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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-12-09 · Heft 25 (9.12.1921) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 25 (9.12.1921)
Date
1921-12-09
Page
Seite 286 (sequence 4)
Language
German
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286 Nach den herzlichen Begrüßungsworten des Vorsitzenden des Provinzialverbandes, Herrn Geh. Sanitätsrats Dr. Apfel, sowie des Vertreters der Kölner Gemeinde, Rechtsanwalt Dr. K l e i n, ergriff der Generalsekretär des.Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, Herr Alfred Be rg e r, Berlin, das Wort. In fast einstündigen, äußerst interessanten Darlegungen gab der Redner ein ausführliches Bild über das Werden und die Arbeit seiner Organisation. Er wies darauf hin, daß die eigentliche Gründung des Arbeiterfürsorgeamtes noch in,die Zeit vor der Revolution fällt, und daß das Amt und seine Zweigstellen es seit der Zeit verstanden haben, die Anerkennung seitens aller in Frage kommenden Behörden zu erreichen. Dies sei hauptsächlich dem Zustande zu verdanken, daß das Arbeitersürsorgeamt eine Spitzenorganisation allerjüdischen Vereine und Parteien sei, und daß so hier zum erstenmal die Einheitsfront des deutschen Judentums geschaffen sei. Redner stellte ferner fest — und daraus sei immer wieder hinzuweisen ---, daß der Kern der jüdischen Einwanderung nach Deutschland diejenigen Arbeiter seien, welche während des Krieges zu Arbeiten in der Kriegsindustrie zwangsweise nach Deutschland geführt sind, und daß zu ihnen dann erst diejenigen kommen, welche als Opfer der politischen Verhältnisse, der Pogrome i.m Osten, nach. Deutschland flüchten mußten. Sodann erklärte er eingehend das schwierige Problem derjenigen Arbeiter, welche durch die neugeschassenen Staatsrechtsverhältnisse im Osten staatenlos geworden sind. An Hand von einigen Zahlen, Juni Beispiel: Ruhrgebiet 15 000, Mitteldeutsches Industriegebiet 10 000 Mann, erwies der Redner die Richtigkeit seiner Angaben; hervorzuheben sei die außerordentliche Befriedigung, die man in den verschiedensten Berufen von Unternehmern wie Arbeitnehmern in bezug aus Tüchtigkeit und Kollegialität in vielen Zeugnissen und Sympathiekundgebungen ausgesprochen hat. Gerade an Hand der Tatsachen, daß die meisten jüdischen Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, kann man ersehen, daß es sich um wirklich wertvolle Arbeiter handelt, die nicht gewillt sind, deutsche Arbeiter durch Lohndrückerei zu unterbieten. So fei auf Grund des tatsächlich Geleisteten nicht nur das Vertrauen der gesamten deutschen JWenheit zu der Tätigkeit des Arbeiterftirsorgeamtes gewonnen, sondern auch das der Behörde, die durch die Anerkennung des Arbeitersürsorgeamtes als offizielle Fürsorgeorganisation der gesamten deutschen Judenheit chr Einverständnis mit der ausführlich klargelegten Tätigkeit gegeben habe. In eindringlichen Worten ermahnte schließlich der Redner die anwesenden Vertreter der Gemeinden, ihrerseits darauf hinzuwirken, daß diese Organisation nicht zerstört wird, sondern daß sie daraus hinarbeiten müßten^ mit allen Mitteln sie zu erhalten. Nach dem mit reichem Beifall ausgenommenen Referat des Herrn Berger nahm der verdiente Vorsitzende der Zentralarmenkasse für Rheinland und Birkenfeld- Herr F e i l ch e n f e l d, das Wort zu einem kurzen Bericht über die Tätigkeit der Zentralstelle für Wanderarmenfürsorge, die im besonderen daraus gerichtet ist, das Unterstützungswerk für die in Deutschland befindlichen Ostjuden zu leiten, während dem Arbeitersürsorgeamt der ideelle Teil dieser Tätigkeit zufalle. Auch er ermahnte die Anwesenden, sich ihrer Pflicht gegenüber dem Ostjudenhi-lfswerk nicht zu entziehen. Als letzter sprach für den Hilfsausschuß jüdischer Durchwanderer .Herr Nathan Kahn, der die besondere Tätigkeit dieser Institution für durch Deutschland kommende Amerika-Emigranten hervorhob, denen hauptsächlich in den Durchwanderungsbaracken am Bahnhöfe Köln-Deutz in umfangreichstem Maße Unterstützung zuteil wird. Er erwähnte die umfangreichen sanitären Maßnahmen, die dort getroffen sind, die Hilfe, die Emigranten geleistet wird, welche noch nicht im Besitze des Visums ihres Ziellandes sind, sowie in besonderen Fällen auch die materielle Hilfe, die notwendigerweise zur Verfügung gestellt werden muß. Auch Herr Kahn schloß sich den dringenden Bitten seiner Vorredner an. Nach bm ausführlichen Referaten wurde folgende Resolution vorgelesen mrd einstimmig angenommen: - „Die am Mittwoch, den 16. November, zu dem Gemeindetag der Rheinischen Synagogengemeinden - versammelten Vertreter der Synagogengemeinden erblicken in der sachgemäßen