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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-11-11 · Heft 23 (11.11.1921) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 23 (11.11.1921)
Date
1921-11-11
Page
Seite 265 (sequence 7)
Language
German
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265 welche den Sturz der alten Regierung theoretisch und praktisch herbeigeführt hätten. Die Grundursache war zweifellos, daß das deutsche Staatsschiff nicht zwischen der Szylla des Sozialismus und der Eharybdis der doutschnationalen Herrenkaste hindurchgesteuert werden konnte. Sollten die jüdischen' Idealisten, welche am eigenen Körper fortdauernd erfahren hatten, wie die Herrenmoral der Kaste gegen die Rechte allgemeinen Menschentums verstieß, sich auf die Seite jener Regierungsform stellen? Der Sozialismus ist im Grunde mehr eine Erscheinung des Christentums. Das Judentum steht mehr auf dem demokratischen Standpunkte. Also haben die jüdischen Idealisten, welche überdies fast regelmäßig aus dem Judentum ausgetreten sind, ihre Ideen vom Christentum mehr als vom Judentum entnommen. Das Märchen vom Dolchstoß in den Rücken des deutschen Heeres ist eine Ausrede der Herrenkaste, um die Schuld am' Kriege von sich abzuwälzen. Der Krieg konnte einfach gegen eige Welt von Feinden nicht günstig verlaufen. Das hätte die Herrenkaste beizeiten verhindern können, wenn sie wirklich aufrichtig und welterfahren gewesen wäre. Die Juden waren im alten Staatswesen jedenfalls bedeutungslos. Welch großes Geschrei erhebt heut noch die Kaste, wenn im neuen Staate ein Jude einen Ministerposten erhält. Dagegen denkt in England niemand an Widerspruch, wenn ein Jude zum Vizekönig von Indien als geeignetster ernannt wird. Deshalb sind alle Versuche der Zentralvereinler, die deutschen Antisemiten zu bekehren, erfolglos verlaufen. Die Anprangerung antisemitischer Annoncen und gerichtliche Verfolgung empörender Ausschreitungen sind ein zweischneidiges Schwert und haben nicht selten geschadet. Der einzige Weg, welcher zum Ziele führen kann, ist der zionistische. Wenn in Palästina ein jüdischer Kleinstaat errichtet ist, so fällt den Juden eine Stimme im Völkerbund zu. Von hier aus können judenfeindliche Exzesse vor ein Völkergericht gebracht und abgestellt werden. Allerdings sollte der jüdische Staat nicht auf rein sozialer Grundlage politisch aufgobaut werden, sondern aus der Grundlage der mosaischen Gesetzgebung, um ewigen Bestand zu haben. Wir sehen das jüdische Volk als einziges von allen Men Völkern, selbst dem mächtigen Römervolke bestehen, und die Exzistenz verdankt es seiner Thora und ihren unvergänglichen Lehren, welche auf realer Menschheitsbeobachtung aufgestellt sind. Die Wahrheit kann unterdrückt, aber nicht mit dem Knüppel erschlagen werden. Ohne Thora ist der Bestand des JudenstaateS gefährdet, wie ja alle politischen Reiche untergegangen sind. Zuletzt sei der unbegründeten Vorwürfe der Zentralisten gegen den Zionismus gedacht, daß nicht alle 12 Millionen Juden in Palästina untergebvacht werden könnten. Die Zionisten wissen sehr genau, daß schon die Transportschwierigkeiten eine Ausgabe der Diaspora unmöglich machen. Wieviel Menschen Palästina aufnehmen kann, ist überhaupt nicht zu bestimmen. Das hängt von der Erschließung des Landes ab. Das kleine England ernährt seine 40 Millionen ausgezeichnet, allerdings im Wege des Handels und der Industrie. AionisinuS heißt ebensowenig: alle Juden mästen nach Palästina, wie Darwinismus: der Mensch stammt vom Affen ab. Zwar ist das zionistische Unternehmen noch ein neugeborenes Kind, aber schon von vielen Gefahren bedroht. Die Franzosen haben das an sich kleine Palästina