Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- Seite 267 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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267 Ergänzend fei noch erwähnt, daß frei Nummer 1 unterhalb des neunten Lichtträgers ein Schild ungeordnet ist, das den Namen des Geschenkgefrers usw. aufnehmen kann. Ich hatte für das Musterstück die Inschrift „25 164" einschlagen lassen, das Datum des ersten .Anzündens der Ehanuka- Menorah. Dr.-Jng. Alfred Grotte (BreAmr). Frsnröülcher Gottesdikntt in drr Synagoge in Wiesbaden. Von BenasLevh (Berlin). er Herbst in Wiesbaden ist unvergleichlich schön. Die Blätter fallen von den Bäumen und besäen die Gärten und Alleen. Im Kurgarten und im Nerotal finden wir noch viele vollbelaubte Bäume, die in den herrlichsten Farben sich zeigen — bald hellgrün, bald dunkelgrün, bald hellgelb, bald goldgelb. In allen Nuancen zeigen sich die Blätter, bevor sie Vom Sturme verweht, zu Boden gleiten. Und fährt man nach dem nahen Biebrich, dann grüßen wir wieder den deutschen Rhein, der so ruhig dahinfließt, als wäre nichts gegen früher verändert. Leider aber ist es ganz anders geworden. Die Amerikaner und die Engländer, die Franzosen und die Holländer haben sich in Wiesbaden eingenistet und haben alle Hotels und Pensionen «besetzt. Sie leben hier bei dem jetzigen Höhen Stand ihres Geldes fast umsonst. Sie kaufen in den Geschäften nötige und unnötige Gegenstände, da diese trotz der hohen Preise lächerlich billig für die Ausländer sich stellen, und «schicken sie in ihre Heimat. Die Folge hiervon ist, daß der Deutsche, der hierher kommt, Mühe hat, eine Unterkunft zu finden, und daß er die teuersten Preise anzulegen gezwungen ist. — Die französische Besatzung macht sich hier überaus unangenehm fühlbar. Auf den Straßen Wiesbadens Promenieren die französischen Offiziere und Soldaten in großer Menge. Kurz vor dem Kurgarten, im früheren Hotel Hohenzollern, ist die Intendantur der Entente. Davor steht ein Schilderhaus, blauweißrot angestrichen, und auf und ab marschiert die Wache — ein Marokkaner mit einem roten Fez auf dem Kopfe. Das frühere Schloß, in dem ehemals 'Kaiser Wilhelm II. so oft gewohnt hat, ist das Hauptquartier und die blauweißrote Fahne flattert von dem Dache. Wir glauben, in einer französischen Garnison uns zu befinden. Wie tief aber schmerzt es uns, wenn wir plötzlich Trompeten hören und eine Division franwstscher Soldaten mit ihrer Fahne an der Spitze durch die. Straßen marschieren sehen. Ein vor mir befindlicher Herr, ein Glaubensgenosse, bedeckte mit seiner Hand seine Augen, um dieses jeden Deutschen tief bedrückende Schauspiel nicht mit ansehen zu müssen. Vae victis — wehe den Besiegten! Das empfinden wir hier, in Biebrich und in Mainz, aus Schritt und Tritt. Das war auch heute, am Mittwoch, den 2. November, das Gefühl, das mich beherrschte, als ich mich früh 8 Uhr in die ichöne Wiesbadener Synagoge am Michelsberg begab, um öem französischen Gottesdienst beizuwohnen. Allerseelentag ist's — und diesen Tag begehen die Franzosen in allen Kirchen und Synagogen, um ihrer Toten zu gedenken. Schon der Eingang zur Synagoge war mit französischen Fahnen reich geschmückt. Im Innern der Synagoge waren 25 bis 30 blauweißrote Fahnen angebracht und selbst das Almemor war beleckt mit Stoffen aus den gleichen Farben. Nur das Allerheiligste, vor dem der meist mit Gold bestickte Vorhang hing, >var frei geblieben. Pünktlich fanden sich die Besucher ein und *!4- Uhr, zum Beginn