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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-11-11 · Heft 23 (11.11.1921) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 23 (11.11.1921)
Date
1921-11-11
Page
Seite 270 (sequence 12)
Language
German
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270 - - „Dann auf ein Wort, Herr Oberst-" Beide entfernten j sich in Begleitschaft einiger Herren etwas von den übrigen. Einer der Zurückbleibenden lachte: „Jetzt werden Sie vorgenominen, Vangerdio." Dieser nickte gedankenvoll. „Ohne Umschweife, Herr Oberst", sprach der Staatsanwalt, „ich habe in Leutnant Vangerdio einen Widersacher; er wird mir hindernd in den Weg treten." „Vangerdio?" „Herr Hauptmann Sönkerost ist darüber besser unterrichtet, als ich es bin; er würde gewiß die Erklärung übernehmen." „Ich bitte, Herr Hauptmann." „Ein jüdisches Mädchen hob ein Kind vom Boden auf, das von Vangerdio beinahe überfahren worden wäre — keine große Heldentat, doch sie nutzte die Situation aus und verstand, sein Mitleid für das Gettovolk zu erwecken. ZweifÄlos wird er von der Verteidigung als Zeuge geladen werden, wird von Kinderrettung durch die Juden sprechen und so die Geschworenen beeinflussen." „Das muß verhindert werden", sagte der Staatsanwalt hastig mit gedämpfter Stimme. „Selbstverständlich", stimmte der Oberst zu. „Wohin solch junges, unerfahrenes Blut sich doch verirren kann", setzte er kopfschüttelnd hinzu. „Natürlich werde ich der guten Sache helfen. Einige Tage vor der Verhandlung wird Vangerdio als Hauptmann eine Tagereise weit versetzt- Gerichtsverhandlungen für das Militär haben unsere Behörde zu Passieren. Wir adressieren sie etwas zu spät, am Verhandlungstage, an seinen neuen Standort. Ich glaube, daß es ihm schwer fallen wird, zur Stelle zu sein, er müßte denn ein Flugzeug nehmen." Die Herren lachten. „Herr Oberst hätte Jurist werden sollen", rief der Staatsanwalt; „glänzende Idee!" * Im großen Schwurgerichtssaale fand die Verhandlung gegen den Synagogendiener Jsaschus statt. Nach den vorgeschriebenen Formfragen nach Alter und Geburtsort sowie der Zeugenvereidigung sprach der Vorsitzende, Landgerichtsrat Wortemkah: „Die Anklage lautet auf Ermordung des elfjährigen Serjus Brjack durch Simeon Jsaschus zwecks Blutgewinnung zur Erfüllung der Vorschriften des jüdischen - Passahfestes; Angeklagter, bekennen Sie sich der Tat schuldig?" „So wahr mer Gott helfe, hochvermögender Herr Richter," erwiderte Jsaschus mit fester Stimme, „ich bin so unschuldig an das furchtbare Verbrechen, wie es war Joseph an die Schuld, die ihm zur Last gelegt sein Herr Potiphar." „Sie kannten den Knaben?" „Hat er mer doch immer ausgelöscht de Schabbeslichte an Freitag Abend." „Er kam also jeden Freitag zu Ihnen?" „Kam er öfter; kam er gern." „Freitags erhielt er Geld von Ihnen?" „Sabbat Abend, Herr Richter, Sabbat Abend. Jedesmal seinen Viertel Inland-Schilling, ehrlich und reell." Der Staatsanwalt machte eine Bewegung zum Vorsitzenden hin. „Bitte?" sagte dieser. „Der Angeklagte hatte offenbar ein Interesse daran, das unglückliche Kind in die ihm so unheilvolle Gegend hinzugewöhnen, andernfalls hätte er ihm die armselige Münze gleich am Freitag Abend gegeben und es den Weg nicht zweimal machen lassen " „Darf ich doch am heiligen Sabbat nicht anfassen Geld, hochwürdiger Herr Oberrichter; war 's doch kein Weg für seine gesunden jungen Beinchen, wohnte er doch nur ein paar Straßen ab von meine bescheidene Wohnung." „Der Tag der Ermordung war ein Sonnabend", sprach der Vorsitzende, „hatte der Knabe das Geld von Ihnen erhalten?" „Halt' ich'n doch gar nich