Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 293 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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293 des Verstandes, sondern eine ererbte Wahrheit, sowie die Botschaft dieses lebendigen Gottes, die Offenbarung, eine historische Tatsache und zugleich ein Beweis für sein Dasein ist. Dieser reine Geist hat die Welt geschaffen, und ein Wahn ist es. Mit der Wissenschaft von der Ewigkeit des Alls zu reden. Aber selbst wenn die Welt von Ewigkeit her bestünde, die Religion wäre doch im Recht, da sie nur von der Schöpfung dieser Wirklichkeit spricht, in der wir leben. Die Annäherung an Gott ist unsere Aufgabe, die wir durch die treue Erfüllung aller von ihm gebotenen Wichten realisieren müssen. In diesem unbedingten Gehorsam liegt die wahre Frömmigkeit, die hervorgeht aus reiner Gesinnung und ihre Vollendung erreicht in der sittlichen Tat. Ohne Herz gibt es keine echte Religiosität. Nur der Ungläubige ordnet sein Dasein aus der eigenen Vernunft und der Spekulation heraus, die höchstens die allgemeine Beziehung des Menschen zu Gott bestimmen kann. Für das Judentum aber sind nicht die für alle Menschen geltenden ethischen Gesetze, sondern gerade das Zeremonialgesetz charakteristisch, das der Vernunft nicht widerspricht und in dem unsere jüdische Individualität sich am Karsten widerspiegelt. Die notwendige Erläuterung der Offenbarung ist die Tradition, ohne die die Einheitlichkeit des Judentums nicht gewahrt werden könnte. Offenbarung und Ueberlieferung sind die Anweisung zum glücklichen Leben, nicht aber zu Weltflucht und Selbstverleugnung, -durch die wir die Unsterblichkeit nicht erlangen, ebensowenig durch ein dogmatisches Bekenntnis zu einem Wort, sondern einzig durch ethisches Handeln. Ueberwältigend ist der Gesamteindruck dieser Lebensanschauung, die aus dem reinen Geiste des Judentums geboren ist und nur erzeugt werden konnte durch eine von irdischer Schwere geläuterte Seele. Juda Halevi gehört zu jenen großartigen, seltenen Erscheinungen, deren ganzes Dasein die natürliche Folgerichtigkeit eines Kunstwerks zeigt. Ihm ist die Gabe eigen, das Menschliche an das Göttliche wundersam anzuknüpfen: ein Dichter, der von Lenz und Liebe gnd Freundschaft singt, ein Denker, der das Leben in den Kreis der gottgewollten Pflicht bannt. So ist in seinem Charakter das Gleichgewicht des Ethischen und Aesthetischen vollendet, und er besiegelt den sittlichen Adel seines Geistes durch den Entschluß, die Stätte aufzusuchen, wo einst „der ewige Odem Gottes" webte. Ihm genügte es nicht, daß er von Jerusalem herrliche Lieder gesungen. Das Land der Väter mit der Seele suchend, hatte er seine „Zioniden" gedichtet und den „Kusari" gelehrt. Nun galt's für ihn, die Probe am Leben abzulegen. Nichts vermochte ihn zurückzuhalten. Im Heiligen Land verschwindet seine Spur. Diese Wallfahrt ist der höchste Ausdruck seiner reinen, von gewohntem irdischen Zwiespalt freier Natur und Religion. Skr füll vrrjsck. 8. Forts.) Von Lydi a A u e r b a ch. ie chemische Untersuchung stellte an dem Messer Menschenblut fest. Wie erKären Sie das?" „Weiß ich? Ich weiß von nichts. Ich Hab' abgestochen den Fisch, mir den Fisch; nichts weiß meine Seele von Menscheublut." '„Rabbiner Jehuda," zitierte diesen der Vorsitzende vor den Richtertisch, „uns sind Briefe zugegangen, welche daraus aufmerksam machen, daß an dem Tage der Ermordung des Serjus Berjack eine Geheimsitzung der Juden stattgesunden habe; was ist in derselben -besprochen worden?" „Wir hatten niemals eine Geheimversainmlung," lautete die Antwort. „Ich konstatiere, daß wir den Zeugen hier auf einer off-enkundigen Unwahrheit sestnageln können," wandte sich oer Staatsanwalt an den Vorsitzenden. „Ms nicht mitberufene Staatsbürger Einlaß in die Versammlung -begehrten, wurden sie zurückgewiesen." „Der Herr Staatsanwalt nimmt sich das Recht, mich Lügner zu heißen, Herr Präsident." „Beschwerden stehen Ihnen später zu; es wäre -besser, wenn Sie die Anschuldigung Kar widerlegen könnten," meinte dieser. . - „Eine Männerversammlung habe ich einberufen, aber keine geheime." „Wenn nur Mitglieder Ihrer Gemeinde Zutritt -hatten, muß icheine solche Versammlung -eine geheime -nennen. Was erwidern Sie aus den Vorwurf des Herrn Staatsanwalts betreffs der Zurückweisung Einlaß Begehrender?" „Diese waren Banditen; sie wollten plündern und brutalisieren." „Das dürfen Sie von Staatsbürgern nicht sagen, welche mit dem Gerichte nicht in Konflikt gekommen sind. Sie müssen, scheint es, zugeben, daß nur Ihre Gemeindenritglieder Zutritt hatten." Hilflos blickte der alte Mann umher. Jur Zuhörerr-aum hatten sich fünf Herren erhoben und richteten den Blick auf ihn; er bemerkte sie. „Herr Präsident," rief -er aus, und seine Stimme zitterte vor Freude, „es waren auch Engländer in der Versammlung". „Nennen Sie ihre Namen." „Die Herren sind hier — dort." Auf eine Frage des Vorsitzenden bestätigten die Angetufenen die Bekundung Rabbi Jehudas. „Somit konstatiere ich, daß die Sitzung nicht den Charakter einer geheimen hatte", sprach der Vorsitzende. Alsdann ließ er Anna Katti als Zeugin aufrufen. „Sie dienen bei dein Rabbiner Jehuda?" „Ja." „Befinden sichnoch andere christliche Bewohner im Hause?" „Nein, ichbin der einzigste." „Wissen Sie Näheres über die -schwere Mordtat?" „Gerade das, was die andern Leute auch wissen; ich kam ja doch -auch erst zu, als der Staut so ’n Schreck gekriegt hatte." „Sie sind die Braut des Baschkes?" „Na, so weit sind wa noch nich. Erst muß er bei den Milletär frei kommen und ins Gehöft von seinen Vater treten, dann nehmt ich 'n; früher nich." Ein Mädchen im Zuhörerraum lachte. „Ich verbitte mir derartige Störungen," sprach der Vorsitzende scharf, „wir sind hier nicht im Theater. — Falls Sie jedoch so weit sind, an die Ehe denken zu können, brauchen Sie Geld zur Aussteuer, nicht wahr?" „Ja", seufzte Anna, „die paar hundert Gulden, die ich habe, reichen man knapp." „Ich habe hier einen Brief erhalten", der Vorsitzende blickte das Mädchen -durchdringend an, „in dem steht, -daß ich Ihr Zeugnis vorsichtig -aufneh-men solle; es sei Ihr Vorteil, wenn der Angeklagte fvei-gesprochen werde." „Nanu? Wer hat 'n das geschrieben?" „Der Name tut nichts zur Sache, ist auch wahrscheinlich fingiert, das heißt: ein unrichtiger Name. Aber hat der Schreiber recht?" „Wie denn?" „-Hat Ihnen der Angeklagte Geld versprochen?"