Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 288 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Staatsangehörigke it, die bemn Inkrafttreten des Friedensvertrages in Palästina ansässig sind, palästinensische Bürger werden, ivenn sie innerhalb eines Jahres einen entsprechenden Antrag stellen. Schließlich kann die palästinensische Staatsbürgerschaft auch durch Naturalisation erworben werden, wenn der. Antragsteller nicht weniger als zwei Jahre in Palästina gewohnt hat und sich, im Lande dauernd niederlassen will. Gemäß ei nein Bericht der Jewish Telegraphie Agench will die Londoner Marconi-Gesellschaft in Palästina eine drahtlose Station einrichten. Die Gesellschaft hat sich bereits mit jüdischen Organisationen und englischen Kaufleuten in Verbindung gesetzt, um ihre Meinung über die kaufmännischen Möglichkeiten des Projektes zu erfahren. -- Eine drahtlose Telegraphenstation in Palästina würde nicht nur eine Verbesserung der geschäftlichen Möglichkeiten des Landes bedeuten, sondern auch Palästina zum Nachrichtenzentrum für den nahen Osten machen. Die „Handelsberichte der Vereinigten Staaten" vom 24. Oktober enthalten einen bemerkenswerten Artikel von Addison S. Souchard, dem amerikanischen Konsul in Jerusalem. Southard schreibt u. a.: „Obgleich die Weinbereitung einen alten palästinensischen Industriezweig ausmacht, ist ihre gegenwärtige Blüte doch erst während der letzten 35 Jahre von jüdischen Kolonisten, die fremde Weine gepflanzt haben, erzielt worden. Palästinas Weinberge sind gesund und widerstandsfähig gegen Krankheiten. Das Zentrum der Weinindustrie ist die jüdische Kolonie Rischon-le-Zion, aber beträchtliche Mengen Weintrauben werden auch in den jüdischen Siedlungen Rechoboth, Petach-Tikwah, Katrah, Sichron-Jakob und in der deutschen Kolonie Sarona gewonnen. Die palästinensische Weinernte beginnt etwa am 18. Juni und dauert sechs Wochen; die erste Ernte wird für herbe und die letzte und reifste für Süßweine benutzt." „Daily Chroniele" regt die Schaffung einer Textilindustrie in Palästina und die Ausnutzung des Salzgehaltes des Toten Meeres an. Tie englische Firma Bros. Cowen hat Ende Oktober in Haifa eine Dampfschisfahrts-Geiellschaft gegründet, mit einen regelmäßigen Verkehr zwischen den .Häfen Palästinas, Syriens und Aegyptens einzurichten. Der erste Dampfer der Firma brachte englische Kohlen, von denen ein Teil in Port Said abgeladen wurde. Man erwartet, daß das neue Unternehmen nach dem Ankauf weiterer Schisse den Warenexport nach Aegypten wesentlich erleichtern wird. Wie die „Eghptian Gazette" mitteilt, haben die ägyptische und Palästinensische Negierung nach einjähriger Unterbrechung den Warenaustauschverkehr mittels Eisenbahn wieder ausgenommen.. Ter Jaffaer Handelskorrespondent des „Manchester Guardian" teilt seinein Blatte mit, daß Palästina hauptsächlich noch folgende Artikel einführen müsse: Zucker, Mehl, Zigaretten, Textilwaren, Petroleum, Eisen, Stahl, Kohle und Maschinen. Die wesentlichsten Exportartikel des Landes seien Seife, Wein, Linsen, Melonen und Oel. Der bekannte hebräische Philologe Ben Je hu da, der sich um die Wiederbelebung der hebräischen Sprache in Palästina besondere Verdienste erworben ha.t, empfing gelegentlich seines vierzigjährigen wissenschaftlichen Jubiläums von einer christlichen Gelehrtengruppe in Jerusalem eine Begrüßungsadresse. Das Schreiben, in dem Ben Jehudas Tätigkeit gerühmt wird, ist unterzeichnet von Professor Dahlmann, der dem Evangelischen Palästina-Institut vorsteht, Professor Garstrong, dem Leiter des Archäologischen Instituts der palästinensischen Regierung, und Professor Allbright vom Amerikanischen Institut für palästinensische Altertümer. Der „English Ehurchman" widmet einen seiner letzten Leitartikel den Bemühungen, die von der arabischen Delegation in London unternommen werden, mit eine Annullierung «der Ba>lfour-Deklaration zu erreichen. „Die