Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-11-11 · Heft 23 (11.11.1921) · p. Seite 264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 23 (11.11.1921)
Date
1921-11-11
Page
Seite 264 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229505--76459-3289055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

264 der tiefen Trauer, welche alle, die ihm näher gestanden, erfüllte. Einfach und bescheiden in seinem Auftreten, war seine wahrhaft vornehm wirkende Persönlichkeit der Typ eines in sich ausgeglichenen, reinen Charakters. Seine Vermögensverhäiltnisse gestatteten Dr. Oliven die Ausübung weitestgehender Wohltätigkeit, die er jedoch im stillen übte. In allem großzügig: in Lebenshaltung, Wohltun, seinem Wirken und Streben, war es eine Freude, mit dem Verstorbenen zu arbeiten. Der junge Oliven absolvierte seine medizinischen Studien in seiner Vaterstadt Breslau und später in Freiburg. Er erwählte sich die Psychiatrie zu seinem Spezialfach. Nach erfolgter Approbation betätigte sich der Verstorbene einige Jahre als Assistenzarzt am Allerheiligen- Hospital in BreSlau. Dann ging er nach Wien und Paris, um sich in den dortigen Anstalten weiter in seinem Fach zu vervollkommnen. Nach Berlin zurückgekehrt, übernahm Dr. Oliven Professor Mendels Privatirrenanstalt in Pankow als Leiter. 1889 begründete er zusammen mit seinem Studienfreunde Dr. James F r a e n k e l die Nervenheilanstalt Berolinumin Lankwitz bei Berlin. Das Unternehmen vergrößerte sich stetig; es entstand bald auch eine Privatirrenanstalt, ein Sanatorium trat hinzu. Sämtliche Anstalten zeugten von Dr. Olivens Organisationstalent, sie galten als die komfortabelsten und besteingerichteten Anstalten Deutschlands. Der Heimgegangene erwarb sein Erbe durch strenge Pflichterfüllung, durch unausgesetzte Arbeit. Doch nicht nur seinem Berufe als Arzt galt sein Streben und Wirken, auch innerhalb der Verwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde wirkte Dr. Oliven segensreich und betätigte sich besonders als fleißig arbeitendes Mitglied der Armenkommission. Zunehmende Kränklichkeit nötigte den Tätigen zur Niederlegung seiner Ehrenämter. Nichtsdestoweniger nahm er, einem Ruse folgend, das Amt eines Ersten Vorsitzenden im Verein Israelitisches Lehrerinnenheim an und bekleidete dieses Amt mit Liebe und Hingebung 16 Jahre hindurch.— Die Kriegsjahre stellten auch an Dr. Olivens Arbeitskraft hohe Anforderungen. Zum Teil wurden seine Anstalten in Lankwitz zu Kriegslazaretten nmgowandelt. Die starke Belegung derselben mit Schwerverwundeten erforderte seine ganze Kraft. Väterliche Fürsorge wandte er den jungen Kriegern zu, sorgte für ihre Privatinteressen und geistige Unterhaltung. Mit weitgehender Umsicht waltete seine treue Gattin als Schwester; sie leitete die Verpflegung der großen Anzahl Verwundeter und Kranker hingebungsvoll. Besondere Ansprüche an sein Wissen und seine Hilfsbereitschaft stellte seine Tätigkeit als Leiter der ärztlichen Forschungsreisen seit 1901. Als Generalsekretär dieser Aerztegesellschaft gab er ein Jahrbuch heraus, in welchem die Resultate der wissenschaftlichen Expeditionen niedergelegt waren. Seine Kollegen anerkannten und liebten ihn als Förderer, Leiter und Freund. Als Dr. Oliven sein Ende herannahen fühlte, benahm er sich heldisch. Gefaßt verabschiedete er sich von der teuren. Gehetinrat Dr. Albert Oliven, geb. 6. März 1860 zu Breslau, gest. 7. Oktober 1921 in Berlin. Gattin, dem Bruder, den übrigen Angehörigen und von den Freunden. Zuletzt galt sein Denken auch dem Heim in Lichterfelde. „Grüßt mir das Lehrerinnenheim!" waren die Worte kurz vor seinem Ende. — Ein Mer, aufrechter Mann, ein opferbereites Herz war uns entrückt. Friede sei mit ihm. F. Cohn-Neßler. Lur VrrttsnMguns der deutschen Juden. Von Sanitätsrat Dr. Laserstein tBerlin-Friedenaw. (Schlich.) B track, ein ausgezeichneter Kenner des Judentums hat eine Zahl von Beschuldigungen der deutschen Antisemiten gegen ihre jüdischen Mitbürger zusammengeftellh.welche Engel im „Deutschen Reich" treffend widerlegt hat. Nur über die zionistischen ist er stillschweigend hinweggegangen, weil er sie wahrscheinlich für berechtigt hält. Die Zionisten sollen, in ihrem Streben, einen Judenstaat iiWalästinja zu errichten, soweit sie deutsche Staatsangehörige sind, die feindlich englischen Interessen unterstützen. Ganz mit Unrecht. Denn die Zionisten verlangen von den Engländern Hilfe für die Judennot, die sich für die Ostjuden in körperlicher Knechtschaft, für die Westjuden in nicht weniger drückender geistiger Weife zeigt. Die zeitig größte Weltmacht braucht wahrhaftig nicht die Hilfe, ausgerechnet des unglücklichsten Volkes der Welt. Ueberdies wären die Zionisten ebenso zufrieden gewesen, wenn Deutschland gesiegt hätte und ihnen eine Deklaration hätte geben können. Die deutschen Einwanderer nach Palästina werden, soweit sie können, ihr altes Vaterland sicher gegen ungerechte Behauptungen schützen und für Handelsbeziehungen sorgen. Vielleicht wird Deutschland von ihnen mehr Nutzen haben als von vielen nationaldeutschen Juden. Natürlich kann ein sinnloser Antisemitismus auch das Gegenteil erzeugen. Wenn die Juden als Parasiten im deutschen Wirtskörper leben, wie die Antisemiten geschmacklos behaupten, so muß dasselbe von den Deutschen in Amerika behauptet werden. Im Kriege sahen wir auch in Amerika die gleiche Hetze gegen die eingewanderten Deutschen wie in Deutschland gegen die Juden. Gerade die Juden verstehen die Not Deutschlands und die Eigenart des deutschen Volkes am besten, weil sie sich selbst in ähnlichen Verhältnissen befinden. lieber dem Volksrecht sollte bei den Zionisten wie bei den nationalen Deutschen niemals das Menfchheitsrecht als das höchftehende vergessen werden. Ob Zion aufgebaut wird oder nicht, es ist den Juden jedenfalls ein Ideal geschaffen worden, und was das bedeutet, lehrt die deutsche Kaiserkrone. Sie hat das deutsche Volk zur Einheit und Macht geführt, und wennn diese auch durch schlechte Führung und Ueberhebung verlorengegangen ist, so sollte die geschichtliche Lehre die Zionisten vor gleichen Fehlern warnen, um den Neid der anderen nicht zu erwecken. Sodann seien hier die Engel-Strackschen Ausführungen gegen die antisemitischen Vorwürfe kurz erwähnt. Die deutschen Juden hätten eine große Zahl von Sozialisten gestellt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.