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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-12-09 · Heft 25 (9.12.1921) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 25 (9.12.1921)
Date
1921-12-09
Page
Seite 287 (sequence 5)
Language
German
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287 kleinstädtischen Juden frei ihrem U-ebergange zuden ungewohnten Beschäftigungen und ihrem Versetztwerden in ganz neue Verhältnisse -boten. Alle diese Hindernisse und Hemmnisse wurden jedoch von den Kolonien glücklich überwunden, so daß sie .in, letzter Zeit wohlgep'vdnete landwirtschaftliche Siedlungen bildeten, in denen Feldwivtschäft und Gartenkultur in hoher Blüte standen. Die Chersoner und Jekaterinoflawer Kolonien bildeten von jcher und bis auf den heutigen Dag wahre Musterschulen jüdischer landwirtschaftlicher Kolonisierung für sämtliche Einwanderungsländer, so daß man kaum einen Fleck des von Juden freschten landwirtschaftlichen Bodens auf der Erdenrunde finden wird, der unter seinen Bewohnern keine Auswanderer aus den südrussischen Kolonien zählen sollte. Einige der überseeischen jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen, und Ovar die bedeutendsten, wie betispielsweise die argentinischen Kolonien, bestehen vornehmlich aus Chersonschen und Jekaterinoslawer Kolonisten. Viele jüdische landwirtschaftliche Arbeiter itnlb künftige jüdische Farmer erhielten in den Kolonien ihre landwirtschaftliche Ausbildung. Die Kolonien bildeten von jeher und bilden heilte noch den Anziehungspunkt für die umgebende städtische Bevölkerung — ja in denletzten Jahren in einem ganz besonders hervorragenden Maße, denn die Beschäftigung mit Landwirtschaft überhaupt, und Gartenwirtschaft im besonderen, ist für die Bevölkerung' Sowjetrußlands die Grundlage der Existenz. Seit dem Jahre 1918 jedoch begann sich die Lage der Kolonien in raschem Tempo zu verschlimmern. Im Jahre 1918 erlitten sie grausame Pogrome, die unzählige Menschenleben dahinrafften, viel lebendes und totes Inventar und viele Saaten vernichteten. Einige Kolonien im Gouvernement Jekaterinosilaw wurden total ausgeplündert und ihre Bevölkerung wurde getötet. In diesem Jahre wurden die Kolonienvon einer vollständigen Mißernte heimgesucht. Durch den Mangel an Vorräten wurde die Mißernte zu einer wahren Katastrophe. Die eingetretene Lebensmittelnot, das Fehlen von Sämereien und Futter, zwingen die Bevölkerung der Kolonien zur Auswanderung. Die Kolonisten verlassen in, dichten Scharen die heimatlichen Dörfer. Sollten in allernächster Zukunft keine energischen Maßnahmen zur Steuerung der Not ergriffen werden, so droht unseren ältesten und bewährtesten Siedlungen ein restloser Untergang. Derartige Zustände fritrben allen jüdischen Organisationen und gesellschaftlichen Kreisen gebieterisch die Pflicht auf, außerordentliche Hilfs- und Abwehrmaßregeln rasch zu treffen. Diese Maßregeln müssen den üblichen Rahmen von Lebensmittelspenden überschreiten. Sie müssen dazu bestimmt sein, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Kolonisten zu befriedigen. und solche Bedingungen ins Leben zu rufen, die die Kolonisten vom Verlassen ihrer Siedlungen abhalten sollen. Es darf eben nicht außer acht gelassen werden, daß es, nach einem Zrvsammenbruch der südrussischen Siedlung und Zerstreuung der jüdischen Kolonisten, der jüdischen Gesellschaftlichkeit unmöglich sein wird, diese Siedlungen wieder aufzubauen und die affte erprobte landwirtschaftliche Bevölkerung dorthin Zurückzubringen. Infolgedessen muß die gesellschaftliche Hilfsaktion für die Kolonisten sich nach folgendem Plane vollziehen: 1. Versorgung der Kolonialbevölkerung mit Lebensmitteln bis zur Ernte des Jahres 1922. 2. Versorgung mit Sämereien. 