englische Regierung", sa-gt das Blatt, „kann -das Versprechen, das sie den Jaden gegeben hah nicht rückgängig urachen, ohne ihr gegebenes Wor«t> zu brechen. Das Land ist dem Volke Israel durch ein ewiges Versprechen gegeben worden, «und seine Wvederaufrichtung ist chm durch die Propheten vorhergesagh worden. Die Erfüllung, von Gottes Wort kann keine Macht verhindern." I Ignatz Goldzieher. \rf _ Ter weltberühmte Orientalist Professor Dr. Ignatz Gokdz i e h e r, der selbstbewußte, dem Glauben seiner Väter mit allen Fasern seines Herzens treu anhängende Jude, ist nach kurzem Leiden im hochbetagten Alter von 72 Jahren am 13. November in Budapest verschieden. Dr. Ignatz Goldzieher, dessen Lebensarbeit in einem besonderen Artikel noch gewürdigt werden soll, war königlich ungarischer Hofrat. öffentlicher Professor der semitischen Sprachen ^an der Budapester Universität, Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universitäten von Cambridge und Aberdeen, Korrespondierendes Mitglied der Wissenschaftlichen Akademie von Kopenhagen, der Kaiserlich Wissenschaftlichen Akademie von Petersburg, der Berliner Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, der British Academy, der Amsterdamer Königlichen Wissenschaftlichen Akademie, der Madrider Real Academia de la Historia, der Jewish Historical Society of England, der Pariser Society Asiatique, Ehrenmitglied der Budapester Philologischen Gesellschaft, der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, der Royal Astatic Society, der Calcuittaer Astatic Society, des Institut Egyptien, der American Oriental Society, der Stockholmer Gesellschaft für Religionsgeschichte usw. Beim Stockholmer Orientalischen Kongreß 1889 überreichte König Oskar ihm persönlich den Wasaorden und einen Ehrenpreis von 1600 Dukaten. Am 17. August 1894 wurde er ordentlicher Professor an der Budapester Universität. Er war der erste ungarische Jude, der die Mitgliedschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, und der erste ungarische Jude, der die ordentliche Universitätsprofessur erreichte.^ Goldzieher galt als unbestrittener Kenner und Schiedsrichter auf dem Gebiete der arabischen Sprachwissenschaften und Literatur. Zu stinem siebzigsten Geburtstage bildete Goldzieher den Mittelpunkt inniger aufrichtiger Ovationen der ungarischen und jüdischen Gelehrtenwelt. Am 5. November erkrankte Goldzieher an einer Influenza, was ihn jedoch nicht hinderte, seinen Hörern weiterhin in seiner Wohnung Vorträge zu halten. Am Mittwoch vor seinem Tode hielt er noch einen zweistündigen Vortrag — es war der letzte. Samstag, den 13. November, erlöste ihn der Tod von allen Leiden. Sie Lerlimr Aeligionsschulreform. Bon Bernhard T r n n 6 c .n f> c r a iBerlin), s tut mir leid, daß ich die beabsichtigte Religionsschulreform zurzeit nicht mit der Gründlichkeit von allen Seiten beleuchten kann, die ihr bei der ungeheuren Wichtigkeit i der Sache von Rechts wegen zukommt. Ich kann es mir aber nicht versagen, wenigstens mit einigen Worten in die nun einsetzende Debatte einzugreifen. Hoffentlich werden sich viele Fachmänner an der Diskussion beteiligen und, die Gefahren erkennend, die die Reform in sich birgt, einen Sturmlauf eröffnen, der sie zum Scheitern bringt. Ich habe mir bereits selber vorgegriffen und vorweggenommen, was eigentlich erst entwickelt werden sollte. Aber das hat das Gute, 'daß die Richtung, in der ich mich bewege, unzweifelhaft klar ist. Zwar ist eine offizielle Verlautbarn ng über die neue Reform noch nicht -erfolgt, aber die Andeutungen, die bisher durchgesickert sind, genügen vollauf, um ihre Grundlagen für verfehlt, Verhängnisusid unheilvoll zu halten. Merkwürdig kurz ist das Gedächtnis derjenigen Zeitgenossen, die sich hellte in vorgerückten Jahren befinden. Wer, wie ich, ein volles Menschenalter die Entlvicklung des reichshauptstädtischen Religionsunterrichts zurückverfolgen