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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-11-11 · Heft 23 (11.11.1921) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 23 (11.11.1921)
Date
1921-11-11
Page
Seite 269 (sequence 11)
Language
German
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269 Moralischen Versumpfung des ausschweifenden Genußlebens jener Zeit ergriffen hat. Philo sucht oft die Einsamkeit aus und hält sich vom Markte des politischen Lebens fern, obwohl er der vornehmsten j üd-isch-a-lexandrini-schen Priesterfamilie angohört und in seinem Bruder, dem Alabarchen, d. h. Vorsteher der großen Gemeinde seiner Vaterstadt, einen hervorragenden Repräsentanten des -praktischen Lebens in feinem Wirken beobachten konnte. Nur einmal betrat auch er den Schauplatz öffentlicher Tätigkeit, als er als Führer der alexandrinisch-jüdischen Gesandtschaft den schweren Gang zu dem kaiserlichen Tyrannen in Rom, Gajus Caligula, wegen des großen Judenpogroms in der Hauptstadt des Hellenismus unternahm. Hier gab er seine vornehme philosophische Zurückhaltung auf, weil es sich um die Ehre des jüdischen Volkes und die reine Hoheit der Mischen Lebensanschauung -handelte, der er mit leidenschaftlicher Liebe ergeben war und seine Lebensarbeit gewidmet hatte- Denn Philo war ein begeisterter Jude, und diese Auffassung müssen wir uns stets gegenwärtig halten, wenn wir ihn begreifen wollen. Hingegeben der hohen Kultur des hellenischen Volkes, vollgesogen mit griechischer Weisheit und Bildung, sah er mit klarem Blick, daß dieser Kultur das Fundament und die Spitze fehlten, und dieses Fundament und diese Spitze bot ihm das Judentum, richtiger der Mosaismus. Philo war Grieche und Jude, beides in harmonischem Einklang, und die Frage ist müßig, welches Moment bei ihm überwog. Im Gegensatz zur christlichen Forschung kann man vielleicht eher behaupten, daß die jüdische Geistesrichtung in seinem ganzen Wesen sich stärker ausprägt. Denn in Lebensweise und frommer Gesinnung war Philo streng jüdisch. Die Bibel, deren Göttlichkeit ihm nicht im -geringsten fraglich ist, ist zugleich das Grmidbuch aller Philosophie. Hier sind alle Probleme des Denkens gelöst. Nur muß man den wahren Gehalt dieses Buches zu erfassen verstehen, der nicht dem schlichten Verstand, sondern der Intuition sich erschließt. Die Heilige Schrift hat einen esoterischen, d. h. inneren Sinn, der durch die Anwendung der Allegorie voll ausgeschöpft wird. Dadurch gewinnen nicht nur die Gesetze, sondern auch die Erzählungen und Persönlichkeiten der Bibel eine tiefere, symbolische Deutung, und die letzteren werden zu typischen Vertretern von Gedanken und sittlichen Forderungen. Trotz schrankenloser, alles vernünftige Maß überschreitender Anwendung -dieser allegorischen Methode weist Philo die Konsequenz, die viele hellenistische Weltjuden daraus gezogen haben, weit von sich, daß etwa die Gültigkeit des Zeremonialgesetzes dadurch ausgehoben werde. Wiederholt betont er mit starkem Nachdruck die Notwendigkeit dieses Gesetzes als des adäquaten Ausdrucks der jüdischen Lebensansicht. Die äußere Religronsübung ist die Uebertragung der höchsten religiösen Wahrheitenin das Menschenleben. Dieses Gesetz bringt dem Mischen Volke täglich die Ausgabe in Erinnerung, Priester der Menschheit zu sein und seine Ideen der Welt zu verkünden. Philo ist eifriger Verfechter des jüdisch-hellenistischen Missirmsgedankens. Das Judentum soll durch großzügige, offene Propaganda die Heiden von der Vorzüglichkeit seiner Weltanschauung