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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-11-25 · Heft 24 (25.11.1921) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 24 (25.11.1921)
Date
1921-11-25
Page
Seite 278 (sequence 8)
Language
German
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27S auch nicht damit, unter Leitung seines großen Meisters Sulzer mrt' durch eigene Studien sich mit allem überlieferten Wissen de? jüdischen Gottesdienstes genau vertraut zu machensondern er erkannte, daß man auch den wissenschaftlichen Hintergrund all dieser bald, ernsten, bald frohen Weisen erforschen müsse. Und so beschäftigte er sich Jahrzehnte hindurch in rastloser Arbeit mit der Geschichte des Gottesdienstes und besonders des Synagogengesanges, der ein Spiegelbild ebenso der wechselnden äußeren Schicksale wie der religiösen und geistigen Strömungen innerhalb des Judentums darstellte. Diese Kenntnis verlieh seinem Gesang die Andacht, die einzig dastehende innere Ergriffenheit und Beseeltheit, die seinen Vortrag auszeichnete und sich allen Betern Mitteilte. Die von ihm ausgehende, fast geheimnisvolle Wirkung, sie entsprang aus nichts anderem, als daß uns die -ganze Jnhaltsfülle der jüdischen Seele daraus entgegenklang. Die Tränen, die unsere Väter aus ihrem langen Leidenswege geweint, die Gottesinnigkeit und Ergebung, mit der sie auch das Schwerste ertragen haben, ebenso wie die durch kein Leid erschütterte, immer wieder kühn sich emporringende Hoffnung auf dereinstige Erlösung: alles wußte er in seinen Vortrag hineinzulvgen und hat damit mehr als irgendein gesprochenes Wort vermocht. „Er ging hinaus und schloß das Tor nach seinem Fortgange." Dies Wort, es ist nicht etwa in dem Sinne zu verstehen, daß er sein Bestes mit sich nahm und daß es unwiederbringlich für uns verloren ist, sondern im höheren Sinne, daß er gerade dafür Sorge trug, daß der Schatz des Chasonus, des traditionellen Synagogengesanges, wohlgehütet erhalten blieb und daß jeder andere, der in seine Fußtapfen treten wolle, aus demselben Schatz schöpfen könne, um die Gemeinde zu Gott emporzutragen. So ist Birnbaum zugleich Lehrer und Erzieher von kommenden Generationen von Vorbetern geworden und seinen zahlreichen Freunden und vor allem denen, die ihm im Leben am nächsten standen und am meisten an ihm verloren haben, bleibt der wehmütige Trost, daß sein Name unvergessen fortleben werde und nicht nur in der Königsberger Gemeinde, sondern auch im Kreise seiner Berufsgenossen sowie bei allen, die Verständnis haben für die Bedeutung unseres altehrwüvdigen Gottesdienstes. In Andacht und Ergriffenheit lauschte die Versammlung den Worten der Redner, an die sich der Vortrag des El mole rachamim in der Birnbaumschen Vertonung schloß, das Kantor Wollheim, der langjährige Amtsgenosse des Verklärten, stimmungsvoll zu Gehör brachte. Die ganze Feier, umrahmt von Chorgesängen Birnbaumscher Kompositionen unter der Leitung des trefflichen Dirigenten Badrian, war eine Weihestunde religiöser Erhebung, durch die die dankbare Gemeinde nicht nur dem Heimgegangenen, sondern auch sich selbst die schönste Ehrung erwiesen hat. Wir aber rufen dem lieben Freunde nach: Das Andenken an diesen gottbegnadeten Mann bleibt zum Segen! Aene tzilke im Lsmpk grsrn Drlitzlch. rnst Sellin, der sich um die Ausgrabungen in Palästina so verdient gemacht hat lind im nächsten Wintersemester eine ordentliche Professur für das Fach des Alten Testaments zu Berlin antreten wird, hat soeben eine Schrift unter dem Titel: „Das Alte Testament und die evangelische Kirche der Gegenwart" (103 Seiten) bei Deichert in in Leipzig erscheinen lasten, worin er sich energisch mitDelitzschs Angriff auf die kulturelle Bedeutung des althehräischen Schrifttums auseinandersetzt. Die dabei von Sellin eingenommene Stellung kann aber kürz durch folgende