Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Rast halten müssen. Die .Zahl der Emigranten hat die monatliche Durchschnittshöhe von 5000 Personen erreicht. Im Reiche ist besonders der jüdische Bahnhofsdienst in Osnabrück vor schwere Aufgaben gestellt. Trotz der Schwierigkeiten, die in einer kleinen Stadt Beherbergung und Verpflegung großer Transporte bei kurzer Aufenthaltszeit bieten, ist es möglich gewesen, die Fürsorge für die Durchwanderer vermittels eines ehrenamtlichen, mit großer Hingabe des Amtes waltenden Komitees in bester Weise zu regeln. In Bentheim kontrolliert den Durchwandererverkehr auf dem Bahnhof, soweit erforderlich, das dortige Schutzkomitee des Hilfsvereins der Deutschen Juden. — Berlin, 22. November. Vom Zentralbureau für jüdische Auswanderunasanaeleaenheiten (Hilfsverein 'der Deutschen Juden) erhalten wir folgende Zuschrift: Wir hatten im Juli d. I. die erste Liste von Vertrauensleuten und Bermittlunasstellen veröffentlicht, an die sich ostjüdische Glaubensaenosscn behufs Erkundigungen über Verwandte, mit denen sie die Verbindung verloren haben, wenden können. Tie Zentrale des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Berlin übernimmt es, nachdem ihr die entsprechenden Angaben von den Vertrauensleuten übermittelt worden sind, Informationen einzuziehen. Die arvßen jüdischen Oraanisationen des Auslandes leihen hierbei'dem Hilfsverein der Deutschen Juden bereitwilligst ihre Mithilfe. Bei der sehr erschwerten Einwanderung nach den Vereinigten Staaten ist es von besonderer Bedeutung für die in Deutschland befindlichen Ostjuden, die Adressen von Angehörigen über See zu erfahren. Wie sich täglich zeigt, sind die Verwandten in den überseeischen Ländern in höchstem Maße hilfs- und opferbereit. Sie übersenden Schiffskarten und Geld und besorgen auch die nötigen Papiere. Ten einzelnen Emigranten wie auch der jüdischen Emigrationsbewegung werden dadurch unschützbare Dienste geleistet. Wir lassen nachstehend eine zweite Liste von Vertrauensleuten folgen, die sich freundlichst für die Vermittlung bei Personalrecherchen zur Verfügung gestellt haben. Beuthen: Rechtsanwalt Dr. Georg Ehrlich, Kaiser-Franz-Joseph-Platz; Bon n: Kantor I. Baum, Marienstraße 2; Danzig: Rabbiner Dr. Kälter; Eisenach: Lehrer und Prediger Ernst M eher, Hospitalstraße; Elberfeld: Leo Rindskopf, Wotanstraße 7, Telephon 2522; Erlangen: Lehrer Leopold K a tz , Dreikönigstraße; F r e h st a d t (N.-Schl.): F. S a n d b e r g e r; H e i d e l b e r g: Ernst Carlebach, Anlage 23; Kaiserslautern: Juftizrat Dr. Nheinheimer; K i e l: Sanitätsrat Dr. Jacob, Ringstraße 43: K o l b e r g: Rabbiner Dr. G o l d s ch m i d t; K önigsberg i. Pr.: Lehrer Max Hosfmann, Köttelstraße 11; Königs Hütte: Rechtsanwalt Alexander M ü l l e r, Poststraße 2; Leipzig: Heinrich Rosenthal, Israelitische Religionsgemeinde, Löhrstraße 10; L i e g n i tz: Max Silber mann. Neue Goldbergstraße 7; Ludwigshafen: S. Wetzler: Nördlingen: David S t e r n g l a n z; R ü r n b e r g: Max L a m m , Lenbachstraße 5; O f fe n b a ch a. M.: Rabbiner Tr. T i e n e m a n n; Osnabrück: Frau Sara Frank, Krahnstraße 34; Plauen: Prediger Emanuel H e i m a n n; Rat h e n o w: Hans Jacob sohn, Steinstraße 32:- S t e t t i n: S i m o n , Sekretär der Shnagogenaemeinde; Zittau: Prediger B o l l a k. M. F. Berlin, 22. November. Aus Anlaß des 60. Geburtstages des Malers L e s s e r U r y, den die Berliner Sezession am 7. November zu ihrem Ehrenmitglied ernannt hat, sei daran erinnert,' daß kein Geringerer als Bis m a r ck einmal die (von Busch, „Tagebücher", Band I, Seite 545) wiedergegebene grundfalsche Behauptung aufgestellt hat: „Es gibt keine jüdischen Landschaftsmaler, wohl überhaupt keine jüdischen Maler." Es war das allerdings nur ein Tischgespräch in Versailles, und einige Herren der Tafelrunde nannten damals dem Chef: M ey er h ei m und Ben demann. „Ja," erwiderte Bismarck, „Meyerheim; aber Bendemann hat wohl nur jüdische Großeltern gehabt. Jüdische Komponisten, da gibt es viele, M e h e r b e er, Mendelssohn, Halevy, aber Male r, der Jude malt wohl, aber nur, wenn er es nicht nötig hat..." Bismarck zeigte sich hier, gelinde gesagt, wenig orientiert. Paul Meherh e i m war kein Jude, auch wohl kaum jüdischer Abstammung; sein Vater, Eduard Meyerheim in Danzig, war Genremaler, wird aber in keinem Künstlerlexikon als von jüdischer Abstammung bezeichnet. Eduard Bendemann, dessen schönes Bild. „An den Wassern Babels hingen