Behandlung der Ostjudenfrage, zumal soweit sie unsere Provinz betrifft, eine der wichtigsten Angelegenheiten der deutschen Judenheit. Sie anerkennen, daß in dem Arbeitersürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands mit seinen Zweigstellen sowie in der Zentralwanderersürsorge mit ihren Zentralkassen in der Provinz und dem Hilfsausschuß für jüdische Durchwanderer zwei Organisationen geschaffen sind, die in sachkundiger Weise und unter Berücksichtigung der Interessen der deutschen Judenheit die Ostjudensrage der allseitig gewünschten sozialpolitischen Lösung entgegensühren. Die Unterstützung dieser Organisationen, welche im besten Einvernehmen Zusammenarbeiten und behördlicherseits anerkannt werden, wird in großem Maße als notwendig erachtet und die Gemeinden der Rheiuprovinz werden daher aufgefordert, mindestens 5 Prozent ihres Steuersolls für das Jahr 1921 zur Aufrechterhaltung der gesamten Organisationen auf das Postcheckkonto 80005, Köln, Israelitischer Unterstützungsverein (Israelitische Armenverwaltung) abzusühren." Herr Geheimrat Dr. Apfel dankte den anwesenden Gemeindevertretern und wies unter allseitiger Zustimmung darauf hin, daß die Anwesenden sich durch die einstimmige Annghme verpflichtet Hütten, innerhalb ihrer Gemeinden sür die strikte Durchführung der Resolution Sorge zu tragen. # ‘ r* Die Legalifieriung der jüdischen Emigranten aus Sowjetrntzland. In Kvwno fanden kürzlich Besprechungen statt, die zu einer Uebereinknnft von weitesttragender Bedeutung für die Regelung der jüdischen Emigranten aus Sowjetrußland führten. Die litauische Negierung, vertreten durch den Minister des Innern Skipitis, den Minister für jüdische Angelegenheiten Soloweitschik und den Vertreter des Landschntzmi nisteriums, Brigadecher Merkis, einerseits und die Repräsentanten des Exekutivkomitees der jüdischen Welthilfskonferenz, die Herren S. Rosenba u m, Präsident des Jüdischen Nationälrates in Litauen, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee (Berlin), Dr. M. Kre in in (Moskau), Dr. M. Kowalsky (New York), Rechtsanwalt Leo G l a e s e r (Paris) andererseits haben einen Vertrag abgeschlossen, dessen Inhalt wir folgendes entnehmen: Nach diesem Vertrage gewährt die litauische Regierung denjenigen jüdischen Emigranten ungehinderte Einreise nach Litauen, deren Ausreise die Sowjetregierung, mit der ebenfalls dauernd Verhandlungen geführt werden, gestattet, d. h. zunächst vor allem den nächsten Verwandten in Amerika naturalisierter Bürger. Es sollen in Litauen alle Einrichtungen getroffen werden, die genügende Wohngelegenheit, die nötige sanitär - hygienische Hilfe und nötige Verpflegung garantieren, um eine geregelte'Durchwanderung zu ermöglichen. Auch in bezug auf die Erteilung, der erforderlichen Visa und Legitimationen find eine Reihe erleichternder Maßnahmen vorgesehen. Das Exekutivkomitee übernimmt es,' der litauischen Regierung jeweils die Listen der Emigranten vorzulegen, die für die Einreise in Aussicht genommen werden. Abschrift dieser Listen wird die litauische Regierung ihren Vertretern in Sowjetrußland und in der Ukraine zu stellen mit der Anordnung, den in die Liste -eingetragenen Emigranten die erforderlichen Visa zu erteilen. Mit dem Bau der Einrichtungen, Baracken u>. et., den das Exekutivkomitee der Jüdischen Welthilsskonferenz übernommen hat, soll tunlichst sofort begonnen werden. Die Registrierung der Emigranten ist auch bereits in die Wege geleitet, so daß zu hoffen steht, daß im nächsten Frühjahr eine geregelte Emigration Wer Litauen ihren Anfang nehmen wird. Die Haltung der litauischen Regierung — der Minister des Auswärtigen Purizkis erklärte, daß es ihn freue, an einem völkerverbindenden Werke der Humanität mit arbeiten zu können — wird nicht nur den jüdischen Emigranten zugute kommen, sondern auch ihre Wirkung auf die litauisch-jüdischen Beziehungen nicht verfehlen. * Die Hungerkatastrophe in Nutzlarwd und die Notlage der jüdischen Kolonien. Die Ehersoner und Jekatevinoslawer Kolonien^ aus 38 Siedel.ungen bestehend, zäh,len im gegenwärtigen Augenblicke .u-ngesähr 150 000 einheimische und zugewanderte Personen und ungefähr 84 000 Dößjatinen Anbaufläche. Diese Kolonien, von denen viele einen fast jahrhundertelangen Bestand hinter sich haben, machten im Verlaufe ihrer Entwicklung verschiedenartige Krisen durch, die teilweise wirtschaftlicher Natur, teilweise von den LWensbedingungen der Kolonlien selbst hervorgerufenwaren. Die Ursachen der Krisen lagen einerseits in den -feindseligen Maßnahmen der zaristischen Regierung, anderseits in den vielen Schwierigkeiten, die sich den

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