Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 281 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229506--76481-3289078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
281 fertige Bevorzugung einer einzelnen D-aseinsmacht,.uird sei es sogar der Wissenschaft oder der quietistischen Anbetung Gottes, gestört wird. Selbst die edelsten Neigungen und Triebe dürfen ihre Grenzen nicht überschreiten, damit die Entfaltung des inneren Reichtums ermöglicht, daß der Mensch eine Einheit und Ganzheit werde und das wahre Glück aus Erden finde. Mit diesem Anklingen einer ästhetischen -Lebensauffassung und mit dem im tiefsten Sinne jüdischen Gedanken, daß der ganze seelische Gehalt und das ganze handelnde Leben geweiht und geadelt werde durch Maß, Ordnung und Beschränkung, entläßt uns Saadia, der erste shstembildende Denker -des Judentums. - Ser JFall Lerjgck. (7. Forts.) Von Lydia A u e r b n ch. WM amt Wersen Sie den Verdacht wohl auf einen anderen Ihrer Glaubensgenossen?" „Ich glaub' n-ich, daß -es getan hat ein Jüd überhaupt, doch Menschen sind wa doch alle, wer kann's wissen? Aber ums Mut, -da schwör' ich bei Gott und mein Leben tausendmal: ums Blut unmöglich!" „Darüber werden wir die Herren Sachverständigen hören. Herr Professor Karneuden. wollen Sie bitte Ihre Ansicht über den jüdischen Osterbrauch äußern." „Gegen den Herrn Sachverständigen Professor Karneuden protestiere ich," erhob sich der Verteidiger Justizrat Gordonna. „Aus welchem Grunde?" „Weil der Herr Professor eine Broschüre ,Wi-e schützen wir unsere Kinder z-ur Zeit des jüdischen Osterfestes?' geschrieben hat." „Die in kurzer Zeit vergriffen war," bemerkte -der Staatsanwalt. „Leider", fügte der Verteidiger hinzu; „ein Beweis für ihre Notwendigkeit," bemerkte sein Gegner. Dem Verteidiger schnitt der Vorsitzende das Wort der Entgegnung ab: „Da die Verteidigung den Herrn Sachverständigen für besangen hält, müssen -wir durch Gerichtsbeschluß . . ." „Gleichzeitig beantrage ich den -Gerichtsbeschluß über -die Zulassung des zweiten Sachverständigen Herrn Doktor Assawengu mit der Begründung, daß er Herrn Professor Karneudens tiefdurchdachte, logische Schrift durch eine recht anfechtbare Gegenbroschüre bekämpfte." „Der wissenschaftliche Ernst derselben erhebt Herrn Doktor Assawengu über jeden Verdacht der Voreingenommenheit für die von ihm Verteidigten," bemerkte der Justizrat. „Welchem besagten Verdachte ihn seine jüdische Abstammung doch wieder aussetzt," antwortete der Staatsanwalt. „Dr. Assawengu ist der Sohn im Christentum geborener Eltern," sagte hierauf der Verteidiger. „Deren Eltern jedoch gute Israeliten waren, bis sie ihren Glauben wechselten," entgegnete der Staatsanwalt. „Ich muß bitten, sachlich zu bleiben," unterbrach der Vorsitzen-de. „Herr Ju-stizvat, beharren Sie bei Ihrem Proteste?" „Da der Antrag des Herrn Staatsanwalts besteht, ja." „Mit dem Proteste der Verteidigung fällt der meine." „Dann ziehe ich meinen Einspruchzurück," sprach der Verteidiger. „Herr Professor Karneuden, gebrauchen die Israeliten zur Feier ihres Osterfestes nach der Meinung wissenschaftlicher Autoritäten M-eNschenblut?" lautete die Frage des Vorsitzenden. .Zweifellos. In -der Nacht, in welcher sie vor 3400 Jahren, undankbar, wie dieses Volk ist, das gastliche Aegypten heimlich verließen, bestrichen sie auf ihres- Gottes Befehl die Pfosten ihrer Häuser mit Lammblut. Natürlich gebrauchten sie nicht den vollen Blut-inhalt des Tieres zu