Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229507--76489-3289087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
284 gegenüber gemacht haben. In seinen Thorakommentaren, nach Raschi wohl die gediegenste Wort- und Sacherklärung des Pentateuchs in der jüdischen Literatur, ist nicht nur die gesamte talmudische Tradition in grandioser Stoffbeherrschnng zur Beleuchtung herangezogen, sondern planmäßig auch Frontstellung gegen die destruktive Kritik beibehalten worden. Seine mannigfachen Arbeiten auf talmudischem Gebiete sind wertvolles Material zu einer kritischen Geschichte der Halacha. Er hat das Wesen der ersten Mischna herausgestellt, hat die Unterschiede im Lehrbetrieb der Schulen R. Ismaels und R. Akrbas bis ins Feinste und Kleinste aufgehellt, hat Wesen und Werden des halachischen Mdraschs gezeichnet. Er hat kritische Ausgaben der Mcchilta des R. Simon den Jochai und Teile des Midrasch haggadol und des Midrasch Tannaim mit wertvollen Einleitungen und Anmerkungen herausgegeben. In allen diesen Arbeiten zeigt sich, was man auch „im stillen Lehrzelte" an ihn bewundern konnte: seine unbestechliche Wahrheitsliebe. Nicht selten sagte er: „Diese Stelle habe ich falsch erklärt. Ich habe jetzt durch den und den Umstand eine Auffassung gefunden, die weit mehr befriedigt", oder: „meine Hypothese, z. B. die, wo nach dem Midrasch haggadol zu Deuteronomium bloß ein einziger tannaitischer Midrasch Vorgelegen hat, der seinerseits aus zwei Quellen, dem Midrasch des R. Jsmael und dem des R. Akiba, geschöpft hat, scheint mir jetzt erschüttert". Seine Lehrvorträge waren schlicht und streng sachlich. Feststellung des richtigen Textes und des genauen Sinnes einer Stelle, die Beleuchtung des Stofflichen durch die alten Halachaquellen, besonders auch durch den Jeruschalmi war sein Hauptanliegen. Dann wurden die klassischen Erläuterungen aus dem französisch-spanisch-jüdischen Mittelalter, die sogenannten Nischonim, zu Rate gezogen und dann, wenn eine Materie sprachlich und sachlich genügend erhellt war, wurden bei der Wiederholung die Hauptgesichtspunkte lichtvoll und merksam gruppiert. Hier zeigte sich Hosfmanns systematischer, baumeisterlicher Geist, der gewaltige Stoffmasfen mit Leichtigkeit zu einem feinsinnigen Gedankenplane zusammenstellen konnte. Den Einwendungen und Entgegnungen der Hörer gegenüber zeigte sich der Lehrer stets willig und ritterlich unermüdlich beflissen, Dunkelheiten aufzuhellen und Mißverständnisse aufznklären. Nun schweigt der Mund, mappik margalijoth, der Perlen darbot, nun feiert die Hand, die so viel Wissen mit rastloser Feder verbreitete, deni in stiller Einsamkeit, kaneh lecha chaber, die Feder zur Freundin ward. In seinem Midrasch Tannaim wird die Frage aufgeworfen, ich glaube von R. Simon b. Menassia, iver größer sei: der Gott liebt oder der zur Liebe Gottes leitet. Schließlich wird denen der Preis erteilt, die zu Gottes Liebe anleiten. Das war die Gnadengabe des Heimgegangenen unvergeßlichen Thoragelehrten: Er gehört zu denen, von denen gesagt ist: „weohawow kezes haschemesch bigwurato, Gottes Freunde sind wie die aufgeh^rde Sonne von sieghafter Pracht". üÄochenlchau. Berlin, 5. Dezember. ie Antisemiten fahren in ihrerLügen- und Hetzkampagne fort. Der Graf E. R e v e n t I o w knüpft an eine Pressemeldung, daß die Z i o n i st i s ch e Z e n t r a l e nunmehr ihren Sitz in Berlin nehmen werde, im „Deutschen Tageblatt" (16. 11.) die perfide Verdächtigung, daß in der deutschen Reichshauptstadt die neue zionistisch-bolsch ewistische Ze n t r a l e errichtet werden würde. Herr Lebius veröffentlicht in seiner „Staatsbürger Zeitung" (20. 