Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 273 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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273 ~ Einem Antrag «des Verbandes der deutschen Juden entsprechend, sind in Preußen die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden nunmehr vom Ministerium des Innern auf das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung übertragen worden, so daß auch bezüglich der Behörde, welche die Aufsicht über die Angelegenheiten der jüdischen Religionsgesellschaft führt, eine Gleichstellung mit den christlichen Religionsgesellschaften erhielt worden ist. * Im Kampf um das Vaterland. , Der Zentralverein deutscher Staatsbürgers üdis ch e n G l ,a u b « u @ verunstaltete anläßlich seiner HauP'tversamml'U'N'g im Lcgenhaus eine Kundgebung, zu der -etwa dreihundert führende Biänner und Frauen des beuitfcken Juidön«t.um.8 a<us allen- Teilen des Reiches und den abgetrennten Gebieten versammelt waren. Den Vorsitz führte Just'zrat Brodnitz. Hauptreferenten waren Lcmdesrabbiner Tr. R reger (Braunschlveig) und der Syndikus! des Vereins, Tr. Ludwig Holländer. Dr. Rieger hob hervor, daß man den in Teutfcktlanidununterbrochen 1800 Jahire leibenden Inden 'die Bodenitänd'gkeiit zubilligen sollte. Keli-we Vorrechte wolltenstie, aber: „Sie fordern ihr Recht, wennsie ihr Deutsch,htm? verteidigen!" D'e deutschen ^ndeni se'en .als ein Bestan-dteiil des deutschen Volkes zu betrackiten. v\r»ire Muttersprache, Sitte und Lebensform, feien vollkommen deu'tsch. T'e ldeu-tsche Kultur verdanke am meisten dem gröHtvn KuAu-rgut des Judentums, -der Bibel. Deutscher und jüdischer Geist seien durch di-e Biibel unlösdair ineinander verknüpft. So se-> Deu 4 sck, land für scr n e Jude n d a s Heimatl-and, mit dem sie Ehre und Not tragen., dem sie mit echter deutscher Treue, Lii-ebe unddeuitscheni Idealismus ergeben wären. Der Syndikus des Vereins, Dr. Ludwig Holländer, setzte sich vor allem mit dem Freiburger Historiker Professor v. B e l o w, mit dem Buche des Obersten Bauer: „Der Große Krieg in Feld und Heimat", auseinander. Oberst Bauer behauptet in seinem Buche, daß die Juden im Kriege ihre Pflicht nicht getan hätten; an anderer Stelle aber spricht er fortgesetzt davon, daß wir den Krieg gar nicht länger hätten führen können, wenn nicht Geheimrat Haber die Fabrikation des Salpeters nach seinem Hochdruckverfahren eingesührt ljätte. Ferner rühmt Bauer, daß Geheimrat Haber als erster eine allen Anforderungen entsprechende Gasmaske konstruiert hat. Oberst Bauer scheint eben nicht zu wissen, daß Geheimrat Haber jüdischer Abstammung ist. Besonders aussübrljch ging der Redner auch aus L u d e n d o r f f s antisemitische Ausfälle in seinem letzten Buch ein. Ludendorff behauptet bekanntlich, daß die „Oberleitung des jüdischen Volkes" mit Frankreich und England gegen Deutschland gearbeitet, ja sogar beide geführt habe. Um eine Hennstätte in Palästina zu erwerben und sich eine überstaatliche Vormacht zu verschaffen, hätten die Juden, die deutschen Iuden mit einbegriffen, an Deutschlands Aiederlage gearbeitet. Der Redner hob hervor, daß Ludendorsss Angriffe gegen die deutschen Juden d a s S ch w e r st e sei, was einem Menschen überhaupt vorgeworfen werden könne. Wenn Ludendorss von der Oberherrschaft in Palästina rede, so hätte er wissen müsten, baß die zionistische Auffassung von dem weitaus größten Teil der jüdischen Deutschen abgelehnt wird. Ueberaus bemerkenswert >var die Mittetilung über einen Briefwechsel Zwischen dem K. C., b-er Vereinigung deutscher Studenten jüdischen Bekenntnisses, und General Ludendorff. Im Anschluß an eine Kundgebung Ludendorffs zugunsten der deutschvölkischen Studentenbewegung hatte die Verenigung an diesen ein Schreiben gerichtet, in dem es hieß: „Wer unsere Zügehörigkeitzum deutschen Volke bestreitet, bedroht die Fundamente unserer Ehre und unseres Lebens. Gegen ihn müssen wir uns mit allen Kräften zur Wehr sehen. Unseren Verbandsbrüdern, die aus dem Felde zurückgekehrt ünd, und noch mehr dem Andenken derer, die im Felde geblieben sind, glauben wir es schuldig zu sein, alle Zweifel völlig zu zerstreuen, die sich aus den Aeußerungen Eurer Exzellenz ergeben, und wir würden Eurer Exzellenz für eine entsprechende Aufklärung besonders verbunden sein." Die Antwort Ludendorsss besagt nämlich: „Bei der Stellungnahme der unter jüdischem Einflüsse stehenden Presse und damit