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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-12-09 · Heft 25 (9.12.1921) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 25 (9.12.1921)
Date
1921-12-09
Page
Seite 290 (sequence 8)
Language
German
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290 schöner, klangvoller SLinrnre mehrere Syrmgogengesän-ge zum Vortrag. Es ist rührewd, 'diese vom Schicksal so schwer Heimgesuchten -sich künstlerisch betätigen zu hören. Die Anstalt wendet .auch jüdischen Kriegs-blinden, welche nicht in der Anstalt wohnen, ihre Fürsorge durch regelmäßige BarunterstüHungen zu. Ich halte die konfessionelle Absonderung dieser Unglücklichen für einen großen Segen. Wären sie doch bei dem leider immer mehr anwachisenden Ant'ffsnM-smus nicht sicher vor Hänseleien und sonstigen Unzuträglichkeiten seitens ihrer andergläuibigen Schicksalsgmossen, waS die Blinden seelisch besonders schwer bedrücken würde. Es wäre meines Erachtens ein zu weitgehend-er Optimismus, wollte man annehmen, daß bei der Gemeinsamkeit des traurigen Geschickes und eingedenk des Wortes: „Solamen miseris socios habuisse malorum" der konfessionelle Hader ganz schweigen würde. Das Los der Unglücklichen wird auch dadurch gemild-ert, daß die Gewissens'not von ihnen infolge der rituellen Beköstigung genommen wird. Tie Sabbate und jüdischen Festtage sind selbstverständlich arbeitsfrei. An diesen Tagen finden regelmäßige Gottesdienste in der schönen und geräumigen Anstaltsshnagoge statt. Ter Vorsitzende des Vereins, dem die Anstalt untersteht, ist zurzeit Herr Geheimrat Professor Tr. Rosin; der Leiter seit der Begründung des Instituts Herr Direktor M. Fr i ed - b e r g e r. Von diesem ist das erste hebräische Werk in Blindenschrift, die Psalmen, herausgegeben worden. Ein elfjähriger Knabe hat mir eine Leseprobe gegeben. Er fand sehr schnell das ihm aufgegebene Kapitel. Er las recht gelärrfig und mrlßte dann die Vokale, Dagesch usw., nennen. Der Pentateuch (zunächst Genesis) sowie ein Gebetbuch für Blinde sind in Vorbereitung. Ich hoffe, daß meine vorstehenden kurzen Mitteilungen weite Kreise unserer Glaubensgenossen interessieren werden. Die Aufnahme in die Anstalt ist, wie ich noch bemerken will, unentgeltlich. Besonders in der Zeit der allgemeinen Finanznöte ist es ein löbliches Tun, dieser segensreichen Institution burd) warmherzige Spenden beizustehen. Das her an nahende Ehanukahfest ist die beste Gelegenheit hierzu. Möge das Weihefest uns irr der Zeit der schweren Bedrängnis mit seinem Lichte neuen Mut und neue Hoffnung, bringen. Das Lickst, den Kerzenglanz, den das Fest verbreiten soll, können die Unglücklichen leider nicht erschauen. Helfen wir alle durch Zuwendungen, der Verwaltung es zu ermöglichen, den blinden Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern den innere n Hoffnungsfunken auf ein gütigeres Geschick zn erhalten! Die Anstalt und Verwaltung befindet sich Berlin^Steglitz, Wvangelstraße 6/7. | Micha tjofrpi) bin Marion. | ine kleine, stille Gemeinde war es, die am 24. November in Berlin einem stillen Schriftsteller das letzte Geleit gab. Und doll) war dieser stille, von einer seltenen Keuschheit und inneren Vornehmheit geleitete Denker und Künstler einer der besten Kulturträger des jüdischen Volkes. Denn er verstand, die jüdische Volksseele, kannte ihre wahren Bedürfnisse, und er diente ihr mit warmer Liebe und weihte ihr sein ganzes Können und Wollen. Als Fünfziger, wo der Klärungsprozeß eigentlich erst vollendet ist, wo das Brausen aufhört und das tiefere Denken beginnt, wo das Ringen sich zur Harmonie kristallisiert, wurde Gorion aus einem arbeitsreichen Leben abgerufen. Das ist tragisch, viel tragischer als wenn einer in seiner