Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- Seite 268 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Religion ihre Alleinherrsch>aft streitig. So entsteht eine bedenkliche seelische Zerrissenheit, aber auch ein fröhliches Suchen neuer Einheit, eine unstillbare Sehnsucht nach- Versöhnung von Wissen und Glauben. In diesem Ringen um einen neuen geistigen Lebensinhalt ist die Menschheit bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Dasselbe Bild ergibt sich bei der Betrachtung des Inden. Nur endet für die Judenh-eit bas Mittelalter einige Jahrhunderte später und' beginnt die neue Zeit erst bann, wenn für die allgemeine Kultur schon bie neueste anfängt. Me Gesamtentwicklung des Judentums geht in noch stärkerem Maße als im Christentum und Islam in der Richtung auf bas Religiöse. Hier ist die Einheit der Lebensanschauung die denkbar vollkommenste und natürlichste. Die geistige Signatur des Judentums ist im tiefsten Grunde die Erhebung über die Interessen dieser Welt ptn Unendlichen und Ewigen, die Lebenserhöhung im dauernden Dienste des Ideals, aber unter völliger bewußter Ausschaltung der leb-ensseindlich-en Askese, vielmehr in der vollen Würdigung aller seelischen Funktionen und Lebensmächte. Aus dieser Weltbejahung ergibt sich eine allfeitige Akklimatisierung au fremde Kultuvkreise, die den Juden innerlich nötigten, sich mit den geistigen Strömungen seiner Zeit, mit dem wahren Zeitgeiste, sei es in Gegensatz oder Ausgleich, auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhänge ist die ganze jüdische Religionsphilosophie nichts anderes als der großartige Versuch einer Ausgleichung jüdischer und allgemeiner Kultur im heidnischen Altertum, im christlichen und mohammedanischen Mittelalter und in der wissenschaftlich orientierten Neuzeit. Die großen jüdischen Denker von Philo von Alexandria bis Hermann Cohen stellen in ihrer Lebensanschauung bedeutsame Dariationen der lebendigsten jüdischen Weltansicht dar und sind deshalb für bas Verständnis und die Entwicklung des modernen Judentums von grundlegender Wichtigkeit. I. Philo vonAlexandria (20 v. bis 50 n. d. g. Z.). Mit Aristoteles, dem Universalgenie des Altertums, hatte der schöpferische griechische Geist seinen Höhepunkt erreicht. Sein welterobernder Schüler Alexander der Große läutet eine neue Epoche des Hellenentums ein. Griechische Art und Sitte dringen in die fernsten Weltgegenden und finden eine ungeahnte Ausbreitung. Aber was sie an Umfang gewinnen, verlieren sie an Tiefe. Es erfolgt eine höchst merkwürdige Einfühlung des Griechentums in die verschiedenartigsten Kulturen, eine Vermählung des Abendlandesmit dem Morgenland. Die fruchtbare Periode des Hellenismus hebt an, dessen Zentrum nicht mehr Achen, sondern Alexandria ist. Hier laufen auch allmählich alle Fäden des Diasporajudentnms zusammen und erzeugen eine von der geistigen Art des Palästinensischen Mutterlandes fast -ganz unabhängige jüdische Richtung-, den jüdischen Alexandrinism-us, dessen geistvollster Repräsentant Philo ist. Philos Weltanschauung ist durchaus religiös orientiert. Das lag nicht nur an seiner Begeisternng für die großen Ideen des Judentums, sondern auch in der Richtung seiner Zeit, die eine bewußte Wendung zur Religion vollzogen hatte, nachdem das allgemeine Bildungsstreben mit seiner rein philosophischen Grundlage bei dem gewaltigen moralischen Niedergang des Altertums Schissbruch erlitten hatte. Anderseits genügte dem Menschen die antike Götterwelt nicht mehr. Die alles nivellierende Aufklärung des Hellenismus hatte den Olymp entvölkert, und deshalb wies Philo bei dem Zusammenbruch der antiken Religiosität die Heidenwelt auf die jüdische Lebensan-sicht -hin, die von griechischer Skepsis und epikuräischer Gottlosigkeit nicht -berührt und angekränkelt war. So muß man das umfangreiche