wir unsere Harfen auf" m vielen jüdischen Häusern als Wandschmuck dient, ebenso wie sein Bild „Jeremias", starb 1889 als Direktor der Kunstakademie in Düsseldorf, und war vorher Akademiedirektor in Dresden; er war gar kein Landschaftsmaler, sondern bevorzugte die Freskotechnik... Daß „der Jude" keinen Landschaftssinn hat, ist eine schon von Bogumil Goltz aufgestellte falsche Behauptung; im Getto allerdings konnte es keinen jüdischen Maler geben, da man den Juden jeden Fuß breit Land sperrte. In unserer Zeit gab es jüdische Maler (auch Landschaftsmaler) zu vielen Dutzenden; es sei neben L. U r h nur an I. Israels, an Max Liebermann, Professor B. Becker (München), H. Struck erinnert. Daß „der Jude" keinen „romantischen Natur sinn" habe, ist ein alter, auch von L. Friedlünder in seiner „Sittengeschichte Roms", ferner von G u r l i t t u. a. aufgestellter Unsinn. Man denke nur an unsere Psalmen, so an unser Gebet „Vorchi nafschi" mit seinen herrlichen Naturschilderungen. Im mittelalterlichen Getto allerdings eingepferscht malte „der Jude" schon aus religiösen Gründen nicht... Bismarck ging im Park von Versailles mit dem späteren Präsidenten S i m s o n am 19. Dezember 1870 spazieren, und auch hierüber berichtet Bismarck, der Simson sonst sehr hochschätzte: „Ich dachte, er würde sich auch für den Park und die hübsche Aussicht in ihm interessieren, aber er zeigte nichts davon. Es scheint, daß ihm aller landschaftlicher Sinn verschlossen ist. Es gibt viele Juden, bei denen das der Fall ist."... Nun, Simson dachte im Park von Versailles schon an die am 18. Januar dort von ihm vorzutragende K a i s e r p r o k l a m a t i o n, bei der (nach Kaiser Friedrichs Tagebuch) wohl kaum ein Auge ganz ohne Tränen blieb. — Berlin, 22. Novembr. Die Britische Bibelgesellschaft hat die Bibel wiederum in einer Reihe neuer Uebersetzungen herausgegeben und ist augenblicklich damit beschäftigt, weitere Ausgaben in vierzig neuen Sprachen zu veröffentlichen, während im> letzten Jahre zehn solcher neuen Uebersetzungen erschienen waren. Die Ausgaben des letzten Jahres wurden unter anderem gedruckt auf: Benda (Nord^ transvaal), Popo (Togo), Tangale (Nordnigeria), Chokwe (Angola), Hmar (Assam), Patvatar (Bismarck-Archipel), Pao (Nhassasee) u. a. Mehrere Missionen werden in Kürze England verlassen, um den vorerwähnten Völkern die Bibel in ihrer Sprache zu bringen. M. F. Tilfit, 18. November. V o r t r ä g e j ü d i s ch e r Dichtungen. werden (namentlich hier in Ostpreußen) wohl, kaum aus materialistischen Spekulationen heraus veranstaltet, denn die Christenmenschen kann man bei solchen Veranstaltungen hier im Osten mit der Lupe suchen, sondern es handelt sich hier um Anerkennung der Gleichberechtigung aller Kunst ohne Stammes- und Rassedifferenzieruug. Deshalb verdient der junge R. Jelikoff vom Stadttheater in Tilsit Aufmunterung, weil er einen Rezitationsabend ausschließlich jüdischer Dichtungen jetzt mit Erfolg in der Tilsiter Vürgerhalle veranstaltet hat. F. K. Eschmann, der angesehene Kritiker der „Tilsiter Allgemeinen Zeitung", schreibt hierüber in der Numma\ vom 5. November: „Das Spezialgebiet jüdischer Dichtungen ist zweifellos sehr reich, nicht bloß an Menge reich, sondern reich an seelischen Feinheiten, reich an starken inneren Werten. Was R. Jelikoff während der fast zwei Stunden an Rezitation jüdischer Dichtungenbot, war viel kostbares literarisches Gut. Er begann mit Beer-Hofman ns „Jaakobs Tr aum" und ging dann zu Morris Rosenseld, Jizchok Leib Perez, Chaim Nachmann Bialik, Markus Spektor über. Das Zwischenstück bildete Hugo Zucker manns außerordentlich stimmungsvolle Lyrik. „Verloren? Jugend" und „Sephira" waren in ihrer Schlichtheit und Resignation ergreifend; die Sachen sind mit echter Dichterkraft und einem hohen Maß von Innerlichkeit gestaltet („Mein Kind!"). Von Perez würde leider nur die Prosaskizze „Bonze hat geschwiegen", die durch ihren rührenden Ausklang wirkte, vorgetragen. Köstlich in ihrer Art, entfesselte Spektors Prosaskizze „Der Streik der Schnorrer" (Diese Skizze ist von Schalom Aleichem, nicht von. Spektor. D. Red.) Stürme der Heiterkeit. Bialik kam sehr zu kurz; sein Gedicht „So manchmal sucht 'ne Perle man" wirkte durch den humorvollen Sarkasmus. Das zahlreiche Publikum würdigte den künstlerischen Ernst und das ernste Wollen des jungen Künstlers und spendete reichen Beifall, obwohl in der heutigen ernsten Zeit heitere Borträge mehr äußeren Erfolg gebracht hätten..