Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 292 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Ausgleich zwischen dem Judentum und dem allgemeinen Bildungsstreben, Halevi verzichtet auf diesen Ausgleich und stellt die Religion in das Zentrum des Daseins. Neigt Saadia dem Rationalismus zu, so ist Halevi Mystiker im edelsten Sinne. Spanien, wo sich eine neue Phase in der Entwicklung des Judentums anbahnt, war seine Heimat. Hier rangen die drei monotheistischen Religionen um ihren Wahrheitsgehalt. Ihr Gradmesser war die griechische Philosophie, bald fast ausschließlich Aristoteles. Arabische Philosophen und Theologen und jüdische Denker nach dem Vorbild Saadias erstrebten die Harmonie zwischen Wißen und Glauben, stellten aber die Versöhnung der beiden Mächte zumeist auf Kosten der Religion her. Auch der große Kastilier sucht einen Ausweg aus den Bildungswirren seiner Zeit; aber die bisherigen Lösungen befriedigen ihn nicht. Er kann zur Philosophie kein Verhältnis gewinnen, weil er erkennt, daß griechische Weisheit nur Blüten treibt, doch keine Früchte. Darum versenkt er sich völlig in den Genius des Judentums. So geht ihm die ganze Weite und Tiefe der jüdischen Weltanschauung auf, die er im „Kusari" niederlegt. Es ist ein Beisichselbstsein seiner Religion, das Halevi uns in diesem wundersamen Werke bietet. Von diesem Buche, das von idealem Geistesschwung getragen ist, strömt eine gewaltig ergreifende Kraft aus. Mit dieser Seelenrichtung steht Juda Halevi abseits von der großen Heerstraße, auf der sich die Weisheitslehrer seiner Epoche bewegen. Nur ein älterer arabischer Zeitgenosse hat ihn beeinflußt. Der angesehene Denker Algazzali hat den Nimbus der Spekulation zerstört und auf das Recht und die Macht des Glaubens hingewiesen. Von ihm geht eine starke Wirkung auf Halevi aus. Dennoch genügt die Erkenntnis dieser Abhängigkeit keineswegs für das eindringende Verständnis der eigenartigen Psyche unseres Philosophen. Wollen wir dieser seltenen Persönlichkeit und ihrer von edlem Pathos durchglühten Lebensanschauung in ihrer Fülle und Neuheit gerecht werden, so müssen wir sie aus sich heraus begreifen und uns immer wieder erinnern, daß Juda Halevi vor allem anderen ein Dichter war. Sein ganzes Sein wurzelt in der Kunst. Ihn hatte die Muse geweiht und zu ihrem Liebling erkoren. Im Reiche der Poesie der Größten einer: von unvergleichlicher Gestaltungskraft, von reinster Wahrheit des Empfindens, ein Dichter, der mit der Gewalt eines Naturgesetzes seine Lieder aus sich heraus setzte, dessen Gesänge mit der Erhabenheit und Gefühlsinnigkeit der Psalmen wetteifern. Eine solch schöpferische Natur kann der Logik der Wissenschaft keinen Geschmack abgewinnen. Nicht Grübeln und Beweisen ist ihres Amtes, sondern Anschauen und Fühlen, Erleben und Gestalten. Religion aber ist ein Erlebnis oder soll es sein. Darum erfaßt er sie als den Schwerpunkt des Menschenlebens. Und eben deshalb weist er die Philosophie in ihre Grenzen und wendet sich von ihr ab, wenn er auch zuweilen ihrer Macht sich nicht ganz entziehen kann. Nicht feindliche Brüder sind der Glaube und das Wissen, sondern sie bestehen selbständig nebeneinander. Hier die reine Theorie, die keinen Einfluß auf das Dasein sucht oder gewinnt, der die Gesinnung gleichgültig ist und die keine allgemeine Uebereinstimmung ihrer Anhänger, der Philosophen, zeigt; dort die Praxis, die Lebensanschauung der Tat, die vollendete Aktivität, die aus der idealen Gesinnung fußt und einen durchgehenden Einklang ihrer Helden, der Propheten, aufweist. Der Mensch aber bedarf einer unmittelbaren Gewißheit als Stützpunkt feines EnrpfindenS und Handelns. Diese Gewißheit kann ihm die Philosophie mit ihren mühsamen Verstandesoperationen nicht schaffen, ja die metaphysischen Wahrheiten können gar nicht bewiesen werden. Der höchste Gedanke, die unendlich