der Judenschast gegen - mich, kann ich Ihnen, als einer I .jüdischen Organisation/eine Berechtigung zu Ihrer Frage nicht anerkennen." .Redner betonte schließlich, daß das Judentum auch im Kriege Milde lehre und zittrerte folgende Stelle des Josephus: Milde soll auch das Verfahren gegen die Feinde im Kriege sein, der Gesetzgeber verbietet nämlich, ihr Land mit Feuer zu verwüsten', und gestattet auch das Fällender Obstbau me nicht. Das ist vor mehr als 2000 Jahren geschrieben. Hätte Ludendorff sich danach gerichtet, wäre dem deutschen Volke manches Unheil erspart geblieben. Dann sprachen.in. langer Folge für die jüdischen Frauen Frau Jüstizvat Dormitzer (Nürnberg,), Staatsrat Dr. Cohn (Dessau) und für die abgie-trenn-ten oder 'bedrohten Gebiete Rechtsanwalt Dr. Brodnitz (Danzig), Rechtsanwalt Dr. Hause für die -losgerissenen Vosener. Die Sprecher für Oberschliesien, Rabbiner Dr. Bvaunschweiaer (Oppeln) und Mi ttelschullehrer Stern (Kattowitz), schilderten besonders den Anteil der Juden an dem Abstimmungssiege und ihren Kampf für das Deutschtum. Rechtsanwalt Dr. Weil (Straßbural-Berlin) schilderte die Seelengual 'der Deutschen' .in den- -ehemaligen Reichst,anden, besonder s in Straßburg, wo sich der' Rabbiner Levy weigerte, in französischer Sprache beim Einzug der französischen Truppenzu reden. Für den. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten sprach «der kriecpsbeschädigte Referendar Dr. Urias (Hamburg): Von den 540 000 deutschen Juden hätten 100 000 dem Heere, 65 000 den Fronttruppen angehört, 12 v. H. seien krieMreiwillig.gewesen. Den Beschluß der Kundgebung bildete die einstimmige Annahme folgender Entschließung: „Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schart seit seiner Gründung die deutschen Juden um das Banner des Deutschtums. Von der treuen und freudigen Erfüllung klar erkannter vaterländischer Pflichten werden wir weder durch völkische Irrlehren noch durch« antisemitische Drohungen oder Beschimpfungen uns abd-rängen lasten. In dem uns aufgezwungenen Abwehrkampf um unser Recht und unsere Ehre sehen wir eine wertvolle und notwendige Leistung zugleich sür unser deutsches! Vaterland, «dessen Wiederaufrichtung der Mitarbeit aller seiner Bürger bedarf. Mit tiefem Schmerz gedenken wir der Einbußen «des« Reiches an Menschen und Ländern. Den staatsrechtlich von uns getrennten Mitbürgern -aller Bekenntnisse versvrecken wir unwande!lbare Treue." Damit ist die Tagesordnung der Hauptversammlung des Zentralvereins noch nicht erschöpft; sie tagt auch heute, während wir diese Zeilen niederschreiben, und hat noch folgende Punkte zu bewältigen: 1. Satzun,oMnderunig„ Referent: Rechtsanwalt Dr. Herz selb (Esten). 2. Mittel und Wege zur Entgiftung unserer Bevölkerung von Haß und Vorurteil gegen die Juden. Referenten: Prof. Dr. Julius Goldstein (Darmstadt), Rabbiner Dr. Felix Goldmann (Leipzig), Dr. Max Mainzer (Frankfurt a. M.). 3. Wünsche und Beschwerden der Abgeordneten. 4. Jnnerjüdische Fragen. Referenten: Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander (Erefeld), stellvertretender Syndikus Dr. Wiener (Berlin). * Tagung der israelitischen Landessynode Badens. In K a r l s r u he tagte am Sonntag, 6. November, und Montag, 7. November, die israelitische Landessynode Badens. Erschienen waren 26 Abgeordnete, die weltlichen und geistlichen Mitglieder des Oberrats und die wissenschaftlichen Hilfsarbeiter des Oberrats. Der Vorsitzende des Oberrats, Dr-. Moritz Straus, Karlsruhe, eröffnete die Tagung mit einer Ansprache, worin er auf die Bedeutung der Vorlagen hinwies. Die Vorlagen behandeln! das Budget 1921—1923, Besoldungsvorlagen für Rabbiner, Lehrer und Kantoren sowie die Ruhegehaltsfrage. Die Vorlagen machen eine Erhöhung des Steuersatzes um beinahe das Doppelte nötig. Die Wahl des Präsidiums erfolgte durch Zuruf. Zum Präsidenten wurde, wie bei der letzten Synode, Dr. Nathan Stein, Karlsruhe (lib.), gewählt, zum Vizepräsidenten Eduard Bauer, Mannheim (konf.), und zu Schriftführern Dr. Bloch, Konstanz, und Darmstädter, Ladenburg. Präsident Dr. Stein trat für einen Ausgleich von Stadt und Land ein und wünschte rasche Erledigung der Vorlagen. Hierauf bildeten sich die Ausschüsse, die sofort mit ihrer Arbeit begannen. In der vom Präsidenten Dr. Nathan Stein am Montag nachmittag eröfsneten Schlußsitzung der israelitischen Landessynode gab zunächst Shnodalmitglied S ch l o ß b e r g e r (Bruchsal) den Bericht