Jugend weggerafft wird, bevor/ er fein Lebenswerk noch begonnen hat. Und er starb als Exilant, fern ' von der Gemeinde, für die er wirkte. Auch das ist voll tiefer Tragik. „Mein Herz ist im Osten und ich weile im Westen," könnte mancher Ostjude mit Jehuda Halevi klagen. Ach, dieser Osten, der Felsen im Leidensmeere, die Hoffnung Israels, wo ist er? Zerstampft, verblutet, vernichtet. Eine Geschichte von Jahrhunderten vermochte ihn nicht zu zerstören und das unselige Geschick der letzten acht Jahre entwurzelte ihn. Verschlagene Splitter, in Schmerz sich windende Glieder überall, aber kein Organismus, kein wahres Leben. Dr. Micha Joseph B er dy czew ski ,— so lautet sein bürgerlicher und hebräischer Name — fing sehr früh als hebräischer Schriftsteller an. Ausgestattet mit reichem talmudischem Wissen, mit Temperament und Geist, gelang es ihm, noch in sehr jungen Jahren, sich in der hebräischen Literatur einen Namen zu machen. Freilich gehörte er anfangs zu den Stürmern, die glaubten, die jüdische Volksseele nach fremden Mustern meistern zu können, und nicht begriffen, daß der Maßstab für eine gesunde jüdische Kultur in der jüdischen Natur und in der geschichtlichen Entwicklung ruht. Mit einer kleinen Schar von gleicher Leidenschaft wollte er alles einreißen, um Großes, Phantastisches zu errichten. Aber bald wurde auch Berdyezewski ruhiger und klarer und sein Stil schlichter und feiner. Er ging nach Deutschland, wo er sich ein gediegenes allgemeines Wissen aneignete, und mit seiner Reife befestigte und vertiefte sich sein jüdisches Volkstum. , Die hebräische Literatur verdankt ihm Bücher von dauerndem Wert und eine große Anzahl von Essays. Auch als Erzähler hat er seine eigene Note. Er ist keine ragende dichterische Größe, aber man findet bei ihm fast immer feine Zeichnungen, psychologische Rätsel, gute Milieus und vor allem eine Idee, ein ernstes Problem, das nicht immer gelöst wird, aber richtig erfaßt ist. Wohltuend wirkt es, daß man bei ihm stets das Gefühl hat, einen feinen Menschen von innerer Wahrhaftigkeit vor sich zu haben, dessen Wollen immer rein und frei von Ruhmesfucht und Geziertheit ist. Auch das erkannte Berdyezewski bald, daßdie jüdische Kraft im schlichten Volke mit seiner großen Sehnsucht und nicht in der verbildeten, verschnörkelten Intelligenz ruht. Er näherte sich daher immer mehr dem schlichten, seelisch gesunden Volke und schrieb in jiddischer Sprache eine ganze Anzahl kleiner Bilder und Erzählungen, die von psychologischem und poetischem Werte sind. Der deutschen Jndenheit aber wurde er erst bekannt durch seine Sammlung jüdischer Sagen. Er bemächtigte sich dieses neuen Gebietes mit dem Eifer und der Hingabe eines wissenschaftlichen Idealisten. In zwei Sammlungen „Die jüdischen Sagen" und „Der Born Judas" liegt uns die reife Frucht seiner Arbeit vor. Diese Bücher bedeuten eine wirkliche Bereicherung der jüdischen Kultur, und es ist ein Jammer, daß dieses Werk nicht ganz zu Ende geführt ist- Diese Sagensammlnngen sind in ihrer Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit unübertroffen. Dazu gesellt sich der Reiz einer schlichten, schönen Sprache, die sich harmonisch dem Inhalt anpaßt, eine Sprache, die fern vom Banalen und Künstlichen ist. Berdyezewski führte immer das stille bescheidene Leben eines jüdischen Künstlers, dessen einziger Trost die Arbeit ist. In den schweren Kriegsjahren litt er sehr unter den Entbehrungen, arbeitete aber emsig weiter, bis der Tod ihm die Feder aus der Hand entwand. Er mußte den tiefsten Schmerz erfahren, daß sein greiser Vater bei einem Pogrom in der Ukraine buchstäblich in Stücke zerrissen wurde. Das nagte an seiner Seele und vergiftete sein Leben.

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