erhabene Gottheit, ist in seiner beglückenden Auswirkung nur der inneren Anschauung und Erfahrung zugänglich. Darin besteht der grundlegende Unterschied zwischen dem Gott Abrahams und dem des Aristoteles: zu ^diesem gelangt man durch die kalte Logik, zu jenem führt das warme Herz und das innige Gemüt. Für den Philosophen ist das Dasein Gottes ein Problem, dem man nachspüren muß wie jeder anderen Erkenntnis. Darum spricht uns der durch Beweise erschlossene Gottesbegrifs so wenig seelisch-an und berührt unser Streben kaum an der Oberfläche. Der Gott der Religion — und Religion ist Judentum — hat seine tiefen Wurzeln im Gefühl und ist daher eine innere, selbstgewisse Tatsache. Wir erleben das Ueber- , sinnliche wie unser eigenes Selbstbewußtsein, und darum ist seine Wirkung unsagbar nachhaltig und eindringlich für unser Dasein. Auf dieser neuartigen Grundlage baut Halevi das Kunstwerk der jüdischen LebeUsanschauung auf. Seine philosophische Bekenntnisschrift trägt schon in der Form den Stempel des Dichters an sich: in lebendigem Dialog zwischen dem Chazarenkönig und dem jüdischen Meister wird das wunderbare Gemälde des jüdischen Geistes entworfen. Aber der Künstler Juda Halevi betont nicht bloß die gefühlsmäßige und irrationale Erfassung des Urgrunds aller Dinge und aller Heiligkeit. Auch in der Erklärung des höchst Menschlichen schaltet er das Abstrakte aus, ergreift das Konkrete, der Gestalter sucht Gestalten und Individualitäten. Jedes Individuelle aber hat seinen eigenen Charakter und seine besondere Ausprägung, während der Forscher das Allgemeine und Gemeinsame der Dinge zu erkennen ringt. So sucht Halevi, dessen Denken ausschließlich aus seinem Dichten erklärt werden muß, nach dem individuellen und charakterischen Moment im Judentum und findet es im Prophetismus. Das Judentum ist eine prophetische Religion: diese fundamentale Wahrheit hat Juda Halevi zum ersten Male mit der intuitiven Erleuchtung des Genies ausgesprochen. Nicht Gedanken stehen im Zentrum der jüdischen Weltanschauung, sondern höchst lebensvolle ethische Persönlichkeiten. Denn nicht grübelnde Philosophen, die sich ihre Erkenntnisse in heißem Bemühen abringen, sondern Propheten, Menschen mit einem inneren Sinn, einem inneren Auge, mit einer geistigen Schau, denen ihre Lehren sich erschließen mit divinatorischer Ursprünglichkeit, sind die höchste Ausprägung des Menschentums. Der Prophet ist der Sehende, während die Alltagsmenschen im Schatten wandeln und ihr schwaches Licht seiner Erleuchtung verdanken. Er kündet uns in anschaulichen Bildern und Erscheinungen seine Heilsgedanken, die er nicht gleich mathenratischen Lehrsätzen zu beweisen braucht, weil sie ihm in vollendeter Gewißheit als Voraussetzung seiner Existenz vor der Seele stehen. Ihres Gottes voll, sehen die Propheten im Glauben eine Sache des Herzens und wollen sich des Lebens bemächtigen mit der ganzen Wärme und lebendigen Natürlichkeit, deren das gottdurchglühte Gemüt fähig ist. Denn nicht aus eigener Kraft entsteht der Prophet, die Gottheit vielmehr erfaßt ihn im Innersten und läßt ihn in höherer Seelenrichtung eine ideale, geistig verklärte Welt schauen, die er den Brüdern zur Erhebung und Gestaltung zeigt, damit sie ein Volk von Propheten und Auserwählten seien. So steigt Juda Halevi von der Einzelindividualität des Propheten zur Volksindividualität Israels auf. Nicht nur sind die Seher zu dieser Nation gesandt, sondern dieses Volk selbst ist in seiner Gesamtheit vonr Gottesgeist beherrscht, ist gleichsam als Volk ein Prophet für die Menschheit. Es hat seine prophetische Schall am Sinai erlebt und ist erkoren, der Kern der Nationen zu sein. Israel ist durch die Offenbarung ein Kleinod und das Herz der Völker geworden und hat eine gottgegebene Weltmission. Der Ausgangspunkt seiner Lebensansicht ist der Gott der Väter, d. h. kein Prodllkt