Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 291 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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291 Nun ist auch er, der feine fülle Denker und sinnende Künstler dahin, und wir stehen traurig da und wissen, daß diese Lücke nicht so leicht ausgefüllt werden kann. Mit dem Nachwuchs auf. dem Gebiete der jüdischen Kultur ist es leider sehr schlecht bestellt. Diejenigen, die im Juden den Künstler und im Künstler den Juden suchen und sich an der Harmonie zwischen dem Menschen und dem Schaffenden erfreuen, werden noch lange Mcha Joseph bin Gorion mit ihrer Seele suchen. FabiusSchach (Berlin). Lin jüdisches kmder!rlrbuch. nglands Zionismus erkennt scharfäugig als sein entscheidendes Ziel die Gewinnung der Jugend. Ihm stellt Frau Nina Salamaw) ein hübsch ausgestattetes Geschenkbuch für Kinder von 10 bis 15 Jahren zusammen. Unter den Verfassern dieser etwa 120 Lesestücke sind nicht Juden Byron, Hunt, Moore, Scott, Wordsworth, Longsellow, G. Eliot, Browning, den Kinder karun verstehen, und Gorki. Aus Deutschem steht nur wenig übersetzt: Heine, Zunz>, Graeh, Jellinek und Deutsch. Um so reicher fließt die Uebertragung aus dem Alt-, Mittel- und Neu-Hebräischen sowie aus dem Jüdisch-Deutschen; hier verraten mindestens sieben Verfassernamen deutsche Abstammung. — In absichtlicher Buntheit wechseln Stellen der Bibel, des Talmud, Poesien des S. ibn Gabirol und Jehüda Halevi mit Gedichten der Gegenwart, davon fünf, die religiöse Glut und Formgewandtheit zeigen. Dazwischen stehen kurze Erzählungen, zumeist Von Ostjuden, kultür- und literarhistorische Skizzen, Lebensbilder von Maimonides, Herzl und der früh verblichenen amerikanischen Dichterin Emma Lazarus, von der auch mehrere schöne Gedichte abgcdrnckt werden. Das Judentum allein liefert den ganzen Stoff des; Buches. Vermutlich ist diese Blumenlese gedacht nur j neben wohlgewählten Bänden anderer Wissenszweige: denn weder britische noch europäische Kultur findet : die junge Seele in ihr. Wie die gegenwärtige anglo-! jüdische Reform, so bleiben der welthistorisch wichtige z Deismus des 18. Jahrhunderts und der Liberalismus! des 19. Jahrhunderts (auch Macaulays Emanzipations-; rede) unberücksichtigt. Und doch entsproßt jenen britischen Wurzeln der Baum des dortigen Judentums, mit Einschluß des Zionismus! Warum soll der kleine Angelsachse jüdischen Stammes und Glaubens nicht erfahren, wie stark gerade in seinem Vaterlande die protestantische Kultur, besonders der Puritaner, vom Alten Testament abhängt? — Als Dame von Welt läßt Frau Salaman taktvoll kein Wort gegen das Christentum verlauten. Und nirgends erscheint britischer Imperialismus, der heutige Schirmherr des Zionismus, besonders betont oder eine uns Deutsche verletzende Bemerkung. Das einzige Mal freilich, wo der Weltkrieg vorkvmmt, gilt die Entente als für die Freiheit der kleinen Nationen kämpfend: hätte der Zar gesiegt, wären dann wohl Finnland und Polen unabhängig? Dem Leiden der Juden im Getto, auch dem Pogrom, wird mehr Raum gewidmet, als dem Kinde zu hören frommt. Man wünschte, etwa aus Bernstein, Kompert, Franzos, einige Lichter des Humors aufgesetzt. Und jene Emma Lazarus schließt ihr Gedicht über die Schuld der verfolgenden Christen-): Der Jude netzt kein Schwert im Rachehieb; Er folgt dem edleren Gebot: „vergib!" y „Apples and honey, a giftbook for Jewish boys and girls.