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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-11-25 · Heft 24 (25.11.1921) · p. Seite 277

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 24 (25.11.1921)
Date
1921-11-25
Page
Seite 277 (sequence 7)
Language
German
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277 Redakteur- Albert Katz (Berlin-Pankows Chefredakteur I. Landau (Berlin), Rabbiner Dr. L e i m - vörser (Hamburg), Prof. Dr. Heinrich Loewe (Berlin), Dr, I. Loewe n b e r g, Lyzealdirektor (Hamburg), Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld), Rabiner Dr. E. P e r l e s (Königsberg i. Pr.), Rabbiner Dr. L. Rofenthal (Köln) zu Vorträgen bereit sein. Lrfmm ürr ^rligionsfdjulm. Von Dr. S. Afchner (Berlin). »Ilm 25. September war eine hochinteressante Debatte in der Berliner Repräsentantenversammlung über die Reform der Religionsschulen, an der sich namentlich die Herren Dr. Freund, Dr. Gutmann und Professor Loewe kundig beteiligt haben. Wir Lehrer verfolgen die Verhandlungen mit größter Spannung und empfinden, daß hier über die Zukunft der Schule, unseres Standes, ja des Judentums entschieden wird. Denn daß der gegenwärtige Stand unerträglich ist, daß wir aus dem Sumpf heraus müssen, das empfinden wir alle. Die Reform müßte zwei Punkte vor allem ins Auge faßen; erstens: Wie erfassen wir die Jugend restlos?, zweitens: Wie verbessern wir den Lehrstoff? Was das erste betrifft, so hat man vorgeschlagen, den Unterricht an den weltlichen Schulen zu kassieren und ihn in die Religionsschulen Ausschließlich zu verlegen. Dadurch entsteht eine höchst förderliche Zentralisation und man bekommt die Jugend in die Hand. Die einzige Schwierigkeit bliebe: Wo kommen dann die frei werdenden Lehrer hin? Man müßte sie übernehmen, nachdem sie von der Schulkömmission für gut befunden sind. Schlimmer ist der Umstand, daß dann erst recht viele Schüler aus Bequemlichkeitsgründen am Unterricht nicht teilnehmen und womöglich in die christlichen Religionsstunden laufen würden. Es müßte dann an jeder weltlichen Schule eine amtliche Kontrollkommission sein, um uie Schüler zu erfassen und auf die Eltern aujklärend einzuwirken. Dazu müßte von seiten der Gemeinde eine aufklärende Propaganda großen Stils treten durch die Kanzel, durch Broschüren, durch die Zeitungen, durch Vorträge, durch Elternversammlungen. Jedenfalls muß unser Motto lauten: Unsere Jugend für uns! Das ist aber nur durch liebevolles Differenzieren möglich. Der Gymnasiast muß anders angefaßt werden wie der Dolksschüler. Demgemäß werden gymnasiale und volksschulmäßige Kurse und Schulen eingerichtet werden müssen. Der Lehrplan muß dem Hebräischen mehr Rechnung tragen, doch so, daß die Geschichte nicht unter den Tisch fällt, die gerade die stärkste Zugkraft ausübt. Man wird sie durch Volkskunde, Kulturgeschichte, Einblick in jüdisches Gemeinde- und Kunstleben vertiefen und vervollständigen können. Im Hebräischen ist das bißchen Siddur schon längst nicht mehr erträglich. Bibellektüre, Raschi wird sich ergänzend anreihen lassen und vor allem Grammatik. Wenn man dem Gymnasiasten nicht das Hebräische beibringt, wie er Latein und Griechisch, Englisch und Französisch, zu lernen pflegt, wird er nie einen festen Halt gewinnen. Dazu gehört freilich eine Erhöhung der Stundenzahl, ohne die an eine lebendige Umgestaltung gar nicht zu denken ist. Im Zusammenhang damit steht die Frage, ob nicht die Religionsschule sich zur jüdischen Volksschule und zum jüdischen Gymnasium auf der Basis etwa der Einheitsschule erheben liehe, eine Forderung, für die ich schon oft begeistert eingetreten bin und die zusehends an Boden gewinnt. Erst dann ist