Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 280 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Neb-ersetzungen der griechischen Philosophen wurden angefertigt, das Griechentum drang auch in die islamitische Welt ein und wurde hier im Sinne der neuen Religion umgebogen, wie es vorher die Entwicklung der christlichen Lehre stark beeinflußt hatte. ' Hellenische Art und Bildung ist eben eine jener wenigen wahren Geistesmächt-e, die in der Menschheit zu starke Wurzeln geschlagen haben, um jemals ganz zu verschwinden. Das war die zweite Ehe, die der griechische Geist geschlossen: zuerst mit dem Christentum vermählt, hatte er sich nun auch mit dem Islam verbunden. Die Juden in der mohammedanischen Welt konnten die neue Zeitströmung nicht ignorieren, besonders da auch eine innere Auseinandersetzung mit dem Karäertum als Lebensnotwendigkeit sich herausstellte. Die jüdische Persönlichkeit, die die Ausgleichung des Judentums mit der allgemeinen Kultur in diesem Stadium vollzog, war Saadia ben Josef, der seine reiche Lebensarbeit als Gaon. dh. Rektor der talmudischen Akademie zu Sura in Babylonien, entfaltete. Er war der Geist, den die Epoche brauchte. Er hat den Besten seiner Zeit genug getan: ein Mann von einem erstaunlichen Umfang des Wissens, der nicht bloß die griechische Philosophie und arabische Theologie, sondern auch in weitestem Ausmaß die jüdische Literatur, die Bibel und die gesamte Ueberlieferung mit Meisterschaft beherrschte. Eine energische Natur mit dem klaren Blick für die Forderungen des Zeitgeistes, ein durchdringender, scharfer Verstand mit einer starken Anlage zur methodischen, systematischen Behandlung des Wissens, ein Charakter, der für die Geltung seiner jüdischen Weltansicht in die Arena trat, besonders, wo es sich um die Auseinandersetzung mit dem inneren Feind, der Karäersekte, handelte, aber dem der Kampf nicht Selbstzweck war, sondern nur ein Mittel zur Ueberbrückung der Extrems und Umbiegung der Spitzen, so daß er mit Recht ein Vermittlungstheologe genannt werden kann. Im Gegensatz zu Philo war Saadia eine tatkräftige, polemisch gerichtete, im Leben stehende und mit dem Leben ringende und sich durchsetzende Persönlichkeit. Seine Vielseitigkeit ist bewunderungswürdig und dabei auf Vertiefung in allen Wissensgebieten bedacht: ein hervorragender Talmudist, ein unschätzbarer Bibelübersetzer und Bibelerklärer, ein Philosoph von meisterhafter Dialektik. Wie in einem Brennpunkt vereinigen sich alle Strahlen seines Geistes in seinem für die Entwicklung, des Judentums grundlegenden Werke „Glaubenslehren und Vernunftansichten" (Emunoth we-Deöth). Mit dieser Schrift wollte er die Berechtigung und unverwüstliche Lebenskraft der jüdischen Weltanschauung vor den gebildeten Mohammedanern auszeigen und gleichzeitig innerhalb des Judentums vor den Traditionsgbgnern und den religiösen Skeptikern, deren es damals nicht wenige gab, den wahren Gehalt der jüdischen Religion rechtfertigen und begründen. In dieser Absicht stimmt er mit Philo, den er gelegentlich einmal erwähnt und dessen Schriften jüdische Kreise damals noch kannten, überein. Wie der alexanürinische Weise sucht jetzt der Gaon Saadia eine Versöhnung der jüdischen mit der allgemeinen Lebensansicht herbeizusühren, wiederum bei voller Betonung der Selbständigkeit, Eigenart und Ursprünglichkeit des jüdischen Geistes. Wohl erreicht Saadia nicht die gedankliche Tiefe Philos, aber dafür hält er sich von der gewaltsamen Allegorisierung und Symbolisierung des Judentums so fern, und ist bei ihm die Natürlichkeit der methodischen Entwicklung so überzeugend, daß er mit Recht als der Vater der wissenschaftlichen und systematischen Darstellung der jüdischen Weltanschauung gilt. Ihm ist vollendete Geistesklarheit mit Abweisung aller Mysterien und alles blinden Autoritätsglaubens eigen. Die Vernunfterkenntnis ist ein gleichberechtigter Faktor neben der Heiligen Schrift und der