11.) folgende Briefkastennotiz: „M., Spandau. Die Niederlegung der Deutschen Werke soll die Strafe dafür sein, daß in Spandau über 4000 judengegnerische Stimmen bei der Stadtverordnetenwahl abgegeben wurden. Wer d i e F r a n z o s e n aufgehetzt hat, können Sie sich denken." — Bei der Tagung des Provinzialausschusses für innere Mission der Provinz Sachsen leistete sich der Pfarrer Wan ge mann aus Magdeburg die Unterstellung, Rathenau sei ein leiblicher V v t t e r L o u ch e u r s und von diesem Gesichtspunkte aus seien die Abmachungen von Wiesbaden zu betrachten. — In der deutschnationalen „Breisgauer Zeitung" in Freiburg i. B. (4. 11.) wird der neue Reichsminister Prof. Radbruch wahrheitswidrig als Jude ausgegeben, und Herr Dr. H. Pudor bezeichnet die bekannte amerikanische Bankfirma I. P. Morgan & Co. in dem „Völkischen Beobachter" als ein jüdisches Bankhaus. In der „Deutschen Zeitung" (5. 11.) begeistert sich ein (oder „eine"?) Dr. L. Kühn für den berühmten Architekten Messel und bezeichnet seine einfache, großgegliederte Bauart als „germanisches Erbgut". Der Verfasser oder die Verfasserin weiß nicht, daß Messel Jude gewesen ist. In derselben „Deutschen Zeitung" (18. 11.) schwärmt deren römischer Mitarbeiter für die Fäscisten, die er „Alldeutsche auf italienische Art" nennt. Es ist doch allgemein bekannt, was für saubere Burschen diese mit dem Totenkopf geschmückten und in schwarzen Hemden einherstolzierenden Verschwörer sind. Welche Entrüstung hat es vor mehreren Monaten in Deutschland hervorgerufen, als eine Fascistenbande mehrere brave Deutsche in dem gewaltsam zu Italien geschlagenen Südtirol feige hingemordet hat! Es ist wahrlich weit gekommen, wenn sich ein Blatt, das sich „Deutsche Zeitung" nennt, für Deutschenmörder begeistert! — In verschiedenen deutschen Städten werden wieder die Schaufenster usw. in den Straßen mit gelben Zettelchen beklebt, durch die vor den Juden gewarnt und für Pogrome Stimmung gemacht wird. Wie die in Augsburg erscheinende „Schwäbische VolkSzeitung" mitteilt, geben, die Antisemitenhäuptlinge nunmehr eine eigene „Gebvauchsamvsisung" heraus, in der es heißt: „Gebvauchsanwersung für die antisemitischen Klebestreifen (Farbe gelb). Herausgegeben von einer Obmannschast des „Deutschen Herolds" (Vereinigung 'der Leser und Anhänger der „Deutschen Zeitung"). . . . Lest die „Deutsche Zeitung", die beste nationale Zeitung! Lesen Juden deutsche Zeitungen? Warum ihr dann jüdische?" Kann es ein übleres Anreißertum geben, als es hier von den alldeutsch-antisemitischen Helden geübt wird? * Die parteiamtliche Deutschnationale Korrespondenz schreibt: „Die Parteivertretung der Deutschnationalen Volkspartei hielt dieser Tage in Berlin eine Tagung ab. Sie beschästtgte sich zunächst mit einer Reihe von Anträgen, die sich auf die Stellung der Partei zur völkischen Frage bezogen und der Parteivertretung von dem Münchener Parteitag zur Beratung überwiesen waren. In Ausführung dieses Auftrages des Parteitages beschloß die Parteivertretung nach eingehenden Beratungen: „Unter Abstandnahme von Aenderungen der Satzung und der Grundsätze der Partei ist der Vertretertag überzeugt, daß sowohl die Parteileitung wie die Fraktionen und Landesverbände in der praktischen Arbeit klar und mit aller Entschiedenheit aus dem Boden des deutschvölkischen Bekenntnisses stehen und wie bisher, so auch ferner die Partei von jedem jüdischen Einfluß freihalten werden." Damit bekennen sich die Deutschnationalen zmn schroffsten Antisemitismus. Aus dem in Stettin stattgefundenen dritten Parteitag des Landesverbandes der Deutschnationalen Volkspartei wurde der Beschluß gefaßt, die Juden aus der Partei auszufchließen und keine mehr auszu nehmen. Wir glauben nicht, daß selbstbewußte Juden dieser Partei noch angehören, und gibt es