberfläche Großes und Gewaltiges stecke, das ist der Geist der Hingabe und der Aufopferung, der Geist der UnbestechliMeit, der Arbeitsamkeit: daß sich Preußen großgehunaert und gearbeitet habe, und daß dieser Geist zurückkehren müsse. Ick habe nickt den Geist von Potsdam und Friedrichs des Großen in Gegensatz -gestellt zum Geist von Weimar. Ich habe vielmehr beide als Brennpunkt der Ellipse bezeichnet. Als letztes großes Ziel muß vorsckweben. keine Schwierigkeiten aus der religiösen und sozialen Zerrissenheit unseres Volkes entstehen zu lassen. Wir wollen uns bei unserer großen Not darauf besinnen, was uns -eint, und nicht, was uns -trennt. Daraus erscheint mir auch wieder der Gedanke der Koalition als Symbol für den- Gedanken, daß wir alle Deutsche sind. Es versteht sich ganz von selbst, daß bei der Erziehung unserer Jugend in unseren Schulen in -erster Linie gepflegt werden muß die Erziehung! zur Liebe zum Vaterland, das auch in der, heutilgen Zeit des Unglücks groß und liebenswert ist; sie muß erzogen werden zum Staatsgedanken und zur positiven Mitarbeit an diesem Staat und daneben zur Pflege des christlichen Gedankens, zur Versöhnung der Menschheit über die Grenzen der Länder hinaus. (Dieser Gedanke ist ein jüdischer und viel älter als das Christentum. Die Red.) Den Kulturkampf der Vergangenheit verstehe ich nicht. Wir dürfen nichts anderes kennen, als Gewissensfreiheit jedes einzelnen. Liberalismus ist mir immer als Verkörperung des Gedankens der Hochachtung vor der persönlichen Ueberzeugung des anderen erschienen. Gewissensfreiheit muß auch bestehen' für die, die außerhalb der Grenzen der Kirche stehen. Bei der Begründung der weltlichen Schulen sollte daraus geachtet werden, daß dem Reichsschulgesetz nicht vorgegrisfen wird. (Beifall.) * Verleumdung der bayerischen Rabbiner. Der bekannte deutsch-völkische Agitator Braßler, den inzwischen wegen seiner zahlreichen Betrügereien und Verleumdungen das wohlverdiente Schicksal erreicht hat, veröffentlichte im „Münchener Völkischen Beobachter" im April 1920 „Einen offenen Brief an, die Regierung des Freistaat-es Bayern", in dem er unter anderem behauptete: „Die Regierung weiß aber auch, daß während des Krieges die Rabbiner die Drückebergerei jüdischer Heerespflichtiger in hohem Maße begünstigt haben und sich dafür noch bezahlen ließen." Daran schloß sich ein haßglühender Aufruf, den- Tod von Hunderttausenden von deutschen- Gefallenen an den Drahtziehern des gemeinsten aller Kriege, denen der Krieg ein Geschäft war, zu rächen. Diese Notiz wurde mit Ausnahme des Schlußsatzes auch in der „Nürnberger Stad-tzeitung" nachgedruckt. Die 20 bayerischen Rabbiner ließen daraus durch den Syndikus des Landesverbandes Bayern im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Rechtsanwalt Levinger, Beleidigungsklage gegen Braßler und die verantwortlichen Redakteure des „Beobachter" und der „Stadtzeitung" stellen. In der Verhandlung vor dem Schöffengericht verlegten sich die Angeklagten darauf, zu behaupten, der Angriff habe nicht den bayerischen Rabbinern gegolten, sondern sich darauf gegründet, daß nach einer Bekanntmachung des Wiener Militärkommandos gegen einzelne gal-izische Rabbiner und Gemeindevorstände wegen Begünstigung einiger Juden, die sich der Wehrpflicht entziehen wollten, ein- Verfahren ein-geleitet worden sei. Sie konnten nicht einmal behaupten, daß das Verfahren zu einer Verurteilung geführt habe. Trotz dieses kläglichen Versuches, sich von der Verantwortung zu drücken, wurden die 'drei Angeklagten zu Geldstrafen von 500 Mark bzw. 300 Mark verurteilt. Mit dieser Niederlage nicht zufrieden, legten die sämtlichen Angeklagten Berufung-ein. Ueber diese Berufung konnte erst jetzt vor dem Landgericht I München verhandelt werden, weil der Angeklagte Braßler es lange Zeit verstanden hatte, die Verhandlung 31t verschleppen. Zu diesem Zweck hatte er sogar einmal die Nachricht ausgesprengt, daß er selbst im Duell gefallen sei. Im Termin vermochten die Angeklagten natürlich einen Beweis für ihre Behauptung ebenso wenig zu erbringen, wie in der erstell Instanz, und zogen es daher vor, ihre Berufung znrückzuziehen, so daß das Urteil nunmehr rechtskräftig geworden ist. Der Fall bildet einen neuen Beleg dafür, mit welcher Gewissenlosigkeit die deutsch-völkischen Zeitungsschreiber den Vorwurf der Drückebergerei gegen die Juden zu erheben beliebest^ * In der jüdischen Presse sind in letzter Zeit Berichte erschienen, die auf eine Aenderung in den Prinzipien, die von der Jewish Colonization Association (JCA) verfolgt werden, schließen lassen. Wir glauben richtig orientiert zu sein, wenn wir behaupten, daß diese Mitteilung nicht stimmt. Wohl ist die Gründung einer neuen Organisation gemeinschaftlich mit anderen großen Gesellsch,asten und Gruppen unter Führung der JCA geplant, um alle Angelegenheiten der Emigration, Immigration und des Flüchtlingswesens zu zentralisieren, und wenn die JCA die Initiative zu dieser neuer Gründung gegeben hat, so bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger als die Fortsetzung einer Tätigkeit, die sie bisher immer auf dem gleichen Gebiete ausgeübt hat. Die JCA hat sich stets, wie ans vielen anderen Gebieten, den Bedürfnissen und den tatsächlichen Verhältnissen in ihrer Betätigung angepaßt. * Vom Berliner Bureau der Jüdischen Welthilfskonferenz erhalten wir nachstehende Zuschrift: Folgende Mitteilung gibt uns einen Begriff von dem großen und ti-eseurpfu-nd-enen- Interesse, das die jüdische Bevölkerung sogar in den entlegensten Ortschaften der Welt der gegenwärtigen jüdischen Notlage entgegenbringt. Auf die Anregung des Exekutivkomitees der Jüdischen Welthilsskonferenz hin hat im fernen Osten Asiens in der letzten Zeit eine Hilfsbewegung ihren Anfang genommen. Von der jüdischen Gemeindeverwaltung in C h a r b i n ist eine Konferenz einberufen worden, an der Vertreter von 25 jüdischen, Polij tischen, kulturellen und Wohlfahtrsorganisationen Charbins teili genommen haben. Nachdem in der Versammlung die Briefe und I Materialien des Exekutivkomitees der Jüdischen Welthilfskonferenz verlesen wurden, beschloß die Konferenz, ein Hilfskomitee sür die Pogromwaisenkinder zu gründen. Im Komitee sind verschiedene Elemente der jüdischen Oeffentlichkeit vertreten, von den Orthodoxen bis zur extremen Linken.