Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229506--76485-3289082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 3 r. Breslau, 18. November. Die von der Lessing- und Heinrich- Grätz-Loge im eigenen Heim für die Dauer einer Woche veranstaltete Ausstellung von Werken jüdischer Künstler wurde am Sonntag, den 6. November, mit einem einleitenden Vortrage von Professor Dr. Landsberger eröffnet, Voltaire stand nicht vereinzelt mit seiner Ansicht vor der Mitwelt seiner Zeit, der Jude könne vermöge seines Fleißes als Arzt oder exakter Wissenschaftler Bedeutendes leisten; man nahm-fast allgemein an, die bildenden Künste seien dem Juden eine terra incognita. Der neueren und neuesten Zeit war es Vorbehalten, dieses Vorurteil zu entkräften. Seitdem die Schranken des Getto gefallen sind, haben sich jüdische Künstler als Maler, Bildhauer und Schöpfer hochbedeutender Bauwerke in hervorragender Weise ausgezeichnet, und diese Ausstellung, die hauptsächlich im Auge hatte, begabte, strebende, junge Künstler zu fördern, legte Zeugnis ab von deren Können. Leider vermißten wir t|i dieser Ausstellung die Werke des Altmeisters jüdischer Kunst, Josef Israels; nur indirekt ist er durch eine Radierung, die der Holländer van Koggen nach einem feiner Gemälde geschaffen, vertreten. Auch Lesser Urh, dem, da der Kreis der Aussteller sich über Schlesien hinaus erstreckt, ein besonderer Ehrenplatz gebührt hätte, fehlt bedauerlicherweise. Hingegen hat Max Liebermann, der würdige Schüler und Jünger Israels, eine Gruppe bedeutender Radierungen und Lithographien ausgestellt. Selbstverständlich bietet , die Ausstellung neben zahlreichen guten, sogar hervorragenden Arbeiten auch schwächere Leistungen. Außer bekannten oder hier zum ersten Male ausstellenden Schlesiern, welche die Kerntruppe bilden, begegnen wir auch zahlreichen auswärtigen Künstlern, so z. B. den Berliner Expressionisten L. Meidner und F. Steinhardt, ferner der an Pariser Vorbildern geschulten Szalit Markus mit ihren ostjüdischen Schilderungen, und Wolfgang Born (München), der neben einem farbenfrohen Stilleben kräftige impressionistische Landschaftszeichnungen bringt. Den Mittelpunkt der aus der Breslauer Akademie hervorgegangenen junaen Maler bildet die Gruppe Fischler, Aschheim und Braun; ersterer gibt sein Bestes in rassigen Porträtskizzen, die jedoch nicht frei von Uebertreibung sind, während Aschheim seinen Anregungen folgt, jedoch ruhiger und sachlicher bleibt und mit seinen Skizzen von Menschen und Tieren, hinter denen allerdings seine farbiaen Entwürfe noch Zurückstehen, überrascht. Braun kämpft ebenfalls noch mit der Maltechnik; intelligente Schwarzweißarbeiten lassen jedoch seine Fähigkeiten um so deutlicher erkennen. Expressionistische Graphik findet man auch von Kon und Lissi Sachs. Außerdem finden wir künstlerisch wertvolle Zeichnungen bzw. Lithoaraphien des verewigten Alfred Größer, Skizzen von E. Korn-Friedländer, und die trefflichen Kinderstudien von Käte Ephraim-Marcus bekunden ein bedeutendes Können. Hermann Struck ist leider nur mit einer einzigen, aber für seine Art charakteristischen und vornehmen Porträtradierung vertreten; neben Malereien von Euaen Spiro und Köbner interessieren namentlich die fein durchaebildete Steinzeichnung Felix Dabms, nicht minder das Bildnis eines hiesiaen Herrn in der gleichen Technik und eine Reihe seiner bekannten Radierungen, deren malerisch-technische Reize einen wohltuenden Gegensatz zu den oft flüchtigen Notizen der Jüngeren bilden. i*. Breslau, 18. November. In dem am Sonntag, 13. d. M., dahingefchiedenen Rentner, früheren Kaufmann Louis Löwenthal hat unsere Stadt einen ihrer angesehensten Bürger, «die jüdische Gemeinde wie die liberale Sache einen überzeugten, treuen Anhänger verloren. Der Verewigte, der Jahrzehnte hindurch Inhaber eines Engrosgeschäfts der Textilbranche gewesen, bekleidete, nachdem er zuvor mehr als ein Menschenalter lang der Repräsentantenversammlung angehört hatte, später das Amt eines Vorstandsmitgliedes der hiesigen Synagogengemeinde. Insbesondere hat er jahrzehntelang als Mitglied und als Vorsitzender des Fürsorgeausschusses zum Nutzen der Gemeinde fürsorglich gewirkt und durch seinen weisen Rat wie durch seine reiche Erfahrung die Aufgaben der Gemeinde nach jeder Richtung hin wesentlich gefördert. Seit Begründung der Loms-Burgseld-Stiftung hat er stets seine Kraft dem Wohle der Anstalt und deren Insassinnen gewidmet und ist, wie seinen Amtsgenosfen in der Gemeindeverwaltung, auch dort seinen Kollegen vom Vorstand durch seine treue Mitarbeit überaus wertvoll gewesen. Der