Ueberlieferung des Judentums. Sie hat die unbedingte, notwendige Aufgabe, die Offenbarung zu begründen und zu rechtfertigen. Gott kann nichts vom Menschen verlangen, was der Vernunft widerspricht, sowie die Existenz Gottes von der Vernunft gefordert und durch das Dasein der Welt bestätigt wird. Unantastbar ist für Saadia die Einheit und Einzigkeit Gottes, die er gegen den Dualismus arabischer Denker seiner Zeit und gegen die Trinitätslehre des Christentums verteidigt, und die mit der Glaubensgrundlage des Islams übeveinftimmt. Die Unbildlichkeit und Geistigkeit des höchsten Wesens darf durch vermenschlichende Attribute nicht getrübt werben. Wie Philo, weist auch er alle Anthropomorphismen und Anthropopathien mit Entschiedenheit zurück. Alle göttlichen Erscheinungsweisen gehen auf die drei Attribute: Leben, Macht und Wissen zurück. Hier sehen wir die Einwirkung des religiösen Milieus auf die saadianische Denkweise. „Gott ist groß, Gott ist allmächtig" wiederholt der Islam mit nie ermüdend er Monotome, während das Judentum in Gott gleichsam die Verkörperung deS Heiligkeits- und sittlichen Reinheitsprinzips erblickt. Aus der -bewußten Hervorhebung der göttlichen Allmacht ergibt sich für Saadia die Anerkennung der durch Gott gewirkten Wunder, die den Naturgesetzen nicht widerstreiten, aber anderseits die Einschränkung des Engelglaubens und die völlige Negierung der Existenz böser Geist, die ihn im Satan bei Hiob den zweifelnden, galligen Menschen sehen läßt. Unbestreitbar ist für Saadia die Schöpfung der Welt aus dem Nichts, die unbedingte Willensfreiheit des Menschen, die jenseitige Vergeltung, die Auferstehung der Körper, die eintreten wird, wenn die Gesamtheit aller Seelen ins Dasein gerufen ist. So ist unser Philosoph in völliger Uebereinstimmung mit der strenggläubigen Auffassung des Judentums. Trotz alledem ist Saadia von der Autonomie der Vernunft aufs tiefste überzeugt, so daß er sie der Offenbarung überordnet und dieser nur eine relative, nicht aber eine absolute Notwendigkeit zuerkennt. Was die Offenbarung verkündet, kann auch die Vernunft finden. Aber nur in allmählicher Entwicklung würde die Philosophie aus sich heraus die für die Menschheit unentbehrlichen höchsten Wahrheiten erschöpfen, und viele kämen aus Mangel an geistiger Energie niemals in den Besitz dieser wertvollsten Lebensgedanken. Ueberdies gibt die Weltweisheit stets nur allgemeine Prinzipien, deren Uebertragung und Auswirkung im tätigen Daseinsie der Religion überläßt. Damit ist die -unabweisbare Gültigkeit der Offenbarung anerkannt und der Rationalismus auf seine notwendigen Grenzen zurückgeführt. Aber diese Auffassung von der alles überragenden Selbständigkeit der Vernunfterkenntnis führte Saadia zu einer Folgerung, die zum ersten Male im Judentum gezogen wurde: zur Loslösung der Ethik von der Religion. Er behauptet mit vollendeter Bestimmtheit, daß nur infolge der Verwerfung des Mordes, des Ehebruchs, des Diebstahls und der Lüge durch das sittliche Bewußtsein des Menschen diese Gedanken ihre Allgemeingültigkeit besitzen, nicht aber etwa auf Grund ihrer Abweisung durch die Religion. Sittlichkeit beruht überhaupt nur aus klarer und richtiger Erkenntnis, wie schon die griechischen Philosophen, besonders Sokrates, hervorgehoben hatten. Eine natürliche Moral erscheint Saadia auch ohne Religion denkbar. Das Vergeltungsprinzip gehört nicht in die Ethik, die nur Konsequenzen einer Tat, aber nicht Lohn und Strafe kennt. Durch die Verknüpfung von Religion und Sittlichkeit, wie das Judentum sie vollzogen hat, wird allerdings ein strengerer Gehorsam gegen -das moralische Gesetz erreicht, sowie die von der Offenbarung verheißene Belohnung oder angedrohte Bestrafung die echt sittlichen Beweggründe verstärkt. Worin aber besteht das ethische Ideal? Ausschließlich in der Herbeiführung der allseitigen Harmonie der Lebenskräfte und seelischen Funktionen, deren Gleichgewicht durch die ein-