Striche gekennzeichnet werden. Sellin erkennt allerdings Mit Recht zunächst an. daß die althebräischen Geschichtsbücher einzelne Widersprüche mit sich selbst und auch Anzeichen eines seiner Vollendung entgögenschreitenden Religionswesen besitzen. Aber dann weist er in überzeugender Weise nach, daß jenes althebräische Schrifttum mit seinenreligiösen und sittlichen Hauptgedanken über die babylonische und alle anderen Religionen des Altertums weit hinausragt. Auch würdigt er die Propheten als die glänzenden Führer auf der Entwicklungsbahn des altisraelitischen Kulturstrebens und zeigt, daß Jesu religiössittliche Ideale mit denen jener Bahnbrecher harmonisch zusammenstimmen. Deshalb bezeichnet er am Schlüsse seiner Auseinandersetzung Delitzschs herostratischen Plan, die altisraelitischen Religionsschriften aus dem Bereiche der Religionsgeschichtsurkunden äuszuschalten, als ein Ansinnen, das nicht bloß zu einer unmöglichen Isolierung der urchristlichen Bücher, sondern.auch zu einer Beraubung der: Kulturgeschichte des. Altertums. und zu einer Zerstörung einer Hauptgrundlage für das Verständnis der Kunst- und Literaturgeschichte aller neueren Völker führen müßte. Diese tapfere Abwehr des neuesten Attentats gegen die kulturgeschichtliche Stellung des althebräischen Schrifttums kann aber aus mehreren Gründen doch nicht zu einem vollen Siege führen. Denn vor allem preist Sellin zwar die großen Prophetengestalten Israels als die Herolde der höchsten vorchristlichen Ideen über Religion und Moralität. Aber er schweigt sich ganz über den Ausgangspunkt dieser ihrer religiös-sittlichen Führerrolle aus. Die Zeugnisse dieser Männer über ihren Gottesperkehr und die in ihm gewonnenen spezifischen Erkenntnisse berührt er mit keinem Worte. Sein Verfahren gleicht dem eines Malers, der die Früchte eines Baumes nicht glänzend genug darstellen kann, aber sie in der Luft schweben läßt. Gin solches Verfahren bedeutet aber nicht bloß eine empfindliche Lücke in Sellins Darlegung, sondern auch ein Unrecht gegenüber dem geschichtlichen Tatbestand. Man muß die Wurzeln schon daran lassen, wenn man die köstlichen Früchte dev hochragenden Bäume des alttestamentlichen Gottesgartens in ihrem vollen Werte bewundern will. Diese ungerechte Verstümmelung der geschichtlichen Wirklichkeit in meinen Abwehrschriften gegen Delitzsch vermieden zu haben,, das meine ich -als ein erstes Plus gegenüber Sellins Buch geltend machen zu dürfen. Dazu kommt aber, daß ich im Unterschiede von dem neuen Kampfgenossen zweitens auch die positiven Grundlagen des Wertes der altisraelitischen Geschichtsüberlieferung aufgedeckt und daß ich drittens den Zusammenhang von Delitzschs Bestreitung der kulturellen Bedeutung des althebräischen Schrifttums mit der jetzt weithin herrschenden darwinistischen Geschichtsanschauung aufgezeigt habe. Dem Nachweis dieser drei verhängnisvollen Ausgangspunkte des Delitzschen Ansturms gegen die altisraelitische Religion und Kultur, nämlich erstens der quellenwidrigen Vernachlässigung des prophetischen Selbstzeugnistes, zweitens dev Herabsetzung der althebräischen Geschichtsschreibung und drittens seines Zusammenhanges mit der modernen revolutionistischen Geschichtsauffassung, habe ich ungefähr fünfzig Seiten gewidmet, ehe ich daran gegangen bin, Delitzschs Aufstellung „Schritt für Schritt", wie auch Sellin anerkennt, zu widerlegen. Denn ohne die Enthüllung seiner Voraussetzungen, wie z. B. auch seiner Babylonisierungssucht, hätte die Einzelkritik in dev Luft geschwebt. Eine pünktliche Beantwortung der von Delitzsch dem althebräischen Religionswesen gemachten Vorwürfe ist aber auch unbedingt nötig. Denn wenn nicht alle seine Angriffe beleuchtet werden, kann er und können seine Freunde sagen, daß er nicht widerlegt sei. Das werden sie auch gegenüber

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