3. Versorgung mit Futter für das Vieh. 4. Versorgung mit dem nötigen landwirtschas'Kichen Inventar. Zur Verwirklichung all dieser Maßregeln hat die Gesellschaft „Ort" die nötigen Schritte unternommen, indem sie die entsprechenden Verhandlungen mit den westeuropäischen, und amerikanischen Organisationen anknüpfte. Einige dieser Organisationen haben schon die erforderlichen Betrage assigniert. Anderseits verhandelt die Gesellschaft mit -den örtlichen Ausschüssen in Rußland, wie mit den Vertretern der Sowjetregierung, zwecks Regelung verschiedener formaler Bedingungen Und Transportsragen. Es-find bereits in dieser Beziehung viele greifbare Resultate erzielt und Wege zur erfolgreichen Durchführung der unternommenen Schritte angebahnt worden. Die Gesellschaft hofft, daß es. ihr bei einer tätigen Mitwirkung seitens 'der Presse, dev jüdischen gesellschaftlichen Kreise sowie privater Personen gelingen! wird, die geplante Hilfsaktion, wenn nicht im vollen Umfange, so doch in einem erheblichen Maße zu verwirklichen. Der erste Transport von Sämereien wird bereits in den nächsten Wochen abgehen. A. 8. * Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der deutschen Juden) veröffentlicht folgende Mitteilungen: Mexiko. Nach einem Rundschreiben der mexikanischen Regierung an ihre Konsuilate und Vertreter im Auslände vom 18. Mai d. I. wird — solange der Arbeitsmangel in fast allen Ländern der Welt anhält, dessen Wirkungen auch in Mexiko empfunden werden — durch Verfügung des Präsidenten der Republik die .Einwanderung aller derjenigen Ausländer verboten, die mi't mexikanischen Arbeitern in Wettbewerb treten könnten. Demzufolge soll allen einwandernden Arbeitern, insbesondere den sogenannten Braceros (Tagelöhnern) und im -allgemeinen allen denjenigen Elementen, die nicht Nachweisen können, daß ste genügend Mittel zum Lebensunterhalt haben, entweder in barem Gelde, in Hab und Gut oder durch einen V-evtrag, der ihnen den Lebensunterhalt sicherstellt, das Paßvifum verweigert werden. Ausgenommen von der vorstehenden Einwanderungsbeschiränkung sind Einwanderer, welche von dem Landwirtschafts- Ministerium die. Erlaubnis erhalten haben, sich als Ansiedler in Mexiko medevzulasfen. Kanada. Die Arbeitslosigkeit in Kanada ist so groß, daß sich BetätiguN'gsmöglichkeiten für . Arbeitskräfte kaum bieten. Auf -dem kürzlich in Winnipeg abgehaltenen Kongreß der kanadischen Gewerkschaften wurde die Zahl der Arbeitslosenauf 175 000, eine für kanadische Verhältnisse äußerst hohe Zahl, geschätzt. Eine weitere nicht unerhebliche Verschlechterung «der Arbeitslage im Winter wird allgeniein befürchtet. Am schlimmsten sollen die Verhältnisse gegenwärtig in den Städten Montreal, Toronto, Hamilton und Vancouver liegen. * Das Exekutivkomitee der Jüdischen Welthilsskonferenz hat vom argentinischen Volkshilfskomitee in Buenos Aires die Mitteilung von der glücklichen Ankunft der unlängst in Bordeaux eingeschifften 100 ukrainischen Waisenkinder erhalten. Wie bekannt hatten dieselben im Oktober Berlin passiert, wo sie vom Berliner Bureau der Welthilsszentrale, dem Hilfsverein der deutschen Juden, der Jüdischen Kinderhilfe und dem Arbeiterfürsorgeamt empfangen wurden. Dank den Bemühungen des argentinischen Volkshilsskomitees ist den Kindern in Argentinien aus dem Wege der Adoption eine herzliche Aufnahme in den einheimischen jüdischen Familien gewährleistet. Die Kinder sind alle frisch, munter und gesund mit ihren Begleitern in Buenos Aires angelangt. Eine große Volksmenge hat sie am Landungsplatz erwartet; „es ist ganz unmöglich," — lautet wörtlich die Drahtmeldung — „die rührenden Szenen zu beschreiben, die sich beim Empfang, der Kinder abgespielt haben. Die Kinder und ihre Begleiter senden die herzlichsten Grüße an Verwandte und Freunde in ihrer Heimat." # Aus uud über Palästina. In der November-Sitzung des palästinensischen Staatsrats teilte Oberkommissar Sir Herbert Samuel mit, daß die Verfassung für Palästina als eine Verordnung des britischen Königs erlassen werden wird. Gleichzeitig wird ein besonderes Gesetz über die Staatsbürgerschaft der Landesbewohner in Kraft treten. Da die Bestimmungen dieses Gesetzes den Artikeln des Vertrages von Sovres Rechnung tragen müssen, ist -auch in diesem Fall die Form eines Regierungsbefehls erforderlich. Das Gesetz wird im Einklang mit denr Passus des Vertrages von Sövres stehen, nach welchem jeder ottomanische Untertan, der gegenwärtig in Palästina wohnt, sofort palästinensischer Staatsangehöriger wird. Eine Ausnahme kann gemacht werden, wenn ottomanische Untertanen den Wunsch haben, die Staatsbürgerschaft eines Landes anzunehmen, zu dem sie ihrer Rasse nach zu gehören glauben. Die palästinensische Staatsbürgerschaft würde dann jedoch nur beim Verlassen. Palästinas erlöschen. Gemäß den Bedingungen des Vertrages dürfen Juden fremder

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