zum Teil in ihr syrisches Mandat einbezogen, die Araber sind wahrscheinlich vog ihrer Seite aufgehetzt, und der Papst ist als Feind ausgetreten, der Statthalter Ehristi, welcher für alle Greuel, die man den Juden nach dem Kriege in katholischen Landen zugefügt hat, kein Wort des Tadels finden konnte, geschweige seinen Bannfluch ausgesprochen hat. Das ist der Fluch der weltlichen Machtgelüste der katholischen Kirche. Mosis hat ganz recht, als er die Juden warnte, ein großes Reich zu bilden. Dennoch hoffen die Zionisten, alle Schwierigkeiten überwinden zu können. Einegroße Zahl frommer evangelischer Christen glaubt an die Verheißungen der Propheten und steht dem Unternehmen freundlich gegenüber. Das sollten auch die frommen Juden tun und nicht Mein in der Erfüllung der Vorschriften des Judentums ihren Zweck sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Juden schon so weit versklavt siUd, daß sie sich nicht mehr als Brüder und als Abkömmlinge eines der hervorragendsten Kulturvölker fühlen. Es ist eine Schande, wenn ein amerikanischer Rabbiner die Bitte: Leschono habo biruscholajim in der Weife erklärt, daß sein New Dort, wo es ihm gut geht, sein Zion ist. Dabei sind die Juden, besonders in Osteuropa, von allen Seiten auf das schwerste bedroht. Erhoffen wir daher von den Juden und Palästina die Erfüllung des Spruches, den Goethe als der Weisheit letzten bezeichnet hat: Solch ein Gewimmel möcht' sich seh'n, Auf freiem Grund mit freiem Volke steh'n. Für Augenblirke Mktff ich sagen: „Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spür von meinen Erdentagen Nicht in Aeonen untergeh'n." Bit und Wrtt am Orrgelttrand. u der noch in der Entwicklung begriffenen Kulturgeschichte der jüdischen Hauptgemeinden des deutschen Ostens bringt eine von dem zeitigen Leiter des Verwaltungsbureaus der Jüdischen Gemeinde Königsberg i. Pr., Obersekretär Joseph R o s e n t h a l, verfaßte Festschrift wertvolle Beiträge, die unter dom Titel „Die gottesdienstlichen Einrichtungen in der Jüdischen Gemeinde zu Königsberg i. Pr." vor kurzem erschienen ist... Wenn der Dichter mit Recht gesagt hat: „Ex Oriente lux, vom Aufgang der Sonne, von Osten kommtdas Licht", so sehen wir es -gerade in der heutigen Zeit, wie richtig Goethe auch für die Zukunft geurteilt hat: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen..." In Königsberg i. Pr., der Stadt der reinen Vernunft (dieses Wort hat, wie man in G. Büchmanns Buch „Geflügelte Worte" lesen kann, Dr. Freystadt, ein seinerzeit in Königsberg i. Pr. lebender und mit dem Rabbiner Dr. Is a akB am ber g er befreundeter jüdischmSchriststeller, geprägt), haben nicht nur die „Aufklärer" der Zeit Moses Mendelssohns, David Friedländers usw., sondern auch talmudifch gebildete und gelehrte Männer des jüdischen Ostens eine reiche Wirksamkeit zur Wiederbelebung jüdischer gottesdienstlicher Einrichtungen entfaltet, religiöser Bräuche, die in der Zeit des Rationalismus und der von H. Grätz mit Recht gerügten Königsberger Judentaufen schon halb erstarrt schienen. Nun zeigt Obersekretär I. Rosen thal auf Seite 47 und 48 seiner verdienstvollen Schrift, wie der Vorgänger Isaak Bambergers, Rabbiner Jakob Hirsch Mecklenburg, neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in 30jähriger Amtsführung auch durch Sammlungen, namentlich in Rußland, so reiche Mittel für E r e z Jisrael aufbrachte, daß er aus denselben dort sogar eine Friedhofsmauer errichten konnte, wofür er den Titel Nasi Erez Jisrael aus Jerusalem erhielt (S. 48). So wurde das merkwürdige Wort, das der Philosoph Immanuel Kant, zu -dessen Königsberger Denkmal ebenso wie

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