Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 279 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229506--76479-3289076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sellins Buch höhnend ausrufen können, weil in diesem Dutzende von Anklagen, die Delitzsch gegen das althebväische 7 Schrifttum erhoben hat, gar nicht berührt sind. Ebendeshalb, um diesen Hohn der Gegner unmöglich zu machen, habe ich auch in der KrM des zweiten Teiles von Delitzschs „Die große Täuschung", die unter dem Titel: „Wie weit hat Delitzsch rechtkürzlich erschienen ist und Sellin noch nicht bekannt war, eine lückenlose Nachprüfung der Delitzschschen Anwürfe durchgeführt und darf hoffen, daß diese meine Kritik ihren gewiesenen Platz in der Kampffront für die geistesgeschichtliche Stellung der althebräischen Kultur behalten wird. Geheimrat Ed. König (Bonn). Line hebräische Ouelie über dir grplsnte Lrobrruny Oalättinss durch Nie Juden. Du der vorletzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" hat Professor Krauß zwei Briefe mitgeteilt, die sich urschriftlich im Germanischen Museum zu Nürnberg befinden. In ihnen wird von einer „Verschwörung der Juden" gesprochen, das Heilige Land mit Waffengewalt zu erobern. Ein zu Magdeburg gebürtiger Augsburger Bürger, allem Anschein nach ein wirrer, geisteskranker Mann, der sich als „Amalekiter" ausgäb, behauptete in Berlin, daß er von seinen Vorvätern Weissagungen besäße, Göttin (Schweden) und das „heilige Land" zu erobern. Zwei Geister wären ihm erschienen und hätten ihn geheißen, einen Kriegszug in den Orient zu unternehmen. Man fand bei ihm reichliche Geldmittel und Briefe, aus denen hervorging, daß über zweihunderttausend Hauptleute, in Italien, der Schweiz, Frankreich, Ungarn und Spanien sich mit den Juden der ganzen Erde verbänden, erst Schweden zu erobern und dann eine zehnjährige Expedition ins Morgenland zu unternehmen, um das „heilige Land" für die Juden zu erobern. Man hatte es augenscheinlich mit einem geisteskranken Mann zu tun. Da aber gleichzeitig das Gerücht verbreitet war, daß man bei den Juden in Krakau mehr als vierzig Wagen Schießpulver gefunden- und daß die Juden in Prag allen Salpeter in Deutschland für ein Jahr oder gar für fünf Jahre — wahrscheinlich zur Pulverfabrikation — ausgekauft, hatte Kurfürst Joachim 11. von Brandenburgs den geheimnisvollen Mann in Fesseln legen lassen und beschlossen, obwohl ihm Edelleute, wie die von der Schulenburg, mehrere hunderttausend Gulden als Kaution anvoten, den Gegangenen dem Kaiser auszuliesern. Daß man es aber in dieser Mitteilung höchstwahrscheinlich doch mit etwas mehr als mit den Hirngespinsten eines Kvrnken zu tun gehabt hat, beweist eine Nachricht, die Isaak ben Abraham Akrisch in der Einleitung zu seinem „Kol mebasser" (Die Stimme des Heilsboten) mitteilt/Isaak Akrisch gehört zu den Nachkommen der 1492 aus Spanien vertriebenen unglückseligen Juden, die, von Ort zu Ort gejagt, heimatlos während ihres ganzen Lebens umherirrten. Sein Schicksal war um so tragischer, da der grundgelehrte Mann ein bejammernswerter Krüppel war. Nach laugen Irrfahrten durch Europa war der Jüngling nach Kairo gekommen, wo er im Hause des berühmten Oberrabbiners von Aegypten David ben Salomo ibn Abi Zimra gastliche Ausnahme fand. Er war hier während zehn Jahren Hauslehrer der Enkel und Urenkel des greisen Oberrabbiners. Er reiste dann über Candia nach Konstantinopel, wo er zuerst in Ester Kiera, später in Don Josef Raßi/ dem Herzog von Naros, einen hochfinnigen Gönner fand. Um das Jahr 1577 hat er hier das genannte Werk (Kol mebasser) veröffentlicht, den Brief des Chasdai ibn Schaprnt an den Ghazarenkönig. In der Einleitung zu dieser.