des Gottesdienstes, war die Synagoge ganz gefüllt. Auf der rechten «Seite saßen Hunderte von französischen Offizieren in ihren Paradeuniformen, auf den ersten Plätzen Majore und Generäle. Auf der linken Seite nahmen französische Zivilpersonen Platz, darunter drei sehr würdig ausse«hende Matronen vom Roten Kreuz. Auf den Seitenplätzen waren die Soldaten untergebracht — jüdische und christliche untereinander gemischt. Marokkanische Soldaten, unter denen ich viele mit streng orientalischem — meist jüdischem Typus entdeckte, — waren nicht zum Gottesdienst gekommen. Vermutlich, weil sie den Allerseelentag nicht feiern. Die Synagoge machte den Eindruck, als ob ein Feldgottesdienst im Kriege stattfände — nicht als ob wir schon drei Jahre Frieden hätten. Das einzige, was unseren tiefen Schmerz milderte, war das Bewußtsein, daß die Feier den Toten galt. Wir betrauern alle ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse, die ihr Leben für ihr Vaterland hingegeben haben. Der Gottesdienst wurde mit einem Präludium auf der Orgel eingeleitet; ernst und feierlich klangen die Töne durch das Gotteshaus. Der Synagogenchor sang „Alm hamezar" in der Komposition von Haldvi, und nach Beendigung des Gesanges trat der französische Armeerabbiner In st in Schu hl an die Rampe vor dem Almemor. Er sprach ein längeres Gebet mit eindruckvollen Worten in französischer Sprache, öffnete dann die heilige Lade, nahm eine Thorarolle heraus und mit der Thora im Arm verrichtete er das Gebet für die Toten. Der Armeerabbiner war in militärischer Kleidung, mit dem Käppi auf dem Kopf und hatte einen Tallis umgelegt. Der hiesige Oberkantor Abraham Nußbaum sang mit seiner wohlklingenden Stimme Adonoj moh odom und Moh raw tuwcho in der Komposition von Goldberg, und alle Anwesenden wurden von diesen tief ergreifenden Tönen mächtig bewegt. Der Armeerabbiner stellte dann die Thorarolle zurück, sprach, vor der geöffneten Lade das Kaddischgebet und nach einem kurzen Nachspiel auf der Orgel war der stimmungsvolle Gottesdienst zu Ende. Der General drückte dem Armeerabbiner seinen Dank aus, «schüttelte ihm die Hand und verließ, begleitet von seinen Adjutanten, das Gotteshaus. In bereitstehenden Kraftfahrzeugen fuhren die höheren Offiziere in die Kirche, wo ebenfalls Gottesdienst abgehalten wurde. Der Armeerabbiner ratterte in seinem Auto nach Mainz, wo er stationiert sein soll, zurück. Es war eine so seltene Feier, daß die Beschreibung als ein Dokument unserer Zeit aufbewahrt zu werden verdient. Bit Lebensantchanungen der großen jüdischen Senker. Bon Rabbiner Dr. Löwenstc> m m (Spandau). Einleitung. eit der Wiederbelebung des klassischen Altertums zur Zeit der Renaissance sucht der europäische Mensch nach einer einheitlichen Lebensanschauung. Eine neue Welt war damals in seinen Gesichtskreis getreten und machte ihn in seinen Gvundüberzeugungen wankend. Bis dahin hatte er einen Mittelpunkt für sein geistiges Dasein, um den sich alle seine äußeren und inneren Interessen bewegten. Dieses Zentrum war die Religion, und trotz der großen schwarzen Flecke des Aberglaubens und des Fanatismus, die die mittelalterliche Religiosität charakterisieren, bietet doch, der Kulturmensch jener Zeit das Bild einer gewissen Geschlossenheit und Ausgeglichenheit seines Wesens «dar. Mit «dem Eintritt «der Antike in die europäische Bildung ändert sich wie mit einem Schlage der Gesamteindruck, Die Wissenschaft und die „Voraussetzungslose" Philosophie beginnen chren Siegeslauf und machen der