diesem Wahrzeichen. Wollen Ph-ilosemiten nun etwa -behatlpten, daß die doch von jeher — nun, ich will sagen .sparsamen' Hebräer den übrigen Lebenssaft sovtge-gossen haben, weil sie ja ums Himmels willen kein Blut genießen dürfen? Ich bin der gesunden Ansicht, daß sie es recht ausgiebig verwendet haben. Durch das Bestreichen der Pfosten wollten sie den die Erstgeborenen der Aegypter hinmähenden Todesengel bedeuten: Hier wohnen Juten, geh' vorüber; ihr Charakter ist ja so durch und durch selbstsüchtig und gleichgültig gegen alle Andersgläubigen; mochte der Tod das Glück ihres Wirtsvvlkes vernichten, wenn er nur die Inden verschonte. Durch das genossene Lebenselement des Tieres wollten sie ihre wilden Triebe -anfachen und erhalten, welche den Haß gegen ,-die andern' nicht einschlafen lassen sollten. Seit jener Nacht vergeht kein Jahr, in -welchem das auserwählte Volk nicht das Blut eines unschuldigenLammes vergießt. Vor bal-dlSOOJahren wählten sie das unschuldigste der ganzen werten Welt, undseit dieser Himmel und Erde bewegenden Bösartigkeit opfern sie statt des Tieres -den Menschen." Ein Ruf unterbrach ihn; Rabbi Jehuda war es, der ihn ausstieß entsetzt — unwillkürlich: „Solange die Erde steht und der Himmel aufgerichtet wurde vom allmächtigen Ungenannten, ist solches nicht geschehen in Israel." Da der Vorsitzende schwieg, räusperte sich der Staatsanwalt vernehmlich. „Sie haben sich hier jeder Aeußerung zu enthalten, bis Sie zum Sprechen ausgefordert werden", maßregelte nun der Vorsitzende. „Herr Sachverständiger Dr. -Assawengu, wollen Sie, bitte, Ihre Ansicht zu dem in R-ede stehenden Punkte äußern." Dieser führte nun aus: „Durch Widerlegung der auf Irreführung urteilsloser Leser berechneten Behauptungen der Skribenten, denen Herr Professor Karneuden seine Urteile über israelitische Gebräuche und -deren Ursprung entnimmt, werde ich die Unhaltbarkeit seiner Ausführungen beweisen. Das in jenen Schriften als so edel hingestellte Volk -der Aegypter verdankte jüdischer Umsicht und jüdischem Organisationsgeist seinen Fortbestand; ohne den jüdischen Minister des Pharao wäre es während einer sieben Jahre lang herrschenden Hungersnot zugrunde gegangen. Jahrhundertelanger Fleiß, Genügsamkeit, Enthaltsamkeit führten die ägyptischen Israeliten zu reichem Besitze; ein nach, wenn auch ungeschriebenen hygienischen Grundsätzen geführtes Leben brachte ihnen den Segen einer zahlreichen kräftigen Nachkommenschaft. Diese Werte neidete ihnen das zeitgenössische Aegyptervolk. Den boshaften Quälereien und - Grausamkeiten, denen die Israeliten nun ausgesetzt -wurden, bereitete -eine Epidemie in Aegypten ein Ende; hetzende Bolksaufwiegler trieben -die Massen a>n, die Schuld an ihrem Unglück auf die Juden zu schieben und einen Tag für -einen furchtbaren Pogrom festzusetzen. Das bedrohte Volk der Juden wanderte zu rechter Zeit aus. Ihr letztes Mahl in dem ungetreuen schlimmen Lande bereiteten sie aus dem Bestände ihrer Herden, welche sie ja doch nicht mitführen konnten; noch während sie aßen, gingen die Ordner herum, um zur Eile anzutreiben; das von dem großen Veranstalter des Auszuges bestimmte Zeichen, ein Fleck an den Hauspfosten, hingestrichen mit etwas Blut des verzehrten Tieres, bezeichnet^ den Ordnern die Wohnstätten der Israeliten, denn diejenigen der Aegypter mußten sie natürlich vorsichtig vermeiden. Um kein Aufsehen zu erregen, -waren die Abschlachtungen in unterirdischen Höhlen und in Kellern vor-