Merzeugen und den Mischen Lebensgedanken in die weitesten Kreise tragen. Nichtjuden, die mit ehrlichem Willen dem sittlichen Monotheismus mit allen seinen Konsequenzen sich anschließen, sollen a-ls ganze Juden gelten und sogar mit besonderer Achtung behandelt werben für den Idealismus, der sich in ihrer Hinwendung zu der keine äußeren Vorteile bietenden jüdischen Lebensauffassung kundgibt. Aber gegen die Mischehen -eifert Philo, gerade weil durch -sie der Abfall vom Judentum begünstigt und die Erziehung der Kinder im Mischen Sinne nicht gewährleistet ist. Der Einfluß dieser Philonischen Gedankenwelt auf die Entwicklung des Judentums der Neuzeit ist unbestreitbar groß. Dieser jüdische Philosoph hat mit feinsinnigem Geiste das Ewige und Erhabene jüdischer Kultur erfaßt, seine Gedanken sind uns in ihrem größten Teil fast zum Gemeinplatz geworden. Wenn er auf die fernere Gestaltung des Judentums bei oberflächlicher Betrachtung scheinbar keine Wirkung ausgeübt hat, so liegt die Schuld daran nicht in seiner Lebensausicht, sondern in der -katastrophalen Auslösung des jüdischen Staatslebens und der dadurch bedingten Neuorientierung des Judentums sowie in der Entstehung und Verbreitung des Christentums. Aber die Wissenschast des Judentums hat ihm einen Ehrenplatz unter den jüdischen Geisteshelden gesichert, und feine allseitige Anerkennung wird die Zukunft vollenden. Der fall Lrrjgck. (6. Forts.) Von Lydia Anerbach. Und ich soll nicht mitkommen", schmollte die Gräfin. „Legen Sie bei dem Grafen ein Wort für mich ein, Herr Staatsanwalt; ich möchte Ihren Sieg so gern in seinem vollen Glanze sehen." „Nein, nein, mein Kind", lehnte ihr Gatte ab. „Ihre Durchlaucht hat -vor wenigen Minuten den Damen ihrer Suite deutlichnahegelegt, die leidige Affäre möglichst wenig in den Bereich ihrer Atmosphäre zu ziehen." „Ich gehöre aber nicht zur Suite Ihrer Durchlaucht." „Nein, mein Kind, ich jedoch zu derjenigen Seiner Durchlaucht, und deshalb haben wir davon Notiz zu nehmen." „Lassen Sie es sich nicht leid sein, gnädigste Gräfin", sprach der Staatsanwalt eitel, „vielleicht würden Sie nur Zeugin meines glänzenden Fiaskos sein, wenn Ihre Durchlaucht weniger gestreng wäre." „Sie — Fiasko", rief die Gräfin. „Ich habe erst kürzlich eine Niederlage erlitten." „Wäre der Bursche strafmündig gewesen, hätten Sie glänzend gesiegt", bemerkte der Hauptmann. „Glauben Sie, gnädigste Frau, die bevorstehende Schlacht gewinnt der Herr Staatsanwalt-" „Also, meine Herren", grüßte der Graf, „ans frische, fröhliche Auskehr!" Der Oberst Tarwitshok, von Vangerdios Regiment, trat zu der noch immer zahlreichen Gruppe. „Sie haben beim Manöver gut abgeschnitten, Leutnant Vangerdio", sprach er, dessen militärischen Gruß mit kräftigem Handdruck erwidernd. „Ich freute mich. Sie in meinem Berichte erwähnen zu können." „Ich gestatte mir, dem Herrn Oberst für seine Güte meinen wärmsten Dank auszusprechen." „Und ich werde Ihnen bald zur Beförderung gratulieren können, Herr Hauptmann Sönkevost; das wird ja ein Riesenprozeß, dessen Urheber Sie sind." „Die Fäden des Gewebes sind nun von geeignetster Hand zusammengefaßt worden. Herr Oberst." „Ich wollte, ich hätte Sie an der Front, Herr Staatsanwalt. Der Mut der Initiative ist nicht hoch genug zu schätzen." „Darf ich Ihre freundliche Gesinnung zum Besten der vorliegenden Sache in Anspruch nehmen, Herr Oberst?" „Selbstverständlich. Ich bin zu jeder Hilfe bereit, wenn derartige Ungeheuerlichkeiten bekämpft werden müsien."

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