^ Ausgabe^ berichtet er von mehreren Versuchender ^Juden, das „heilige Land" in ihren Absitz zu bekommen: Er erzählt dabei das Fylgende: „Ich habe mit eigenen Augen einen Brief gesehen-,'den - Jehuda AngelovonSasetgesandthat. Eswar, als ich15 Jahre alt war, vor jetzt (1577) etwa 32 Jahren, tat Jahre 1545. Im Briefe stand, daß die Stämme Israels in-der Zähl von Tausenden und Zehntausendm, siebzigmal so viel, wie einst aus Aegypten gezogen, nach Safet gekommen. Er gab auch ihre Fahnenzeichen, ihre Bannerfarben und den Namen ihres Königs an. Aber nicht genug, daß Jehuda Angeld solche Fabeln erdichtete, er sorgte auch für ihre Verbreitung, so daß die Nachricht zu den Ohren von Nichtjuden kam, die darum uns und unsere Lehre vevspottete«>."-- Es spricht sehr viel dafür, daß hier ein Gedächtnissehler bei Isaak Akrisch vorliegt, der eine Kindheitserinnerung an ein Ereignis, das sich vor 37 Jahren abgespielt, als ein solches vor 32 Jahren bezeichnet. Wahrscheinlich ist der Lügenbrief des Jehuda Angelo auch nach Deutschland, gelangt. Die merkwürdige Nachricht mag dann in irgendeiner Form dem Augsburger Bürger zu Ohren gekommen sein und den armen Kerl völlig verwirrt haben. Aus weiteren Quellen über die messianische Bewegung von 1540 beabsichtige ich au anderer Stelle eingehend zu berichten. Landesrabbiner Fr. Rieger (Braunschweig). 7 Sie Lkvensantchauungkn der großen Milchen Denker. Von Nabbimr Dr. Löwensta-mm (Spcmdäu). ' II. . Saadia (892—942). enn man von Philo zu Saadia kommt, ist es, als ob man aus dem.mystischen Dämmer der Nacht in die klare Helle des Tages träte. Auch Saadia ist in Aegypten geboren. Aber die Welt und ihre geistige Struktur hatten in diesen neun Jahrhunderten eine durchgreifende Aenderung erfahren. Die das Völkergewirr des römischen Reiches einende griechische Kultur war untergegangen, der Hellenismus war dahin, und das Christentum und der Islam waren als Erben der Antike die beherrschenden Mächte der zivilisierten Menschheit geworden. Der Monotheismus hatte sich durchgesetzt. Der Kampf gegen das Heidentum war vollendet. Auch im Judentum war eine gründliche Umwälzung erfolgt. Der jüdische Staat und das Zentralheiligtum in Jerusalem hatten aufgehört zu sein. Damit war die Selbstbesinnung der Judenheit auf ihre geistigen Güter und die ausschließliche, weitestgehende Durchbildung ihrer religiössittlichen Weltanschauung gegeben. War zur Zeit Philos die Durcharbeitung der Traditionslehre noch im Anfangsstadium, so hatte diese mii dem Abschluß des Talmuds ihren Höhepunkt erreicht. Ja allmählich war bereits eine Stagnation im jüdischen Geistesleben eingetreten, man ruhte epigonenhaft auf den Errungenschaften der Vergangenheit aus, und als Reaktion gegen die Uebertreibung des Tvaditionsprinzips war der Karäismus entstanden, der seinerseits für die Rabbaniten der Ansporn zur Beschäftigung mit der Quelle, ihrer Lebensanschauung, der Bibel, und der damit bedingten Pflege der hebräischen Sprachwissenschaft wurde. Noch trieb der jüdische Geist keine neuen Blüten und drohte zu versumpfen. Erst durch die mächtige Einwirkung, des Islams wurden große Kräfte auch im Judentum lebendig. Denn die Mohammedgläubigen, anfangs der Bildung vielleicht abgeneigt, begannen zu fühlen, daß Religion ohne Wissenschaft sich auf die Dauer nicht zu halten vermag. Durch die heidnischen Syrer wurden sie mit den Uebervesten hellenischer Kultur vertraut, arabische