Gesellschaft der Freunde, der er länger als ein halbes Jahrhundert angehörte, wie nicht minder der Brüdergefellschaft, die ihn mehr als zwei Jahrzehnte zu ihren Mitgliedern zahlte, hat er zu allen Zeiten sein lebhaftestes Interesse bei ihren Bestrebungen auf sozialem und humanitärem Gebiet zugewendet. Eine ungewöhnlich große, erlesene Trauerversammlung füllte am Nachmittage des 15. d. M. die stimmungsvolle Leichenhalle des israelitischen Friedhofes in der Lohestraße bis auf den letzten Platz, das beredteste Zeugnis der hohen Wertschätzung, die Louis Löwenthal vermöge seines lauteren Charakters und seines sonnigen Wesens in den weitesten Kreisen genoß. Nachdem ein Harmoniumpräludium ltmb Chorgesang die Trauerfeier eingeleitet hatten, entrollte Rabbiner Dr. Sängerin ungemein warmherzigen Worten ein umfassendes Lebensbild des Entschlafenen. Ein treuer Jude, dem seine Religion stets Herzenssache gewesen, habe er, durch das Vertrauen seiner Glaubensgenossen zu zahlreichen Ehrenämtern berufen, sich insbesondere fürsorglich als ein Vater der Armen bewahrt. Gin reiches, gottbegnadetes Leben hat seinen WschÄrß gesunden. - Die Avenoschatten des trüben Novembertages sanken bereits herab, als Louis Löwenthal an der Leiche seiner Gattin zur letzten Ruhe gebettet wurde. Sein Name wird unvergessen bei allen, die ihn gekannt, in dankbarer Erinnerung fortleben. — Leipzig, 18. November. Gegen den Abbau des alttestamentlrchen Studiums richteten die Vertreter der Fachwissenschaft auf dem Leipziger Orientalistentage folgende Kundgebung: „Die zum 1. Deutschen Orientalistentage in Leipzig versammelten Alttestamentforscher wenden sich mit Entschiedenheit gegen die in neuerer Zeit laut gewordenen Stimmen, die eine Beschränkung des hebräischen und alttestalnentlichen Studiums an den theologischen Fakultäten empfehlen. Sie ersuchen die Unterrichtsverwaltungen nachdrücklich, solchen Bestrebungen keine Folge zu geben. Insbesondere erklären sie, daß die Forderung, den hebräischen Grundtext durch die griechische Uebertragung der „Septuaginta" zu ersetzen, auf vollkommener Verkennung des wahren Charakters dieser sogenannten Uebersetzung ruhe. - V Frankfurt <*♦ Main, 18. November. Am 14. v. Dt. stieg in Offenbach a. M. in den Passauer Zug, der 1.56 Uhr mittags in Frankfurt^a. M. (.Hauptbahnhof) abfährt, ein Herr, der tüchtig angetrunken war. Kaum hatte er den Wagen betreten, als er sich auch schon bemerkbar machte, indem er die Mitreisenden in brutaler Weise belästigte. „Platz da!" befahl er im Offizierston den in: Korridor des Wagens stehenden Reisenden, unter denen sich auch jüdische Herren befanden. „Judenpack", „Drecksäcke" waren die Schlagwörter des deutschnationalen Helden. Ein Mitreisender, der von einer Sitzung der Ersenbähndirektion kam und sich in demselben Wagen befand, machte diesen rabiaten Herrn auf das Ungehörige feiner Handlungsweise aufmerksam. Die Antwort daraus: „Was — äh — bin Eisenbahnbeamter — lasse mir keine Vorschriften machen — äh - - war früher Offizier bei den 81ern — habe noch Karabiner zu Hause — werde dem Judenpack schon eintränken." Der Mitreisende, ein Mitglied des Bezirksbetriebsrats, wandte sich daraus mit seiner Legitimation an den Schaffner, um die Feststellung der Personalien des Betrunkenen zu ermöglichen, schon aus dem Grunde, da sich bei allen Mitreisenden eine Erregtheit bemerkbar machte. Der Schaffner, l ein bayerischer Beamter, hatte für diese Angelegenheit nur ein Achselzucken übrig. In Hanau wurden dann die Personalien festgestellt. Es war der Herr Technische Eisenbahnobersekretär Jost von Frankfurt a. M., der eine Fahrkarte von Frankfurt a. M. nach Gersfeld und eine Fahrkarte von Frankfurt a. M. nach Tann im Besitz hatte. tzallsnü. exv Den Haag, im November. Das N a t i o n a l f o n d s - Direktorium hat vor und während des Kongresses eine Reihe von Sitzungen abgehalten. Unter den gefaßten Beschlüssen seien erwähnt: eine Erhöhung der für Bodenkäufe in Jerusalem bereits früher bewilligten Summe von 10 000 auf 15 000 ägyptische Pfund, die Erwerbung von 1250 Dunam zur Erweiterung des Bodenareals in Merchawjah und der Ankauf eines städtischen Terrains in Chaisa zur Errichtung des Beth-Am. Ferner wurden sür die ersten Ameliorier'U'Ngsarbei'te'n in Emek 15 000 ägyptische Pfund bewilligt und das Budget der Pflanzungen für das Jahr 5882 in Höhe von 11000 ägyptischen Pfund genehmigt/wobei der Betrag von 3000 ägyptischen Pfund als Einnahme aus den Fruchtbaumpflanzungen in Abzug-, kommt. — Nachdem die Eintragung dev Emek-Ländereien ins Grundbuch durchMührt und Ider Boden offiziell in Besitz