“ London (Heinemann), 1921, XX und 848 Seiten. -') The angry sword he will not wliat, His nobler task is—to forget. Kindlichem Gemüte entsprechende Stücke herauszusinden, war eine gewiß nicht leichte Aufgabe. Lady Magnus trifft . den rechten Ton. Schalom Aleichem erzählt lustig, wie die Ziege ins Blätterdach der Laubhütte einbricht, und S. Lewenberg vom klugen Urteil eines Knaben, des späteren R. Arjeh Halevi von- Mantua, der die.Mage eines Oelhändlers um ihm gestohlene Münzen dadurch entschied, daß er riet, sie in ein Gefäß mit Wasser zu werfen, wo, wenn sie jenem gehörten, Fetttröpfchen von dessen öligen Fingern aufsteigen müßten. Als Vorbedingung für gutes Judentum gilt diesem nationalistischen Sinne das Verständnis des Hebräischen. Zur Selbstüberhebung, vergleichbar nur dem ärgsten Chauvinismus der grancke nation, die hoffentlich kein Antisemit liest, versteigt er sich bei einem russischen Zionistensührer. Und doch wie bibelfest wurde in England der Puritaner gerade erst, als er die Bibel in seiner Volkssprache erhielt, wie rühmt sich der Angelsachse, ohne Griechisch zu reden, mit Recht frommsten Christentums! Im ganzen scheint mir dieses Kinderbuch den Verstand und die weibliche Tugend zu stark hervorzukehren auf Kosten der Phantasie und der (mindestens für unsere 'schwerblütigen Knaben so wünschenwerten) Eigenschaften physischen Mutes und Körpergeschicks, der Entschlossenheit und Tatkraft. Auch stimmt sich der- Ton dieser verschiedenen Klänge zu oft auf feierliche Andacht und weiche Trauer, statt, wie sich für Kinder ziemt, auf frohe Hoffnung und lustiges Spiel. Der Stoff schöpft zu viel aus Literatur und Altertum, zu wenig aus Natur und lebendiger Gegenwart. Heber mein leichtes Kritisieren jedoch ragt turmhoch hinaus Frau Salamans verdienstliche Tat. Könnte sie doch einen reformierten Pädagogen bei uns anregen zu einer entsprechenden Sammlung für deutsche Judenkinder! Der Nationalismus und die orientalische Färbung samt dem süßlichen Titel müßten zurück-, dafür Ethik und dankbare Liebe zur staatlichen und Kulturheimat stärker hervortreten. Ten jüdischen Stoff müßte rein Menschliches überwiegen. Neben Lessings Nathan und Mendelssohn dürften Schiller, Goethe, Shakespeare nicht, wie bei jener Engländerin, fehlen: sind sie es doch, auf die, laut unserer Gettonovellisten, sich der entzückte Blick des Oftjnden zuerst richtet, sobald er seiner geistigen Befangenheit sich entwindet. Das Kind bei uns müßte hören auch von Musik und bildender Kunst, von Staat und Gesellschaft der Neuzeit, aber auch von der Naturkunde und Technik, für die ja sein Auge so weit offen steht. Solch ein Lehrer würde würdig den literarischen Ruhm früheren Judentums fortsetzen, international das Wissen auszubreiten und volkstümlich zu machen. Denn im Mittelalter erhielt der Westländer durch Juden, die Arabisch konnten, griechische Philosophie und im 19. Jahrhundert Deütschland naturwissenschaftliche Volksbücher durch A. Bernstein. — In Hauptsachen aber wird der deutsche Nachfolger Frau Salaman nur dankbar anerkennen, nicht zu übertreffen vermögen: in der reinsten Gesinnung, tiefer Religiosität, inniger Liebe zu unserem Stamme samt dem jungen Nachwuchs und in taktvoller Verineidung jeder Kränkung des Parteigegners. F. Liebermann (Berlin). Die Leüenssntchsuunsen der großen jüdischen Denker. Bon Rabbiner Dr. L ö w c n st a m m (Spandau). Hl. Juda Halevi (1085 -1142). er Antipode Saadias in der Grundanschauung wie in y den Details ist Juda Halevi. Dort die Selbstherrlichkeit und Selbstgenügsamkeit der Vernunft, hier die alleinseligmachende Gewalt des Glaubens. Saadia sucht einen