geistliche und weltliche Bildung einheitlich geregelt, erst dann läßt sich die Stellung des Judentums innerhalb der gesamten Kultur erkennen und für die suchenden Geister das stolze Gefühl gewinnen, daß das Judentum eine organische, notwendige, providentielle Macht darstellt. Der Unterricht verliert dann sein losgerissenes, scheinbar unmotiviertes Flittern und Irrlichtern. Er steht mit festen Füßen auf dem Böden der Gefamtbiwung, wird von ihr gestützt und stützt sie seinerseits. Gebe ßott, daß die Reform nicht wie so oft diesmal wieder an Halbheit, Kleinmut und Parteilichkeit scheitere. Mit halben Experimenten ist uns nicht geholfen. Dazu ist unsere Jugend, sind wir selbst zu schade. Wir wollen etwas Ganzes, Volles, aus jüdischer Liebe warmherzig Gewolltes und von jüdischem Geist, jüdischer Tatkraft tapfer Durchgesetztes zum Segen kommender Geschlechter. Lum Gedächtnis Eduard Mmbaums'). (gestorben den 8. August (28. Ab) 1920. Von Joseph Rosenthal (Königsberg i. Pr.). man braucht ausgezeichneten Männern keine Grabsteine zu setzen, denn ihre eigenen Worte sind ihre Denkmäler). Die Wahrheit dieses tiefsinnigen Wortes unserer Weisen hat sich noch selten und mit so zwingender Gewalt betätigt, als in der Stunde, da die Königsberger Gemeinde sich anschickte, das Grabmal ihres unvergeßlichen Eduard Birnbaum feierlichst zu weihen. Es war ein trüber Spätsommertag, der 1. September 1921. Erfüllt von tiefer Wehmut hatten sich die Besten ider Gemeinde an dem Grabe zusammengefunden, um die letzte Ehrenpflicht an ihrem Liebling zu erfüllen; denn Eduard Birnbaum war der Liebling der Gemeinde, wie es der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Justizrat Holz, eindrucksvoll in warmen, von Herzen kommenden Worten den Teilnehmern an der Feier vor die Seele führte, der in 40jähriger reichgesegneter Wirksamkeit das Gotteshaus zum Tempel gemacht hat und der der Gemeinde unvergeßlich bleiben werde. In geistfurfb gedankenvoller Rede würdigte Rabbiner Dr. P e r l e s, anknüpfend an die einleitenden Worte, die Persönlichkeit Birnbaums. In der Königsberger Gemeinde trage ein jeder ein lebendes Denkmal des Verklärten in sich. Jedem tönen im Ohr und Herzen die Gebetworte, die ex in inbrünstigem Gesänge zu Gott emporsandte und damit alle seine Hörer erst zur höchsten Andacht stimmte. Durch das stattliche Denkmal über sollte der Nachwelt verkündet werden, was die Königsberger Gemeinde in Eduard Birnbaum besessen habe. Und wenn dieses heute im Sinne der Gemeinde eingeweiht werde, so entspräche das nicht nur dem einmütigen Beschlüsse der Gemeindekörperschasten, sondern zugleich'auch dem einmütigen Gefühl der ganzen Gemeinde und jedes einzelnen ihrer Mitglieder. Was an Birnbaum zu schätzen und zu bewundern fei, könne nicht besser bezeichnet werden, als es die in Stein eingemeißelten Worte sagen, die vor nunmehr 700 Jahren Jehuda Alcharisi keinem Geringeren als Jehuda Halövi, dem größten jüdischen Sänger des Mittelalters, widmete: 15122 5)2 1'V.I 12182 82 81N UI-'VN '12 *?2 npbi .15182 'IHK irtrn udt 821 „Er drang in das Schatzhaus des Liedes ein und holte da« dort Bevwahrte, und nachdem er alles Köstliche von dort genommen, ging er hinaus und schloß die Tür nach seinem Fortgange." Ja, er drang in das Schatzhaus des Liedes, denn sein Gesang war nicht nur etwas durch künstlerische Schulung und Hebung Erworbenes, sondern i>as Beste und Schönste daran war erst geschöpft aus einem tiefen, schwer zugänglichen Brunnenschacht, wo dip geheimen Quellen jüdischen Denkens und jüdischen Fühlens rauschen. Darum begnügte er sich I Unliebsam verspätet. ") Jeruschalmi Schekalim 2, 7.

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