Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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die erste Ansprache hielt: Man streitet darüber, seit wann das vaterländische Sein der deutschen Juden mit anderen Teilen des deutschen Volkes verbunden ist. Vor eineinhalb Jahrtausenden haben in unserer engeren Heimat weder Semiten noch Germanen, sondern Slawen gewohnt, an den Usern des Rheins saßen schon damals Juden in größerer Zahl, zunächst als römische Bürger. Der Begriff des deutschen Volkes, das Gefühl der deutschen Volkszusammengehörigkeit ist nicht viel älter als die Emanzipation der Juden. Als im 18. Jahrhundert die Mauern des Gettos fielen, verknüpfte sie ein unlösbares Band mit den anderen Volksgenossen. In den Befreiungskriegen eilten die Juden mit derselben Begeisterung zu den Fahnen wie die Abstämmlinge der Germanen, Romanen und Slawen. Neben dem äußeren Zusammenhang fehlte es auch nicht an innerem Zusammenhang. Die deutsche Sprache wurde von jüdischen Dichtern gemeistert. Die Romantik, die den Anspruch erhebt, die deutscheste Dichtung zu sein, wurde von Heine vollendet. 12 000 gefallene Juden bezeugen den Anteil an den Blutopfern, die der Weltkrieg von Deutschland gefordert hat. Nach dem unglücklichen Ausgang des Weltkrieges haben die Juden in den abgetrennten Gebieten Unsägliches gelitten. Sie hängen, mit allen Fasern an ihrem deutschen Vaterland. Auch die Volksabstimmung in Oberschlesien hat die Juden auf ihrem Platze gefunden, in den Abstimmungskommissionen haben die Inden unter Lebensgefahr ihre Pflicht erfüllt. In keinem einzigen Fall konnte nachgewiesen werden, daß jüdische Anwälte den Lockungen der Polen erlegen sind und die gut dotierten Stellungen in der polnischen Justizverwaltung angenommen haben. — Der zweite Redner des Abends, Tr. Jsmar Freund, betonte, daß der Judenhaß ebenso alt wie das Judentum ist. Dieser Judenhaß wechselt aber die Formen. Der Kampf geht heute gegen unsere geschichtlichen und sittlichen Grundsätze, gegen unsere Religionsquellen und die Bibel. Diesen Weg geht Delitzsch in seinem Werk „Die große Täuschung", der die Juden der biblischen Zeit als eine Horde raubender Nomaden, den heiligen Gott Israels als Schandgötzen darstellt. In dem Kampfe, den man uns ausgezwungen hat, geht es nicht nur um unser Schicksal als Bürger unseres Vaterlandes: wir sind auch aufgerufen, das Erbe vom Sinai gegen unsaubere Hände zu verteidigen. — Ter nächste Redner, der Svndikus des Zentralvereins Dr. Ludwig Holländer, wies auf besonders eklatante antisemitische Vorfälle aus jüngster Zeit hin. So hat der Kyffhäuserverband, her Verein deutscher Studenten, beschlossen, den jüdischen Studenten keine Satisfaktion zu geben. Der Redner zitierte ferner eine Stelle aus dem Buche von Ludendorsfs „Krieg und Politik", in dem behauptet wird, daß die Oberleitung des jüdischen Volkes „Hand in Hand mit Frankreich und England" gearbeitet habe, um sich in Europa und Amerika eine Vormachtstellung zu verschaffen. Dazu hätten sie die Niederlage Deutschlands gebraucht. (Lebhafte Entrüstunasrufe.) Mit der Aufforderung zum Zusammenschluß und reger Mitarbeit schloß der Redner unter stürmischem Beifall. — Justizrat Brodnitz gab in seinem Schlußwort eine Nebersicht über das Streben und die Tätigkeit des Zentralvereins und schloß mit herzlichen Dankesworten an die Vortragenden die Versammlung. - Die zweite Kundgebung wurde am. 27. Oktober in den Musikerfestsälen unter regster Beteiligung veranstaltet. Nach einer Ansprache des Shndikus Tr. Holländer führte Rabbiner Dr. Weiße cut§: Im Gegensatz zu den Griechen und Römern, die dem Fremdling keine Rechte' zugestandeu, hat bei den Juden die Liebe zum Fremdling stets als heiliges Gebot gegolten. Auch der Vorwurf, die Juden seien positiver Arbeit abgeneigt, ist falsch. Die Arbeit will von alters her als etwas Heiliges und Heiligendes gelten. Erfreulicherweise wird in der Neuzeit unter den Juden wieder mehr Wert auf Ackerbau und landwirtschaftliche Betätigung gelegt. Die Angriffe auf den Talmud sind teils darauf zurückzuführen, daß unsere Gegner nicht imstande sind, den Talmud zu lesen. Wer das jüdische Schrifttum kennt, der weiß, daß es keine Religion gibt, die an Sittlichkeit das Judentum übertrifft. — Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil bemerkte: Viermal, nämlich 1789, 1848, 1869 und im August 1914, hat es den Anschein gehabt, als ob Judenhaß und Judennot überwunden seien; jedesmal war es eine Täuschung. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es eine religiöse Judengegnerschaft, in dm vierziger Jahren begann mit der beginnenden Industrialisierung der wirtschaftliche Antisemitismus, und nach 1870, in der Hochflut der nationalen Gefühle, trat das Nationale als Motiv in den Vordergründ. Man muß bei der Bekämpfung des Antisemitismus dem Gedan'kengang Rechnung tragen, um sie mit der eigenen Waffe zu schlagen. In der letzten Epoche, als die Rassenfrage in den Vordergrund geschoben wurde, wurde die Bekämpfung besonders schwierig. Der Zentralverein ist als neue Form der Vertretung für unsere angetasteten Staatsbürgerrechte gegründet worden. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist auch aus außen- und innenpolitischen Gründen von größter Wichtigkeit. — In einer Schlußansprache berichtete der stellvertretende Vorsitzende, Justizrat Sonnenfeld, über die vielseitige Tätigkeit des Zentralvereins, ging kurz auf den mehr oder weniger versteckten Antisemitismus der Rechtsparteien ein und schloß mit herzlichen Worten in später Stunde die wirkungsvolle Kundgebung. ### Berlin, 8. November. Vom Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, Hilfsverein der Deutschen Juden, erhalten wir folgende Zuschrift: Wir hatten in Nr. 8 unserer Nachrichten im Juni d. I. bereits vor der Einwanderung — insbesondere mittelloser jüdischer Arbeiter — nach Mexiko gewarnt. Nach den neuesten Berichten, die seitens der von der „Hias" nach Mexiko entsandten Kommission vorliegen, muß die Warnung aufs dringendste wiederholt werden. Die Kommission ist nach sorgfältigen Erhebungen zu dem Schluß gekommen, daß Mexiko gegenwärtig in keiner Weise für jüdische Einwanderung geeignet i st. Besonders nachdrücklich muß alsdann noch darauf hingewiesen werden, daß Auswanderer, die über Mexiko ohne Einreisevisum in die Vereinigten Staaten zu gelangen suchen, wo sie meistens Verwandte haben, einen gänzlich ungangbaren Weg einschlagen. Entweder sehen sie sich am Ueberschreiten der mexikanisch-amerikanischen Grenze verhindert, die unter scharfer Kontrolle der amerikanischen Grenzbehörde steht, und leiden mangels Hilfsquellen und Arbeitsmöglichkeiten in Mexiko Not, oder es droht ihnen, wenn sie den Boden der Vereinigten Staaten betreten haben, dort Verhaftung, Gefangenschaft und Deportation nach den Ländern, von denen aus sie ihre Reise angetreten haben. Es befinden sich in Mexiko selbst, wie in amerikanischen Städten an der mexikanischen Grenze, jüdische Auswanderer aller Kategorien, meist junge Leute zwischen 17 und 30 Jahren, aus der Ukraine oder anderen Kriegs- und Pogromgebiete-n, aber «auch Frauen mit Kindern, die entweder in Mexiko der Not ausgeliefert sind, oder in amerikanischen Grenzstädten interniert sind und der Bestrafung und Deportation entgegensehen. Mit großen Schwierigkeiten haben Auswanderer, deren Reiseziel die Vereinigten Staaten sind, auch in anderen Grenz- und Nachbargebi'eten der Union zu kämpfen. Nach dom Bericht eines nach Cuba entsandten Hias-Delegierten befinden sich auch dort jüdische Einwanderer, die in den Vereinigten Staaten keinen Einlaß finden, in großer Not. Daß auch von C a n a d a ohne amerikanisches Visum vom Herkunftslande der Zutritt in die Vereinigten Staaten nicht zu erreichen ist, haben wir bereits früher mitgeteilt. r. Breslau, 4. November. Inmitten seiner Schaffenskraft verschied unerwartet infolge eines Schlaganfalls am 31. Oktober Herr Aron Kober im 58. Lebensjahre. In unermüdlicher Schaffensfreude hat er mit seltenem Weitblick vierzig Jahre seine Tätigkeit der von seinem Bruder begründeten Firma Joseph Kober, Großhandlung für Metalle, Berg- und Hüttenprodukte, als Mitinhaber gewidmet und an deren bedeutendem Aufschwung lebhaften Anteil gehabt. Den zahlreichen Angestellten der Firma ist er durch seinen eisernen Fleiß, seine tatkräftige Energie ein leuchtendes Vorbild gewesen und hat sich ihnen mit vollem Verständnis für den Ernst der Gegenwart als fürsorglicher Freund, Berater und Helfer bewährt. Seiner frommen religiösen Gesinnung entsprechend, hat er sich auf sozialen: und humanitärem Gebiete stets aufopferungsvoll betätigt und ist erst vor kurzem samt seiner Gattin in Anerkennung für sein eifriges Einsetzen zugunsten der Flüchtlingsfürsorge durch Verleihung des Schlesischen Adlers ausgezeichnet worden. Das Judentum hat durch den allzu frühen Heimgang eines seiner besten und edelsten Söhne, der seine reichen Gaben des Geistes und