bestellt an den Tag, weil das war Pessachabend, wo ich darf Geld ansassen, so wenig wie an Sabbat. Hat er doch sein'n Viertelschilling schon gekriegt acht Tage vorher gleich sor zweimal." „Um sieben Uhr abends wurde er am genannten Tage tot an Ihrer Wohnung gefunden." Der Angeklagte stöhnte. „Hatte er vielleicht noch Besorgungen zu Ihrem Feste für Sie gemacht?" „Habe ich ihn doch gar nicht gesehen den ganzen Tag. -Hatt' ich doch alles zu Hause, was wird gebraucht." „Ihr Ritus schreibt ungesäuerte Brote vor?" „Ungesäuerte Brote, ja." Wittere Kräuter?" „Ja, bittere Kräuter." „Lammfleisch?" „For de Reichen, Herr Richter, sor de Reichen." „Blut von Andersgläubigen", bemerkte der Staatsanwalt wie für sich. „Was soll Blut, Herr Oberrichter, wie darf ein Jüd essen Blut! Muß er doch das Fleisch von's Rind, von's Kalb, von's Schaf, was soll werden gegessen, tun ins Wasser und bestreuen mit Salz, eine Stunde lang, daß rauszieht das Blut bis auf den letzten Tropfen, weil es ist verboten zu essen das Blut-" „Wollen Sie mit allen Ihren Ausführungen sagen, daß Sie den Knaben nicht ermordet haben, um sein Blut zum Feste zu verteilen?" fragte der Vorsitzende. „Geschworen Hab' ich beim Gott meiner Väter, daß ich ihn nicht Hab' ermordet überhaupt." (Fortsetzung folgt.) literarische JHittriiungm =. I a r v b l a tz i n : Hermann Cohen. Zweite, erweitere Auslage. Jüdischer Verlag, Berlin 1921. Alexander der Große pries Achill glücklich, daß er als Herold seiner Jugend den Homer gesunden hat. Hermann Cohens gedankenmächtiger Genius hat in dieser Schrift seines Schülers kongeniale Würdigung gesunden. Das Buch liegt in zweiter, erweiterter Auslage vor und ist mit einem Bildnis des Philosophen, einer Radierung von der Meisterhand Strucks, geschmückt. Statt der im Anhang gegebenen Bibliographie, ein genaues Verzeichnis Cohenscher Aussätze und Bücher, hätten wir eine farbensatte Biographie von Cohens ganz der leidenschaftlichen Denkarbeit gewidmeten Lebens gewünscht. Doch wir sind dem Verfasser dankbar sür das, was er gibt. Er zeigt und zeichnet mit verstehender Liebe Persönlichkeit und Methode seines Meisters, von dem ihn die eigene jüdisch-nationale Ueberzeugung trennt. Wie Cohen mit Kant verfuhr nach dem Satze: man müsse einen Autor besser verstehen, als er sich selbst verstand, so ist Klatzkin der seinsinnige Interpret Cohens geworden. Cohen, der seinen eigenwüchsigen Gedanken auch ein eigenschöpferisches Sprachkleid gab, fand in Klatzkin seinen feinsinnigen Uebersetzer, der es versteht, den Gedankengehalt des Originals so in ein anderes Wortgefäß um-, zugießen, daß nichts von dem köstlichen Trünke verschüttet wird. Besonders glücklich sind ihm die Gedankengänge gelungen, auf denen Cohen als Philosoph des Judentums wandelt. Hier spürt man Klatzkins eigenes Durchdrungensein von einer geschloffenen tiesjüdischen Lebens- und Weltanschauung. Was Klatzkin zum Beispiel über den Zusammenhang des Gesetzes mit der Ethik ausführt im Sinne Cohens, gehört zu den schönsten Partien seiner Schrift, ebenso sind die Scheidelinien Mischen Christentum und Judentum und zwischen diesem und dem Griechentum in scharfer Dialektik und teilweiser Polemik gegen Cohen aufgezeigt. Besonders in der Frage Deutschtum und Judentum sucht Klatzkin die Konstruktionen Cohens zu widerlegen. — Alles in allem ein Buch, zu dem in seiner erneuerten und erweiterten Form die jüdische Oeffentlichkeit wird Stellung nehmen müssen, berührt es doch klar und scharf in ehrlicher Wahrheitssuche die Lebensfragen des modernen Judentums. H e i l b r o n n. Beermann.

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