literarische Werk Philos als den iinposanten Versuch betrachten, das Judentum in den weitesten Kvöison zu -propagieren, es den gebildeten Heiden gegenüber, zu denen bereits eine starke Kenntnis von der jüdischen Art gelangt war, zu rechtfertigen und zu begründen, es überhaupt der völlig fremden Psyche -verständlich zu machen. Dazu mußte der Lehrgehalt des Judentums mit bewußter Bestimmtheit erfaßt und philosophisch verarbeitet werden. Philo ist der erste Jude, der die jüdische Gedankenwelt -unter große leitende Gesichtspunkte gebracht, zugleich eine Versöhnung dieser Leben sausicht mit den Systemen der großen griechischen Denker, vor allem Platos und der Stoiker, -erstrebt und mit höchster Originalität durch-gefü-hrt hat. Bei jedem Schritt aber, den er aus diesem Wege unternimmt, ist er sichdessen bewußt, daß der jüdische Standpunkt der höhere ist; ja die Bibel ist für ihn das tiefste philosophische Buch, das zugleich -die wertvollste Anweisung zu einem seligen Leben gibt. Es muß -endlich auch diesem vornehmen jüdischen Denker die volle historische Gerechtigkeit zuteil werden: man muß ihn durchaus und ausschließlich als jüdischen Philosophen beurteilen und die Auffassung preisgeben, die ihn zum Wegebereiter des Christentums macht. Die Grundlage seiner ganzen Weltansicht ist der reinste monotheistische Gottesg-edanke, -erfaßt in seiner höchsten Universalität, Außerweltlichkeit und Geistigkeit. E i n Gott, philosophisch genannt das Seiende schlechthin, das- Allgemeinste von allem, aber nicht identisch mit der Welt, nicht pantheistisch verschwommen, sondern ganz im lebendigen jüdischen Sinne außerhalb -des Kosmos, so transzendent, so außevweltlich, so erhaben, daß Philo -nicht einmal die unmittelbare Schöpfung der wirklichen Dinge durch diesen Gott vollziehen läßt. Der Allgeist muß, um nicht durch, die direkte Beziehung zur Materie erniedrigt zu werden, sich unzähliger Kräfte bedienen, die, zu einer Gesamtkraft vereinigt und mit Logos bezeichnet, die greifbare Sinnenwelt -hervorgebracht haben. lieber das Wesen dieses Logos, der in den -Gedanken Philos -einen hervorragenden Platz einnimmt, kommt freilich unser Philosoph nicht zu eindeutiger Klarheit. Ob er darunter die göttliche Vernunft und Weisheit oder das in -der Welt herrschende Vevnunftgesetz oder endlich eine von Gott geschaffene, höchst schöpferisch wirkende, rein geistige Persönlichkeit versteht, darüber wird man wohl nie zu einem abschließenden Urteil gelangen. Ens dieser Einheit der Gottesidee geht -die Einheit der Welt hiervor, in der ein einheitliches göttliches Gesetz waltet. Dieses Gesetz zu kennen und ihm gemäß zu leben, ist die Aukgabe des Menschen, der -damit ein Kosmopolit, ein Weltbürger im reinsten und tiefsten Sinne wird. Die notwendige Konsequenz wiederum aus diesem einheitlichen Weltgödanken ist der -einheitliche Menschheitsgedanke, der zur allgemeinen Menschenliebe führt, die keinen Unterschied zwischen Hellenen und Barbaren, d. h. Nichchellenen, kennt. Unterschiede zwischen den Menschen ergeben sich nur aus chver Stellung zu Gott: Erdenmenschen, die in der Sorge für ihr leibliches Wohl ausgehen und der Sinnlichkeit und dem Genüsse leben; Himmelsmenschen, zu denen man die nach Erkenntnis und Wissen strebenden Philosophen rechnen kann, und Gottesmenschen, die in intuitivem Schauen sich in das Wesen und Wirken des unendlichen Geistes versenken und zu denen die Propheten gehören, allen vova-n Moses, der -den Gipfelpunkt reinsten Menschentums darstellt. Aus dieser Differ-enziernwg der Menschen leuchtet die Philonische Geringschätzung der Materie und des Sinnlichen hervor: eine Hinneigung zur Askese und Weltabgekehrtheit, die daS geistige und sittliche Prinzip des Judentums auf die Spitze treibt und verständlich wird durch den Lebensjammer, der weite Kreise, auch des Heidentums, in der